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Kultur Neuwirths „American Lulu“ spielt in Berlin
Mehr Welt Kultur Neuwirths „American Lulu“ spielt in Berlin
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20:56 01.10.2012
Von Stefan Arndt
Marisol Montalvo als Lulu in Olga Neuwirths "American Lulu" in der Komischen Oper in Berlin. Das Stück wurde am 30. September uraufgeführt. Quelle: dpa
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Berlin

Es ist sicher nicht nur die Sache mit dem Copyright. Vor fünf Jahren ist Alban Bergs Oper „Lulu“ rechtefrei geworden. Sie darf also aufgeführt werden, ohne dass Tantiemen an die Erben des Autors fällig werden, und sie darf auch ohne deren Genehmigung bearbeitet werden. Seither scheint das Stück Regisseure, Dramatiker und Komponisten geradezu anzuziehen: Alle wollen eine eigene „Lulu“. Berg hatte das Stück nach Dramen von Frank Wedekind 1935 unvollendet hinterlassen. Seither wurde es als Fragment gespielt oder in einer erstmals 1979 in Paris gezeigten vervollständigten Fassung von Friedrich Cerha. Offenbar laden aber beide Varianten zur Weiterentwicklung ein. Auch in Hannover war schon eine neue „Lulu“ zu sehen: 2009 hat der ungarische Theaterregisseur David Marton seine Kammerspielversion am Schauspiel vorgestellt. Am Wochenende wurde nun eine radikale Neufassung an der Komischen Oper Berlin uraufgeführt: „American Lulu“ von der österreichischen Komponistin Olga Neuwirth.

Die 44-Jährige scheint von der Vorlage gleichzeitig angezogen und abgestoßen zu sein. So fasziniert sie von der Zwölftonmusik Bergs ist, so zweifelhaft erscheint ihr die Parabel der Frau, die die Männer zerstört, die ihr verfallen sind. Für Neuwirth ist das nur eine „Männerphantasie“ - und Grund genug, zunächst das Libretto zu ändern. In ihrer Fassung spielt die Handlung (ursprünglich um die Jahrhundertwende angelegt) im Amerika der fünfziger bis siebziger Jahre, und die Geschichte wird aus der Perspektive von Lulu erzählt.

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Statt des originalen Prologs gibt es in Neuwirths englischsprachiger Fassung einen Rückblick: Lulu betrachtet resigniert die lange Reihe ihrer verhängnisvollen Affären. Eingeschoben sind Reden von Martin Luther King, die die Verantwortung des Einzelnen für das Wohlergehen einer Gesellschaft betonen. Neuwirth stellt ihrer Lulu zudem ein Vorbild gegenüber. Aus der bei Berg und Wedekind lächerlichen Figur der lesbischen Gräfin Geschwitz wird bei ihr die Bluessängerin Eleanor, die sich im komplett neu geschriebenen dritten Akt für Selbstbestimmung und Würde einsetzt und sich von Lulu lossagt statt mit ihr unterzugehen.

Die neue Handlung irritiert so nicht nur mit einer Menge Kraftausdrücke, wie man sie Opernsänger normalerweise nicht singen hört, sondern auch mit ihrer menschenverbessernden Stoßrichtung. Das Libretto liest sich weniger als eigenständiges Drama denn als eine „richtiggestellte“ Version des Originals. Umso erstaunlicher, dass es sich auf der Bühne nicht so anhört. Neuwirth hat dem Stück eine bewundernswerte neue musikalische Gestalt gegeben. Die ersten beiden Berg-Akte hat sie gerafft und neu orchestriert. Statt über ein großes Orchester gebietet Dirigent Johannes Kalitzke nunmehr über ein Blasorchester und eine Handvoll Streicher. Der Klang erscheint direkter, etwas vulgärer und lauter - die Solisten um die hervorragende Marisol Montalvo in der Titelpartie singen mit elektronischer Verstärkung. In der kühlen Hopper-Ästhetik, die der russische Regisseur und Ausstatter Kirill Sesebrennikov auf der Bühne entfaltet, stört das aber nicht.

Im Vergleich zu Bergs nervöser Musik tönen Neuwirths eigene Klänge im letzten Akt klar und eindeutig. Während Lulu in fiebriger Höhe singt, schöpft Eleanor entspannt aus den Tiefen des Bluesrepertoires, das Neuwirth wie ein Versprechen auf eine andere, bessere Zukunft geschickt in ihre eigene Musik einwebt.

Hörbeispiele aus „American Lulu“:

Wieder am 6. und 10. Oktober sowie am 6. und 17. November. Kartentelefon: (030) 47997400. Am 6. Oktober, 19.05 Uhr, sendet Deutschlandradio Kultur eine Aufzeichnung der Uraufführung.

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