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Kultur Niedecken kehrt zurück
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19:47 17.05.2012
Von Kosten und Nutzen des Betens: BAP-Sänger Wolfgang Niedecken strahlt im Capitol Gelassenheit aus. Quelle: Thomas
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Hannover

Damals, irgendwann zwischen Konfirmation und Abitur, war BAP auf einmal da. In Deutsch lasen wir Bertolt Brecht: „Der gute Mensch von Sezuan“, ein Theaterstück über Ausbeutung und die Sehnsucht jedes Menschen nach einem würdevollen Leben. Auch Pershing II war plötzlich ein Begriff. Wir legten den Zauberwürfel aus der Hand und hörten Wolfgang Niedecken zu. Manch einer hatte das Vaterunser auswendig gelernt, weil es der Pastor oder die Eltern so wollten. Und Niedecken sang: „Wenn et Bedde sich lohne däät, wat meinste wohl, wat ich dann bedde däät.“ Wir fanden das rebellisch.

30 Jahre später. BAP-Konzert in Hannover. Wolfgang Niedecken ist wieder gesund. Über seinen Schlaganfall vom vergangenen November spricht der 61-Jährige nur einmal kurz: Jetzt, wo er die vor einem halben Jahr abgesagten Konzerte nachholen kann, würde es zwar so aussehen, als lohne sich das Beten doch, sagt er. Aber aufgrund jahrzehntelanger Erfahrung sei er sich sicher, dass die „Kosten-Nutzen-Rechnung“ beim Beten trotzdem nicht aufgeht.

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Deshalb spielt BAP noch immer „Kristallnaach“. Früher hatte der Song dieselbe Bedeutung wie „Sunday Bloody Sunday“. Beides waren wütende Statements gegen den Terror der Gierigen, Egoisten, Kriegsgeilen und Rassisten. Doch heute fühlt sich das Lied leider anders an. Das Aufheulen von einst ist schon lange ein Fetenhit. Daran ändert auch nichts, dass die Band dem alten Song die neue Nummer „Enn Dreidüüvelsname“ zur Seite stellt. Niedecken zitiert damit „Sympathy for the Devil“ und beschreibt den nicht totzukriegenden Teufel. Wenn man glaubt, ihn besiegt zu haben, taucht er an einem anderen Ort wieder auf: als Lagerkommandant in Dachau, als Schlächter von Srebrenica oder als 9/11-Terrorist. Das Stück ist toll. Doch man muss einsehen: BAP-Songs helfen genauso wenig wie beten.

Als Rock-’n’-Roll-Romantiker verweigert Niedecken seine Fetenhits nicht. Ähnlich wie sein amerikanischer Kumpel Bruce Springsteen sieht er sich als Dienstleister. Das unterscheidet ihn von seinem Idol Bob Dylan. Die Band mit Helmut Krumminga (für jedes Lied eine andere Gitarre), Michael Nass (Keyboards), Jürgen Zöller (Schlagzeug), Werner Kopal (Bass) und Anne de Wolff (Violine) spielt also auch „Verdamp lang her“. Es ist anrührend, wie Niedecken darin seinem bereits gestorbenen Vater gesteht, dass er vor lauter Sucherei das Finden glatt versäumt habe. Es ist ätzend, wie die Klatschroboter im Publikum die Poesie des fiktiven Vater-Sohn-Dialogs attackieren. Doch das ist der Preis, den Niedecken als Entertainer für alle zahlen muss.

„Halv su wild“ heißt das aktuelle Album, das die Kölner Band präsentiert. Es zählt schon zu Niedeckens Alterswerk. Vielleicht deshalb diese Gelassenheit. Alles halb so wild, die Schlaganfälle und anderen Schicksalsschläge, die Krisen und Kriege, der ganze Weltdreck und persönliche Schmerz. Wirklich, Wolfgang? „Das Leben ist eine Autobahn mit Staus und Kurven“, singt der wie ein Cruiser, als wolle er sagen: Eigentlich könnten wir zufrieden sein, wir haben es bis hierher geschafft, wir haben überlebt, das ist doch o.k. Diese Lässigkeit steht BAP gut.

Dann das wunderschöne, himmelblaue „All die Aureblecke“, auch vom neuen Album. Der Song ist eine Aufforderung zum positivem Denken. Balladen waren schon immer die Stärke der Gruppe, und dieses Lied lindert jeden Frust. Denn mit einem Mal kommen einem sogar die Ärgernisse - das nervige Dylan-Missionieren des Sängers, der überflüssige Kurzauftritt von drei ehemaligen Fury’s und das mit 1600 Fans viel zu vollgestopfte Capitol - nur halb so schlimm vor.

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