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Kultur Nils Landgren begeistert im Funkhaus Hannover
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19:10 03.10.2011
Lässt es krachen: Jazzposaunist Nils Landgren.
Lässt es krachen: Jazzposaunist Nils Landgren. Quelle: Krückeberg
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Es geht bergab bei den Niedersächsischen Musiktagen. Zumindest die vielen mechanischen Metronome, die das Abschlusskonzert der 25. Ausgabe des Festivals im Funkhaus Hannover einläuten sollen, sind auf der abschüssigen Bühnenbrüstung aufgereiht. Steht ein Metronom aber nicht gerade, schlägt auch sein Pendel nicht mehr gleichmäßig und verfehlt sein eigentliches Ziel: taumelnd gerät es aus dem Takt.

So ist diese Ouvertüre ein vielleicht unbeabsichtigtes, aber hübsches Lehrstück über die Unberechenbarkeit der Zeit. Einen Monat lang hat sich bei den Musiktagen alles um das Motto „Die Zeit“ gedreht. In mehr als 60 über das ganze Land verteilten Konzerten konnte man sie in immer neuen, oft einfallsreichen Programmen abmessen, nachempfinden und erfühlen. Nun, am Ende des Festivals, wird daran erinnert, dass die Zeit vor allem eins ist: nicht zu fassen.

In John Adams „Shaker Loops“ zeigte das Osnabrücker Sinfonieorchester, dass auch ständiger Wechsel ganz regelmäßig erscheinen kann. Der Dirigent Hermann Bäumer hatte zwar alle Hände voll zu tun, um die immer neuen, teilweise exotischen Taktarten anzuzeigen – dem Publikum im vollbesetzten Saal aber konnte die Musik so schnurrend gleichförmig erscheinen wie das vorangegangene Finale aus Joseph Haydns Londoner „Uhr“-Sinfonie.

Orchester und Metronome spielten aber nur eine Nebenrolle am Abend dieses letzten Musiktages. Der eigentliche Star war der Jazzposaunist Nils Landgren – und der pflegt in seiner Musik ein eigenes Verhältnis zur Zeit, das sich grundsätzlich von den vorher gespielten Stücken unterscheidet: Er ist sich seiner Sache vollkommen sicher. Jeder Ton sitzt bei dem 55-jährigen Schweden an der richtigen Stelle. Dafür braucht er sich nicht einmal im Takt zu bewegen. Lässig und still steht er am Bühnenrand und strahlt doch eine rhythmische Energie aus, der sich niemand entziehen kann. Mit wenigen Tönen bringt der Posaunist einen ganzen Saal in Gleichtakt. Was zuvor weder den Metronomen noch einem ganzen Orchester gelungen ist, schafft Landgren im Handumdrehen.

Offensichtlichen Zeitbezug schaffen dabei berühmte Stummfilmszenen, zu denen die Jazzmusiker improvisieren. Harold Lloyds stets absturzgefährdetes Ringen mit der Turmuhr aus „Safety Last“ erweist sich dabei als ebenso zeitlos unterhaltend wie Jacques Tatis rasender Postbote aus dem Film „Das Schützenfest“. Landgren und seine Begleiter, zu denen neben den Schweden Lars Danielsson und Rasmus Kihlberg auch der junge deutsche Erfolgspianist Michael Wollny gehört, haben die Filme vorher nicht gesehen – und reagieren doch punktgenau auf das Geschehen auf der Leinwand.

Gut vorbereitet ist dagegen das Zusammenspiel des Quartetts mit dem Orchester. Landgren geht dabei auch als Sänger seiner Neigung zum Edelkitsch nach: In der Version des Stararrangeurs Vince Mendoza drücken Broadway-Songs von Kurt Weill gerade soweit auf die Tränendrüse, wie die Grenzen des guten Geschmacks es zulassen.

Als Sänger hat sich Landgren bereits seit einigen Jahren profiliert. Seine etwas brüchige, hohe und weitgehend vibratolose Stimme ist eine lyrische Bereicherung zu dem energetischen Posaunenstil, der ihn zunächst berühmt gemacht hat. In Hannover präsentiert der Musiker nun zusätzlich eine ganz neue Seite: Der Teamplayer Landgren ist auch ein hervorragender Solist.

Dass man mit einer Posaune auch Alleinunterhalter sein kann, ist seit dem Tod von Albert Mangelsdorff in Vergessenheit geraten. Nils Landgren erinnert nun sehr eindrucksvoll daran. Sein mehrstimmiges Solo zu „Thank You for the Music“ ist eine überraschende Einleitung zur etwas rührseligen öffentlichen Verabschiedung von Markus Fein, der die Musiktage nach vier Jahren als Intendant verlässt. Die anschließende Zugabe ist dann der eigentliche Höhepunkt des Abends: Landgren spielt auf und mit seinem Instrument ein schwedisches Waldstück – Elche und Jägern inklusive. Dafür baut er die Posaune auseinander, entlockt Mundstück und sogar nur den Lippen alle nur denkbaren Töne. Am Ende lässt er es dann richtig krachen, indem er die Röhren des Zuges vor dem Mikrofon schwungvoll auseinanderzieht: Schuss und Treffer.

Mit der Zeit hat all das nur insofern zu tun, als dass sie dabei unbemerkt verfliegt. Doch eleganter und leichter kann man das Festivalmotto wohl kaum einlösen.

Stefan Arndt

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