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Kultur Neuübersetzung von Grimmelshausens „Simplicissimus“-Roman
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19:54 17.08.2009
Quelle: Martin Steiner (Archiv)
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Da wird gekämpft und geliebt, gehurt und gesoffen, geraubt und gemordet, schwadroniert und, wenn der Menschenlärm kurz verstummt, auch einmal innegehalten und nachgesonnen über den Gang der Welt – um bei nächster Gelegenheit sich wieder auf Teufel komm raus ins pralle Leben zu stürzen. Man sollte meinen, dass ein solcher Schmöker reißenden Absatz fände. Weit gefehlt: Kaum jemand liest heute den „Abenteuerlichen Simplicissimus“ des Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, der am Montag vor genau 333 Jahren, am 17. August 1676, starb. Selbst die meisten Germanisten kennen das Buch nur vom Hörensagen, weil für sie die deutsche Literatur erst mit Lessing anfängt, also im 18. Jahrhundert.

Dabei ist der Grund für das Desinteresse weniger die wachsende Kluft zum in dem Buch beschriebenen Dreißigjährigen Krieg, jener Katastrophe, die ein Drittel der Bevölkerung das Leben kostete und Deutschland wirtschaftlich, politisch und moralisch an den Abgrund führte. Es liegt ebenso wenig an der Geschichte, die Autor Grimmelshausen erzählt. Dazu ist sie zu aufregend, diese Geschichte vom jungen Bauerntölpel, der auf der Flucht vor Soldaten erst mal bei einem Eremiten unterschlüpft und dennoch in den Krieg gerät. Der sich als Militärschreiber, Marodeur, Narr und Quacksalber durchschlägt, in Paris manches galante Abenteuer erlebt und am Ende doch wieder zum Einsiedler wird, der auf einer fernen Insel seine Lebenserinnerungen auf Palmblättern aufschreibt.

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Zwar spielt das alles vor mehr als 350 Jahren. Doch was Grimmelshausen mit barocker Sprachkraft ausbreitet, wie er den Weg seines anfänglich naiven, aber über Mutterwitz verfügenden Helden Simplicius („der Einfältige“) durch eine widrige, zugleich mit Genüssen lockende Welt schildert, das hat Geltung über jene Zeit hinaus. Die Unsicherheit über das Morgen, der (über)lebenswichtige Zwang, sich in widrigen Verhältnissen zurechtzufinden und sich Mächtigeren anzupassen, der Wille, trotzdem sein Glück zu machen, die nicht zu unterdrückende Lebensgier: Das sind menschliche Grundtatsachen, die in einer wüsten Epoche wie jener, die Grimmelshausen in seinem autobiografisch angeregten Roman beschreibt, in grellem Licht zu sehen sind, aber immer gelten.

Was vielmehr für Distanz sorgt, ist die alte Sprache. Nicht nur haben sich Rechtschreibung und Zeichensetzung verändert, weshalb dort, wo barocke Virgeln stehen, also Schrägstriche, heutzutage Kommata und Punkte gesetzt werden müssen. Vor allem haben sich Bedeutung und Grammatik gewandelt. Grimmelshausen sagt „schlecht“, wo heute „schlicht“ gemeint ist, schreibt nicht „die“, sondern „der Luft“ oder nennt ein Gemetzel „erschröcklich“, was putzig klingt. Im heutigen Deutsch heißt es besser „schrecklich“, „grausig“. Und weil, um nur „etliche“ (das heißt: wenige) Beispiele zu geben, Grimmelshausens „Gegenteil“ die Gegenseite, den Feind, bezeichnet, „vergeben“ heute „vergiften“ bedeutet und wer einen „Kalender macht“, in Wahrheit Pläne schmiedet, gleicht die Lektüre des Originals einem Hindernislauf, den man mit einem schweren Wörterbuch in der Hand bestreiten muss.

Für den bedeutendsten deutschen Roman des Barock ist das unbefriedigend. Der Übersetzer und Schriftsteller Reinhard Kaiser hat deshalb gewagt, was man sonst nur bei zum Kindergebrauch zurechtgestutzten Schwankromanen wie dem „Eulenspiegel“ oder dem „Schiltbürgerbuch“ macht: Er hat den monumentalen „Simplicissimus“ ins heutige Deutsch übertragen. Satz für Satz unterzog er einer Revision; eine Mühe, die sich gelohnt hat, denn es ist Kaiser gelungen, den anschaulichen Stil und kräftigen Witz des Originals aufzupolieren und in unsere Gegenwart hinüberzuretten. Wo aber ein altertümlicher Ausdruck um des Zeitkolorits willen stehen blieb, hilft eine Erläuterung weiter, so beim „Fouragieren“, dem „Plündern, Brandschatzen“.

Am Montagabend wurde die Neuübersetzung feierlich vorgestellt: in Grimmelshausens Geburtsort Gelnhausen, gelegen zwischen Frankfurt und Fulda. In neuem Glanz erstrahlt nun die realistische Erzählkunst jenes Grimmelshausen, der selber 1634 als Zwölfjähriger von kroatischen Söldnern verschleppt wurde, den Dreißigjährigen Krieg als Trossjunge, Musketier und Regimentsschreiber mitmachte, sich später als Gastwirt niederließ und Bürgermeister im Badischen wurde. Über einen Kriegskameraden des Simplicius schreibt er einmal, und Übersetzer Reinhard Kaiser sekundiert ihm: „Fortan sank sein Ansehen bei aller Welt so sehr, dass selbst die Hunde drauf und dran waren, ihn anzupinkeln.“

Das Ansehen des Autors und seines Opus magnum aber dürfen nun bei aller Welt wieder steigen.

von Peter Köhler

Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen: „Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch“. Übersetzt von Reinhard Kaiser. Eichborn.

2 Bände im Schuber, 763 Seiten. 69 Euro.

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