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Kultur Oscar-Verleihung: „Argo" ist bester Film des Jahres
Mehr Welt Kultur Oscar-Verleihung: „Argo" ist bester Film des Jahres
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17:57 25.02.2013
Feiern mit der Crew: Der beste Film des Jahres ist „Argo" von Ben Affleck (1. v. r.). Quelle: dpa
Hollywood

Die Liveschaltung ins Weiße Haus stand, die First Lady persönlich hielt den Oscar-Umschlag in Händen und den Atem an, alles war aufs Schönste gerichtet – auch wenn die Szene atmosphärisch irgendwie an den Weihnachtsempfang des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue erinnerte. Doch welchen Film der Filme zog Michelle Obama dann aus dem Kuvert? Nicht „Lincoln“, Steven Spielbergs gleich zwölffach nominierte Biografie des 16. US-Präsidenten, die damit gewissermaßen an ihren zentralen Schauplatz zurückgekehrt wäre, sondern „Argo“. Ben Afflecks Thriller über eine wahnwitzige Geiselbefreiung aus dem Iran gewann in der Königskategorie.

Für den großen Verlierer Spielberg war das wohl der bitterste Moment dieser 85. Oscar-Verleihung. Ergeben klatschte er weiter. Erst kurz zuvor war der Großmeister vieler Klassen überraschend auch am Regie-Oscar vorbeigeschrammt: Der US-Taiwaner Ang Lee hatte sich diese Statue für seine esoterisch angehauchte Literaturverfilmung „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“ abgeholt und bei dieser Gelegenheit dem „Kino-Gott“ gedankt. Damit war auch Spielbergs Trostpreis weg. Und sogar Pulitzer-Preisträger Tony Kushner und seine hoch gehandelte Drehbuch-Adaption hatten das Nachsehen gegenüber der „Argo“-Konkurrenz.

Die Adelung durch die First Lady könnte noch ein diplomatisches Nachspiel haben: Im Iran wird „Argo“ bereits als „anti-iranisch“ gebrandmarkt und die Frage gestellt, wieso sich gerade bei diesem Werk Obamas Ehefrau einschalte – unabhängige Wahlen sind dort offenbar sogar dann unvorstellbar, wenn es sich bloß um Filme handelt. Angeblich plant der Iran bereits einen Gegenfilm, das wäre dann mal eine interessante Forsetzung.

Dabei hatten die rund 6000 Oscar-Juroren am Sonntagabend im Dolby Theatre zu Los Angeles mit ihren Entscheidungen klargemacht: Sie wollten nicht das Bohren dicker Politikbretter würdigen, wie in „Lincoln“ kunstvoll vorgeführt, sondern lieber Actionspaß haben – wozu auch der leibhaftige Auftritt von Captain Kirk alias William Shatner diente, der als Oberkritiker der Oscar-Show mal eben aus mit dem Raumschiff Enterprise aus der Zukunft herandüste.

In „Argo“ rückt Hollywood selbst in die Heldenrolle – und das in einer mehr oder weniger wahren Story: Kinoproduzenten half nach der Machtübernahme der Mullahs im Iran 1980 mit einer fingierten Filmproduktion bei der Befreiung von sechs US-Geiseln. So viel Selbstbestätigung ist selten. Der Oscar diene der Feier der eigenen „Industrie“, hatte es zuvor schon beim Schaulaufen auf dem roten Teppich bis zur Erschöpfung geheißen – auch wenn das wohl nicht unbedingt so eins zu eins gemeint war. Aber ob „Argo“ tatsächlich länger im Gedächtnis haften bleiben wird als Spielbergs tiefgründiges Politdrama?

Für „Lincoln“ gab es zumindest einen wichtigen Preis: den für Daniel Day-Lewis. Der Brite ist nun der erste Hauptdarsteller, der dreimal in dieser Kategorie abgeräumt hat. Entsprechend flachste er mit Blick auf seine Laudatorin Meryl Streep, dass ursprünglich sie Lincoln und er umgekehrt Margaret Thatcher habe spielen sollen. So viel Mut zur Lockerheit hätte man sich von manchem der professionell stotternden Danksager an diesem Abend gewünscht.

In der weiblichen Konkurrenz machte Jennifer Lawrence mit ihrer abgedrehten Komödie „Silver Linings“ das Rennen. Die mutigere Entscheidung wäre die für Jessica Chastain als Terroristenjägerin in „Zero Dark Thirty“ gewesen. Aber dieser Stoff war der Academy nun wirklich zu heiß: Gegen den Thriller läuft eine Senatsuntersuchung. Die Politiker wüssten gerne, woher die Regisseurin ihr geballtes Insiderwissen hat. So ging Kathryn Bigelow, zuletzt gepriesen für „The Hurt Locker – Tödliches Kommando“, leer aus.

Was auffiel bei der 85. Oscar-Verleihung, waren die so unterschiedlichen österreichischen Temperamente: Christoph Waltz‘ verbuchte den zweiten Sieg im zweiten Tarantino-Film und lieferte in gewohnter Manier eine elaborierte „Django Unchained“-Rede ab, die in einer Huldigung seines Regisseurs gipfelte – dabei wäre die gar nicht nötig gewesen: Quentin Tarantino, nicht eben von Selbstzweifeln gequält, rief nach seinem Triumph in der Kategorie Originaldrehbuch mal eben das „Jahr der Schreiber“ aus.

Haneke dagegen nahm seinen hoch verdienten Auslands-Oscar für „Liebe“ mit einer solchen Nüchternheit entgegen, als hole er eine verspätete Wertsendung vom Postamt ab. Vielleicht hatte 70-Jährige auch einfach genug von der Musik-Dauerbeschallung, all den „Les Misérables“-Auszügen, James-Bond-Reverenzen und Sangeseinlagen von Seth MacFarlane, der seine erste Moderation immerhin mit ein paar besseren Pointen meisterte als mancher Vorgänger.

Haneke, zeitgleich (!) – wenn auch zwangsläufig in seiner Abwesenheit – in Madrid für seine „Cosi fan tutte“-Opernpremiere gefeiert, bevorzugt nun mal Musik an den richtigen Stellen und sonst lieber Schweigen. Dass er es mit seinem stillen Drama über Liebe, Abschied und Tod trotzdem auf Hollywoods große Bühne geschafft hat, macht die 85. Oscar-Verleihung doch noch zu einer besonderen.

440.000 Deutsche verfolgen Oscar-Verleihung im TV

Die Oscar-Verleihung in Los Angeles verhalf dem deutschen Privatsender ProSieben mitten in der Nacht zu einer ordentlichen Einschaltquote. 440.000 Zuschauer (Marktanteil: 15,6 Prozent) schalteten die erste halbe Stunde der Gala zwischen 2.30 und 3.00 Uhr ein, als unter anderem der Österreicher Christoph Waltz („Django Unchained“) seinen Oscar als bester Nebendarsteller in Empfang nahm. Mit 15,6 Prozent lag der Marktanteil deutlich über dem Durchschnitt des Senders von 5,3 Prozent. Die GfK-Fernsehforschung in Nürnberg misst die Quoten täglich immer im Zeitraum zwischen 3.00 bis 3.00 Uhr.

Die Oscar-Nacht zum Nachlesen auf Twitter:

 


dpa/mhu

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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