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Kultur Niedersächsische Musiktage starten mit Stockhausen
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19:51 05.09.2011
Dirigentenpult mit Aussicht: Markus Stockhausen leitet die Uraufführung seiner „GeZEITen“ in Cuxhaven. Quelle: Krückeberg
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Nach dem Auftakt in Papenburg waren die Musiktage am Sonntag zu einem Großereignis an das Ufer der Grimmershörnbucht gezogen. Dort waren nicht nur die knapp 5000 Zuhörer dem Regen ausgesetzt: Rund 600 Musiker sollten hier direkt am Meer ein Auftragswerk von Markus Stockhausen aufführen. Und weil neben wetterfesten Sängern und Blechbläsern auch zwei Dutzend Akkordeonspieler mit ihren empfindlicheren Instrumenten beteiligt waren, drohte die Wasserkantenmusik ins Wasser zu fallen.

Dem Wetterbericht folgend hatte man das Konzert kurzfristig um eine Stunde nach vorne verlegt. Dass der Intendant dann trotzdem im Regen stand, schien er gar nicht zu merken. „Jetzt ist es trocken, wir können anfangen“, verkündet er gut gelaunt. Das Publikum lacht – und Fein wird ernst: „Ich bitte Sie, die paar Tropfen – das ist doch kein Regen.“

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So hebt also die Wassermusik an, zunächst geräuschhaft leise, als eine Art Meeresrauschen, das den Blasebälgen der Akkordeonisten entströmt. Aus einem Einklang heraus türmen sich bald mächtige Akkorde wie die steigende Flut. Und beim ersten strahlenden Dur fällt auch der erste Sonnenstrahl auf das Feuerschiff „Elbe 1“, das hinten in der Bucht ankert: Das schöne Wetter ist da.

Die Voraussetzungen sind also doch noch günstig für ein Unternehmen, das auch unabhängig von der Witterung gewagt genug ist. Ungewöhnliche Konzerte an ungewöhnlichen Orten sind unter Markus Fein zu einem Markenzeichen der Musiktage geworden, aber das hier wirkt doch etwas übertrieben. Was außer Masse kann man wirklich von den Laienmusikern erwarten? Viele von ihnen sind Schüler aus Bläserklassen, die kaum mehr als einige Grundlagen ihrer Instrumente beherrschen. Dazu spielen sie ein Stück, dessen Titel „GeZEITen“ sich bemüht auf das Festivalmotto „Zeit“ und den maritimen Spielort bezieht. Kann daraus ein unterhaltsamer, vielleicht sogar bewegender Konzertnachmittag entstehen? Schon bei der vergangenen Ausgabe der Musiktage klang die Ankündigung des eröffnenden Landschaftskonzertes im Braunschweiger Theaterpark interessanter als das Konzert selbst.

Dass es diesmal ganz anders werden und am Ende aus dem musikalischen Breitensport sogar große Kunst entstehen sollte, hat einen Grund, der über alle Konzeption erhaben ist: Der Komponist des Spektakels heißt Markus Stockhausen. Der Sohn von Avantgarde-Ikone Karlheinz Stockhausen ist zunächst als Interpret der Werke seines Vaters bekannt geworden. Der virtuose Trompeter hat sich aber auch schnell einen eigenen Namen als feinsinniger Improvisator gemacht und in den vergangenen Jahren bereits viele eigene Projekte verwirklicht. Hier ist er Komponist, Dirigent, Motivator und Solist zugleich.

Das Spirituelle, das die meisten seiner Stücke durchweht, ist auch am Ufer der Grimmershörnbucht zu spüren. Stockhausen, der mit schütterem langem Haar und cremeweißer Kleidung seinem Vater immer ähnlicher wird, hat eine pathetische Hymne an einen göttlichen Schöpfer geschrieben. Das klingt zwar manchmal etwas nach Kirchentag, doch mit archaischen Klängen, mit leeren Quinten, uralten Tonarten und schwebenden Melodien von Stockhausens Solotrompete bekommt das Stück eine Wucht und Größe, die der übergroßen Besetzung gerecht wird.

Hin und wieder gibt es auch rumpelnden Posaunenchor-Swing und maritime Späße, wenn etwa der Cuxhavener Seenotrettungskreuzer „Hermann Helms“ Sirene und Wasserfontänen zur Aufführung beisteuert, doch das sind nur Episoden. Das große Pathos kehrt immer wieder und entfaltet seine Wirkung. Im Hintergrund ziehen derweil Containerschiffe vorbei, und neugierige Segler kreuzen dicht am Ufer. Für eine knappe Stunde wirkt die ganze Bucht wie verzaubert – die Idee der Landschaftsmusik funktioniert hier tatsächlich.

Der Komponist ist davon ebenso begeistert wie das Publikum: Am Ende würde Stockhausen das ganze Stück noch einmal spielen. Doch er lässt das Riesenorchester abstimmen. Einigen der Musiker wäre das zu anstrengend. So gibt es nur den Schluss noch einmal. Mit leuchtendem C-Dur endet das Konzert. Dann verdunkelt sich der Himmel, und es regnet wieder.

Die Musiktage kommen auch in die Region – allerdings sind die meisten Konzerte bereits ausverkauft. Karten gibt es noch für Alfred Brendel in Herrenhausen (17. und 18. September), für Gilles Apaps „Vier Jahreszeiten“ in Isernhagen (30. September) sowie für das Abschlusskonzert mit Nils Landgren im Funkhaus am 2. Oktober. Karten unter Telefon (0 18 05) 62 78 37.

Stefan Arndt