Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Oscar Niemeyer – Visionär und heiliges Monster
Mehr Welt Kultur Oscar Niemeyer – Visionär und heiliges Monster
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 09.12.2012
Von Johanna Di Blasi
Oscar Niemeyer im Jahr 2007 bei einer Feier zu seinem 100. Geburtstag. Quelle: dpa
Hannover

„Das Leben ist nur ein Hauch“, sagte Oscar Niemeyer. Da war er schon fast ein Jahrhundert alt. Zum 100. Geburtstag 2007 – der brasilianische Architekt ging noch regelmäßig ins Büro – kam ein Dokumentarfilm mit diesem Satz als Titel heraus. Noch im biblischen Alter von mehr als 100 Jahren schmauchte der Stararchitekt und überzeugte Marxist, der für das utopische Aussehen der Reißbrettstadt Brasília verantwortlich ist und der Betonmoderne schwebende Leichtigkeit verliehen hat, Havanna-Zigarren. Sein kubanischer Freund Fidel Castro schickte ihm verlässlich Nachschub in sein Domizil direkt an Rio de Janeiros Copacabana.

Mit chamäleonhaft langsamen, lässigen Bewegungen führte der alte Architekt die Zigarre zum Mund, Fragen beantwortete er zum Schluss eher einsilbig. Alles schien schon tausendmal gesagt. Mit einem dreckigen Lachen aber konnte er beweisen, dass er seine Wachheit nicht eingebüßt hat. „Was wirklich zählt, sind das Leben und die Freunde und diese ungerechte Welt, die wir ändern müssen“, stand auf der Wand seines Büros, das übersät war mit Zeichnungen von Bauten und Frauen.

Von den Frauen und den eierförmigen Bergen seiner Heimat borgte der bekennende Erotomane die sinnlichen Kurven; „Form Follows Feminine“ lautete eine Niemeyer-Maxime. Auf frühen Brasília-Skizzen nehmen nackte Frauen auf den weiten Plätzen vor Niemeyers futuristischer Architekturkulisse Sonnenbäder. Rund 600 Bauten schuf der Architekt in mehr als 80 Jahren, darunter die UN-Zentrale in New York und einen Wohnblock auf Stelzen im Berliner Hansaviertel. Mit 97 Jahren unterschrieb er den Vertrag für ein modernistisches Schwimmbad in Potsdam, das aber unverwirklicht geblieben ist.

Am Mittwochabend ist Oscar Niemeyer kurz vor seinem 105. Geburtstag in einem Krankenhaus in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro gestorben. In Bundesstaat Rio wurde eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen. Brasiliens Staatspräsident Dilma Rousseff sagte: „Brasilien hat eines seiner Genies verloren“ und bezeichnete Niemeyer als „Revolutionär“. Gestern wurde im von Niemeyer entworfenen Präsidentenpalast in Brasília die Totenwache abgehalten.

Geboren wurde der Spross aus großbürgerlichem Hause 1907 in Rio de Janeiro, als Nachfahre des im 18. Jahrhundert von Hannover nach Portugal ausgewanderten Konrad Heinrich von Niemeyer. 1928 begann er sein Studium an der Nationalen Schule der Schönen Künste in Rio. Im selben Jahr heiratete der Architekt Annita Baldo, mit der er 76 Jahre zusammen war. Nach ihrem Tod und kurz vor seinem 99. Geburtstag heiratete Niemeyer seine 38 Jahre jüngere Sekretärin Vera Lucia. Von 1945 bis 1990 war Niemeyer Mitglied der Kommunistischen Partei. Marxist blieb er auch nach seinem Parteiaustritt.

In den dreißiger Jahren kam Niemeyer ins Büro des in Frankreich geborenen Architekten Lúcio Costa, des späteren Masterplaners Brasílias. Alle öffentlichen Gebäude der zwischen 1957 und 1964 in unwirtlichem Niemandsland entstandenen Retortenstadt stammen von Niemeyer. Seine architektonische Handschrift, die gekennzeichnet ist von weiten, geschwungenen Formen und scheinbar aufgehobener Bodenhaftung, bildete Niemeyer bei der Zusammenarbeit mit Le Corbusier aus. Le Corbusier selbst fand erst Jahre nach Niemeyer zu einem organischen Stil. Niemeyer hat Le Corbusiers „Wohnmaschinen“ Bewegung und Schwung verliehen.

