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Kultur New Yorker Ansichten von 1890 bis 1950
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18:31 25.05.2012
Von Uwe Janssen
Lewis Hines „Steamfitter“ aus dem Jahr 1920.
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Hamburg

New York. Ein Ort, mit dem jeder etwas verbindet. Zum Beispiel die nächtliche Wolkenkratzer-Skyline mit ihrem grafisch-geometrischen Charakter und den unzähligen hellen Fenstern. Als Fototapete, Schreibblock-Cover, Bildschirmhintergrund. Und wenn man im Bucerius Kunst Forum Hamburg vor diesem Foto von Andreas Feininger steht, muss man sich die Originalität der Aufnahme erst einmal bewusst machen. „New York Photography 1890-1950. Von Stieglitz bis Man Ray“ ist die erste Fotoausstellung überhaupt, die das Kunsthaus neben dem Hamburger Rathaus zeigt, und es ist wie eine Begegnung mit vielen alten mobilen und immobilen Bekannten. Man trifft Häuser und Straßen, man trifft weiches Licht und harte Schatten. Und man trifft Freaks, Desperados, verlorene Seelen - die Normalität des Außergewöhnlichen.

Man begegnet in den beiden Ausstellungsräumen aber auch den Anfängen der Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel und der rasanten Entwicklung der rauen Street Photography, man blickt in die tägliche und nächtliche Arbeitswelt der Stadt, die niemals schläft. Und man begegnet einer Reihe berühmter Fotografen: Alfred Stieglitz als Mentor der New Yorker Fotografieszene ist der chronologische Ausgangspunkt dieser Städtereise, die von Andreas Feiningers fast reißbrettartigen Bildern bis zur ungeschönten Wirklichkeit von Helen Levitts Straßenszenen führt. Walker Evans kennt man als Chronisten der ländlichen Verarmung während der Großen Depression. Hier wirft er einen Blick auf die Metropole und findet in der U-Bahn ebenso leere Gesichter wie auf den weiten Feldern Alabamas.

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Die 170 Bilder von 42 Fotografen - Leihgaben des Münchner Stadtmuseums, der New Yorker Museen Whitney und MoMA und anderen - veranschaulichen in zehn Kategorien auch die parallele Entwicklung der Fotografie und der rasch wachsenden Metropole. Das Foto bildete nicht mehr nur ab, sondern etablierte sich als Kunstform in Abgrenzung zur Malerei - und als Modemachermedium. Das geheimnisvoll-faszinierende Porträt des Stummfilmstars Gloria Swanson machte Edward Steichen 1924 als Cheffotograf von „Vanity Fair“ und „Vogue“ - und verband Kunst mit Kommerz. Er widersprach damit der rein kunstorientierten Auffassung seines Förderers - Alfred Stieglitz. Beide kannten sich zu diesem Zeitpunkt schon lange. 1905 hatten sie auf der Fifth Avenue in Manhattan die kleine Galerie „291“ eröffnet und eine lebhafte Avantgarde-Szene um sich geschart.

Die Einführung des Rollfilms und der Boxkameras sowie Serviceangebote wie der Entwicklungsdienst der Firma Kodak (Slogan: „Sie drücken den Knopf, und wir machen den Rest“) sorgten um die Jahrhundertwende für eine rasche Verbreitung der Fotografie und ein wachsendes Interesse in der Bevölkerung. Fotografie rückte von der reinen Kunstform ins Fotoalbum der Gesellschaft. Doch parallel zur kommerziellen Nutzung von Fotos als Werbeträger wird auch der sozialdokumentarische Wert des Mediums stärker.

Da sind zum einen Lewis Hines Szenen aus der Arbeitswelt wie der muskelbepackte Industriemechaniker oder seine großartige Aufnahme „Climbing into America“ mit Einwanderungswilligen in Ellis Island, die sich auf einer Treppe nach oben drängeln, bepackt mit kleinen Koffern und Körben und den Hoffnungen auf eine bessere Zukunft.

Und da sind die „Schattenseiten“, wie das Kapitel in der Ausstellung heißt. Der Blick auf Armut, Rassismus, die Kollateralschäden der Urbanisierung. Paul Strands berühmtes Bild der Frau mit dem riesigen Schild „BLIND“ um den Hals steht für die Außenseiter in der Glitzerstadt, die Obdachlosen der Lower East Side, oder die Patienten eines „Insane Asylum“, eines Irrenhauses. Auf einer Aufnahme von Jerry Crooke sitzt eine Frau 1946 in einer psychiatrischen Anstalt zusammengesunken im Schummerlicht auf einer Holzbank. Nicht weit entfernt ist im Bucerius Kunst Forum eine ähnliche Pose zu sehen - aber hier als formvollendete, gezielt ausgeleuchtete Körperästhetik, der „Classic Torso with Hands“ von Ruth Bernhard.

Eine Schau der Gegensätze aus einer Stadt der Gegensätze. Sehenswert.

Bis 2. September. Infos: www.buceriuskunstforum.de

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