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Kultur Palucca-Schüler tanzen „Nussknacker"
Mehr Welt Kultur Palucca-Schüler tanzen „Nussknacker"
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13:22 21.11.2011
Die Schüler der Palucca-Schule üben für ihren großen Auftritt. Quelle: dpa
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Dresden

Einmal Mäuschen spielen. Wie bewegt sich eine aggressive Maus, wie reagiert sie verletzt, wie kommt eine liebe Maus daher? Im Sommer hat die Dresdner Palucca Hochschule für Tanz ihre Schüler in eine „Mäuschen"-Woche geschickt. Bei Improvisationen sollten sie sich in die kleinen Nager einfühlen, quasi die „innere Maus" in sich entdecken. „Jeder konnte sich überlegen, welche Figur zu ihm passt", erläutert Rektor Jason Beechey die Methode.

Ein paar Monate später haben alle ihre Rolle gefunden, jeder Schritt und jede Bewegung sitzt. Ein paar Tage sind es noch bis zur Premiere von Tschaikowskis „Nussknacker"-Ballett, der Geschichte vom Nussknacker und dem Mäusekönig. Dann gehört den Kleinen eine ganz große Bühne. Immer mal wieder haben Palucca-Schüler und Studenten in der Dresdner Semperoper mitgetanzt, aber noch nie waren so viele Mädchen und Jungen - fast die Hälfte der Schule - beteiligt.

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Jannes Körner ist in der 5. Klasse und verkörpert einen „Jungen aus der Partyszene". Mit seinen Bühneneltern hat er auf den Striezelmarkt zu gehen, der Dresdner Nussknacker besitzt natürlich Lokalkolorit. „Wir müssen begeistert tun, Mädchen ärgern, so wie üblich", verrät der Elfjährige. Irgendwann möchte er "überall auf der Welt tanzen", vor allem in Amerika. Jetzt bangt er erstmal, dass er auf der Bühne nichts vergisst.

Karoline Noack tanzt „auf Spitze" die Mini-Zuckerfee und einen Engel. Am „Nussknacker" gefällt ihr vor allem die Musik, beim Tanzen verliert sie schon mal das Zeitgefühl. „Ich tanze drei Minuten, mir kommen sie wie 30 Sekunden vor", sagt die 14-Jährige und lacht. Dass sie gemeinsam mit den Ballett-Profis der Semperoper tanzen darf, macht sie stolz.

Beechey glaubt, dass auch die „Alten" von den Jungen profitieren. "Sie spüren die ganze Begeisterung und Energie der Schüler, Dinge, die später im Beruf manchmal verlorengehen."

Jason Beechey kann sich noch genau an seinen ersten „Nussknacker" erinnern. Damals war er sieben Jahre alt und tanzte in seiner Heimatstadt Vancouver erstmals mit den „Großen". Weil die kanadische Westküstenmetropole kein eigenes Ballett besaß, gastierte regelmäßig die Company aus Seattle hier. „Ich weiß noch jeden Schritt", sagt Beechey. Gemeinsam mit seinem Landsmann Aaron S. Watkin, Ballettchef der Semperoper, erfüllt er sich nun einen Traum.

Die gemeinsame Choreographie wäre vielleicht gar nicht so bemerkenswert, stünde sie nicht beispielhaft für das Dresdner Ausbildungskonzept. So früh wie möglich sollen Schüler und Studenten Praxis erhalten. Auf diese Weise würden sie auch einen realistischen Einblick in das spätere Berufsleben erhalten, sagt der Rektor und spricht vom Lernen als Prozess und Dialog.

Beechey hat in seiner Ausbildung selbst noch Zeiten erlebt, wo Autorität das Maß aller Dinge war. „Mit Angst bekommt man kein gutes Resultat. Am Ende hat man Tänzer, die reagieren, aber nicht agieren können". Deshalb setze er auf Individualität und Kreativität. Improvisation und zeitgenössischer, aber auch klassischer Tanz sollen als gleichberechtigte Säulen die Ausbildung an der traditionsreichen Schule tragen, die einst von der Ausdruckstänzerin Gret Palucca (1902-1993) gegründet wurde.

Seitdem das Konzept unter Beechey geändert wurde und wieder mehr „klassisch" ausgebildet wird, haben auch die jungen Frauen und Männer aus Gret Paluccas (1902-1993) einstiger Lehranstalt wieder Chancen auf ein Engagement am Ort ihrer Ausbildung. In den vergangenen drei Jahren wurden vier von ihnen an die Semperoper vermittelt, ein Eleven-Programm bildet die Brücke.

Auch anderswo werden Palucca-Studenten gern genommen. In Marseille sind sieben von ihnen in fester Anstellung gelandet. Der Rektor will, dass jeder Student einen Teil der Ausbildung im Ausland erhält, auch Weltoffenheit gehört zur Lebensschule. Beim neuen „Nussknacker" kann nun auch die Welt zuschauen. Der deutsch-französische Kulturkanal arte zeigt die Inszenierung des getanzten Märchens am 19. Dezember.

dpa/fgr