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Kultur Orchestre de Paris spielt Strawinsky im Kuppelsaal
Mehr Welt Kultur Orchestre de Paris spielt Strawinsky im Kuppelsaal
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21:41 15.11.2012
Von Stefan Arndt
Die Musik vibriert, die Geigenbögen schwingen: Das Orchestre de Paris probt im Kuppelsaal Hannover für ein großartiges Konzert. Quelle: Alexander Körner
Hannover

Die Nerven liegen blank an diesem Abend, das spürt auch der Komponist, der seinen Platz in der fünften Reihe schon nach wenigen Takten vorsorglich mit einem Klappsitz im Orchestergraben tauscht. In Sicherheit fühlt er sich aber auch dort nicht - zumal seine Musik selbst hier bald kaum noch zu hören ist. Im Publikum wird geschrieen und geschlagen, Schirme fliegen durch die Luft, Hüte werden eingedrückt. Als kurz vor Schluss auch noch die Polizei in den Saal einrückt, um weitere Eskalationen zu vermeiden, hat Igor Strawinsky das Théâtre des Champs-Élysées bereits fluchtartig durch ein Fenster hinter der Bühne verlassen und irrt fassungslos und völlig derangiert durch die Straßen von Paris.

Die Uraufführung seiner Ballettmusik „Le sacre du printemps“ am 29. Mai 1913 ist noch heute als der spektakulärste Skandal der Musikgeschichte bekannt. Neben der teils als lächerlich, teils als anzüglich empfundenen Choreografie von Vaslav Nijinsky, der das Stück für die Ballet-russe-Truppe von Sergei Diaghilev auf die Bühne gebracht hatte, erregten die lauten und dissonanten Klangmassen mit ihrer unerhörten rhythmischen Wucht die Gemüter. Dass das Stück trotz der Aufruhr im Zuschauerraum überhaupt zu Ende gespielt wurde, schreibt man der Besonnenheit des Dirigenten Pierre Monteux zu, der damals das Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire leitete.

Der Nachfolger dieses Klangkörpers, das 1967 gegründete Orchestre de Paris, ist nun - beinahe 100 Jahre nach dem Eklat - auf Europatournee mit dem Skandalstück von einst. Gemeinsam mit ihrem Chefdirigenten Paavo Järvi haben die Franzosen jetzt im gut besuchten hannoverschen Kuppelsaal Station gemacht. Das Pro-Musica-Publikum hat sich wegen Strawinskys Musik zwar nicht die Köpfe eingeschlagen - ein paar Plätze aber blieben nach der Pause doch leer.

Dabei hat man diese musikalischen „Bilder aus dem heidnischen Russland“, die ein Menschenopfer zum Frühlingsbeginn schildern, höchstens noch wegen ihrer Lautstärke zu fürchten. Die bringt das Orchester dann auch mit aller Macht zur Geltung - schließlich hauen hier partiturgemäß gleich zwei Musiker mächtig auf die Pauke. Der eher zweifelhafte Ruf, der dem Orchestre de Paris seit Jahrzehnten anhaftet, wird überhaupt eindrucksvoll widerlegt: Es spielt klangschön und beeindruckend präzise. Die Holzbläser hatten schon zu Beginn in Ravels lebensfroher Trauermusik „Le Tombeau de Couperin“ große solistische Auftritte. Bei Strawinsky überzeugt nun das ganze Team.

Dass die Musik dabei wie selbstverständlich fließt und auch die vertrackteste Polyrhythmik einfach und klar erscheint, liegt dagegen vor allem am Dirigenten. Paavo Järvi demonstriert hier eine fast unfassbar virtuose Schlagtechnik. Er kann feinste Verästelungen zeigen, ohne auch nur eine überflüssige Bewegung zu machen. Immer wirkt er entspannt und locker, mit weichem Fluss führen seine Bewegungen die Musiker von Phrase zu Phrase. Ins Stocken gerät die Musik dabei nie. Für das Publikum ist das zwar nicht besonders interessant anzusehen (Showeinlagen mit großem Körpereinsatz und extrovertierter Mimik scheinen dem Dirigenten fremd zu sein), dafür kann man dem Orchesterklang deutlich anhören, dass Järvi ein Glücksfall für jeden Musiker sein muss. Am Ende unterstreicht die zugegebene Farandole aus Bizets zweiter „L’Arlé-sienne“-Suite (mit original französischer Rührtrommel!) noch einmal, wie lustvoll hier musiziert wird.

Vor der Pause konnte man das auf ganz andere Weise bei dem Solisten Christian Tetzlaff erleben. Der Geiger, mit dem Järvi eine lange Zusammenarbeit verbindet, setzte mit einem Mozart-Programm das Gegengewicht zu den aufgeregten französisch-russischen Klängen des Abends. Gefällig geht es aber bei Tetzlaff auch in Mozarts G-Dur-Konzert nicht zu. Allein im Finalsatz entdeckt der gebürtige Hamburger eine Vielfalt an Gesten und Tonfällen, die man in dieser ausgelassenen Drei-Viertel-Fröhlichkeit gar nicht vermutet hätte: Fast widerborstig kann sich die Solostimme im Zwiegespräch mit den ersten Geigen verhaken, um sich gleich darauf erhaben über das Orchester-Pizziccato zu schwingen. Wie selbstverständlich fügen sich Tetzlaffs eigene Kadenzen und kurze Eingänge in dieses lebendige, differenzierte Mozart-Bild, das auch das einzelne G-Dur-Rondo im hellsten Licht erstrahlen lässt. Leuchtend, klar, wunderbar schwerelos tönt auch die Zugabe: der letzte Satz aus Bachs C-Dur-Sonate für Solovioline. Am Ende: großer Beifall für ein großes Konzert.

Christian Tetzlaff kommt am 10. Dezember erneut nach Hannover: Gemeinsam mit dem Pianisten Leif Ove Andsnes spielt er im Funkhaus. Karten: (0511) 363817.