Für den nüchternen Bauhaus-Funktionalismus à la Walter Gropius oder Mies van der Rohe hatte Oscar Niemeyer nur Hohn übrig. „Das Bauhaus war ein Paradies der Mittelmäßigkeit. Wenn man nur die Funktion bedient, wird das Ergebnis eben scheiße“, sagte Niemeyer in seiner typischen Direktheit. Doch nach seinen weltweiten Erfolgen in den fünfziger und sechziger Jahren wurde es stiller um den Schöpfer moderner Architekturpoesie. Wenn von den Pionieren der Moderne die Rede war, fielen eher die etablierten Namen Mies van der Rohe, Gropius und Le Corbusier.

Doch Niemeyer lebte lange genug, um eine Renaissance zu erleben. Von einer jüngeren Generation wurde der Schöpfer geschwungener Raumplastiken seit den neunziger Jahren begeistert umarmt. Seine visuell überwältigende Signature-Architektur war auf einmal Kult. Eine Zaha Hadid wäre ohne den Brasilianer kaum denkbar.

Niemeyer war jener Ausnahmebaumeister der Architekturmoderne, der Monumente hervorbrachte. Die hohe Kuppel des Senats und die Schale des Abgeordnetenhauses in Brasília oder die Science-Fiction-Kathedrale aus 16 monumentalen Betonsäulen in himmelsstürmender Geste, die der Kommunist und Atheist schuf, sind sehr suggestiv. Und noch das Spätwerk bietet Atemberaubendes: Niemeyers Museu de Arte Contemporânea im brasilianischen Niterói von 1991 sieht aus, als hätte ein Riese eine monumentale Tasse auf einer Landkuppe abgestellt. Zum 100. Geburtstag Niemeyers stand im „Spiegel“: „Nie wieder wird die Zukunft so gut aussehen.“

Als Architektur gewordene Bossa-nova-Musik wurden Niemeyers Bauten treffend beschrieben. Doch wie lebt es sich in parabolisch swingenden Monumenten, die sich wohl am besten aus Flugzeugen würdigen lassen? Mangelhafte Belüftung, schlechte Wärmedämmung, unzureichender Hitzeschutz: Auch die Niemeyer-Bauten kranken an den üblichen Gebrechen der Nachkriegsmoderne. Im staubtrockenen brasilianischen Hochland kommen diese Mängel besonders zum Tragen. Gleichwohl wollen eingefleischte Einwohner niemals von dort wegziehen.

Es wird von einem Minister erzählt, der an der Avenida der Ministerien in Brasília vor der Hitze ins Gebäudeinnere floh, in fensterlose Räume. Als regelrechter Sündenfall erscheinen graue Schulblöcke, die Niemeyer für Rios Kinder entwarf. 500 sogenannte CIEP-Schulen für je bis zu 1000 Kindern aus Unterschichtsfamilien sind nach Niemeyers Entwurf entstanden. Angeblich aus Belüftungsgründen hat der Architekt zu den Mittelgängen hin die Wände nur anderthalb Meter hochgezogen. Zwischen Wandabschluss und Plafond klafft eine Lücke. In den Schulen herrscht ein unerträglicher Lärmpegel. Ausgerechnet der marxistische Planer, so schimpften Kritiker, schädige mit seinem fast endlos reproduzierten Schulmodul die Ausbildung derjenigen, die es ohnedies am schwierigsten hätten.

Der Architekt ließ Kritik an sich abperlen. Als Freund des Präsidenten Juscelino Kubitschek wurde er reichlich mit öffentlichen Aufträgen bedacht. Unter der Militärdiktatur (1964–1985) war er allerdings mit einem Bauverbot belegt. Grundlegende Zweifel am Großprojekt der Moderne scheinen den letzten Großen der Moderne nie beschlichen zu haben. Gegen Ende seines Lebens räumte der Architekt allerdings ein, das alte Rio sei schöner gewesen als das moderne. Oscar Niemeyer war für die einen eine Art brasilianischer Nationalheiliger und für die anderen ein „monstro sagrado“ – ein heiliges Monster.

Schauspielintendant Lars-Ole Walburg will in Hannover bleiben. Aber will ihn auch das Land? Während Walburg bereits im Sommer sagte, dass er gern in Hannover weiter Theater machen würde, gab es vom Land bisher keine klaren Zeichen.

06.12.2012
Kultur Jazz-Legende - Dave Brubeck ist tot

Der hat Jazzgeschichte geschrieben: Nun ist der amerikanische Pianist Dave Bruck einen Tag vor seinem 92. Geburtstag gestorben.

Stefan Arndt 05.12.2012

"We are Motörhead, as you know": So raunzte Lemmy Kilmister zu Beginn des Konzerts in der hannoverschen AWD-Hall - und dann gab es richtig auf die Glocke. Zur Begeisterung der Besucher.

08.12.2012