Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Peaches steht in „Orpheus" auf der Bühne
Mehr Welt Kultur Peaches steht in „Orpheus" auf der Bühne
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:10 02.05.2012
Peaches tritt in Berlin mit dem Solistenensemble Kaleidoskop auf. Die Gruppe eröffnet im Juni die Kunstfestspiele Herrenhausen, ohne den Punkstar. Quelle: HAZ
Anzeige
Hannover

Das Experiment des Solistenensembles Kaleidoskop im Berliner Hebbel am Ufer klang in der Ankündigung recht bemüht populär. Doch der kanadischen Rockröhre Merrill Beth Nisker alias Peaches gelingt es in dieser ruppigen Inszenierung von Monteverdis L’Orfeo, der Orpheus-Figur ein neues Antlitz zu verleihen: Peaches ist der Trotz in Person. Mit dem Tod der Geliebten Eurydike will sich dieser Orpheus nicht abfinden, er stampft wie ein kleines Kind mit dem Fuß auf und begehrt mit rauchiger Stimme gegen das Schicksal auf. Dass Peaches keine ausgebildete Opernsängerin ist, ist nicht zu überhören, doch ihr Charisma und die musikalische Qualität von Mitsängern und Orchester gleichen das aus.

Das Solistenensemble Kaleidoskop, das am 1. Juni zum dritten Mal in Folge die Kunstfestspiele Herrenhausen in Hannover eröffnet, vereint nicht nur in seinem Namen Gegensätze: In „Semele Walk“ (2011) etwa kombinierte die Gruppe in einer Modenschau der besonderen Art die barocke Figur der Semele aus dem Oratorium von Händel mit der Modewelt Vivienne Westwoods. Und im Berliner Radialsystem, ihrer Heimatbühne, brachte das Solistenensemble Richard Wagner, Amos Oz und David Grossman unter dem Titel „Die Jaffa-Orangen des Richard W. - Ein israelisches Rheingold“ zusammen.

Anzeige

In der jüngsten Produktion ist schon die Protagonistin eine widersprüchliche Figur: Peaches vereint mit ihren rasierten Schläfen und der zarten Statur das Rebellenhafte mit dem Kindlich-Verletzlichen. Über weite Strecken hält sich L’Orfeo an Monteverdis Partitur von 1609. Nur an einer Stelle - als Orpheus den Totengott Pluto mit der Kraft der Musik herausfordert - brechen Olof Boman (musikalische Leitung) und Daniel Cremer (Regie) diese Form auf und lassen Peaches auf Englisch eine kleine Allmachtsphantasie rocken; der Dirigent des bis dahin brav im Graben spielenden Orchesters haucht dazu den Takt ins Mikro. Kaleidoskop sind dafür bekannt, dass ihre Konzertabende aus dem Rahmen laufen, dass das Performative das Musikalische zu übertrumpfen versucht.

Orpheus, der große Verführer, der schließlich selbst dazu verleitet wird, seine Eurydike entgegen Plutos Weisung anzusehen und so auf ewig zu verlieren, wird hier als Queen (oder King) der Queer-Bewegung inszeniert, die für die Befreiung von Zuschreibungen kämpft, die mit Gender oder sexuellen Vorlieben einhergehen. Eine ungewöhnliche Zuschreibung, die überzeugt: Schließlich ist Orpheus als Wandler zwischen Diesseits und Jenseits eine Figur des Übergangs, die den Respekt vor den Gesetzen beider Welten verweigert. Der Sterilität des Totenreiches (die Geister laufen hier mit Atemmasken und Desinfektionsspray herum) setzt Orpheus die ungebundene Sinnlichkeit entgegen.

„Mach auf der Straße rum“ lautet denn auch eine der Forderungen des Manifestes, das die Nymphen auf der Bühne entrollen. Orpheus’ Hochzeit mit Eurydike gerät zur Orgie mit Fesselspielchen, wobei die Partner so austauschbar sind wie ihre Geschlechter. Countertenor Armin Gramer etwa tritt im lilafarbenen Kleid und in absatzlosen, hufähnlichen Dragqueen-Schuhen auf.

Schon einmal hatte sich Peaches im Hebbel am Ufer selbstironisch als Meistersängerin geriert: als Protagonistin der Rockoper „Peaches Christ Superstar“. Und obwohl Orpheus seine Eurydike nicht nach Hause führen kann, gewinnt doch auch diesmal die Musik. Am Ende brandet ein Trommelwirbel auf, den Peaches in einem furiosen Finale dirigiert. Schließlich lässt sie sich von einem Musiker auf den Schultern tragen wie ein Rockstar.

Die Kommunikation zwischen Darstellern und Musikern ist typisch für das Ensemble. Der aus Hannover stammende Manager Volker Hormann sagt: „Normalerweise haben der Komponist und der Librettoschreiber vielleicht einmal miteinander telefoniert, das Orchester sieht das Ergebnis acht Tage vor der Premiere und hat keinen Bezug zum Stück. Das wollen wir anders machen.“ Das Solistenensemble Kaleidoskop startete vor sechs Jahren als Kammerorchester, die Musik entwickelte sich immer mehr zum narrativen Element, das Konzert zum Musiktheater.

Am 1. Juni wird das Solistenensemble Kaleidoskop erneut die Kunstfestspiele Herrenhausen eröffnen, auch für 2013 ist es schon gebucht. 2010 zeigte es mit „Love Will Tear Us Apart“ bereits eine Orfeo-Adaption von Regisseur Alexander Charim, in die auch Tagebucheinträge von Kurt Cobain und Aufzeichnungen des Joy-Division-Sängers Ian Curtis einflossen. Nach „Semele Walk“ 2011 wird in diesem Jahr „Die Geometrie der Liebe“ (wiederum als Inszenierung von Charim und mit der musikalischen Konzeption von Michael Rauter) nach Pier Paolo Pasolinis Film „Teorema“ gegeben. Darin lässt sich eine ganze Familie von einem Gast verführen, der ebenso plötzlich wieder verschwindet, wie er auftauchte. Danach ist eine Rückkehr in den Alltag für die Zurückgebliebenen nicht mehr möglich.

L’Orfeo ist im Hebbel am Ufer in Berlin auch am 4., 5. und 7. Mai zu sehen. Karten unter (030) 25900427.

Kultur Donnerstag im Literaturhaus - Rolf Rothmann liest aus neuem Roman
Martina Sulner 02.05.2012
Kultur Interview mit Hanjo Kesting - Die Grenzen des Literaturkanons
Martina Sulner 02.05.2012
Kultur Kabarettstar in Hannoer - Richling im Theater am Aegi
01.05.2012