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Kultur Neues Buch eröffnet einen anderen Blick auf den Islam
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20:19 02.01.2012
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Den Krug zerbrach man willentlich, und auf den Boden floss der Wein. / Ich sprach, obwohl ich Muslim bin: Oh könnte ich doch Erde sein.“

Dieses humorvolle Epigramm eines renommierten ägyptischen Religionsgelehrten des 15. Jahrhunderts können wir uns dank einer neuen, bahnbrechenden Kulturgeschichte des Islams zum ersten Mal auf der Zunge zergehen lassen. Denn es ist ein Paradebeispiel für die Kultur der Ambiguität. „Oh könnte ich doch Erde sein“ ist nämlich ein Koranzitat, ein Seufzer ungläubiger Seelen angesichts der Qualen der Hölle. Die Geschundenen sehnen sich danach, fühllos wie Erde zu werden. Im Gedicht des Badraddîn al-Bulqînî dagegen wird aus diesem Koranvers die augenzwinkernde Klage eines Weingenießers, der sich über die Rigorosität des Mamlukensultans beklagt. Jener hatte, wie dies offensichtlich wiederholt geschah, die Kneipen in Kairo schließen und den dort vorhandenen Wein ausschütten lassen. Nun wünscht sich unser Dichter, er wäre die Erde, auf die der Wein verschüttet wurde, um umso mehr davon trinken zu können.

Um diese und andere Mehrdeutigkeiten geht es Thomas Bauer. Der Professor für Islamwissenschaft und Arabistik an der Universität Münster hat zum ersten Mal den Versuch unternommen, die Kultur des „klassischen Islams“ unter dem Aspekt der Ambiguität, also der Mehrdeutigkeit, umfassend zu untersuchen. Herausgekommen ist ein wirklich großer Wurf. Sein Buch „Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams“ wird nicht nur die Wissenschaft nachhaltig beeinflussen, sondern eröffnet auch ganz allgemein neue Horizonte des Islamverständnisses.

Das Neuartige an Bauers Vorgehen liegt in dem Ansatz, die Kultur des „klassischen Islams“ hinsichtlich der in ihr produzierten Ambiguität und der gelebten Ambiguitätstoleranz mit dem „modernen Islam“ zu vergleichen. Bauers Ergebnis: Der „klassische Islam“ war eine Kultur der Wahrscheinlichkeiten, nicht der Gewissheiten, der Lust an Mehrdeutigkeit und Meinungsverschiedenheiten, mithin die Kultur der Ambiguität schlechthin. Regeln und Gesetze, die es natürlich auch in dieser Kultur gab, dienten nur dazu, die Ambiguität zu bändigen (etwa so wie eine rote Ampel in Kairo, die von den ­Autofahrern in der Regel ignoriert oder höchstens als Möglichkeit zum Halten verstanden wird), aber nicht dazu, sie zu beseitigen (wie die rote Ampel in Hannover, deren Signal jeder Folge leistet). Erst die Konfrontation mit der westlichen, aufgeklärten und ambiguitätsfeindlichen Moderne seit dem frühen 19. Jahrhundert und die Erfahrung der militärischen Überlegenheit des Westens seit der Kolonialzeit haben diese Kultur der Ambiguität zunichtegemacht.

Heute sind sich islamistische Fundamentalisten und liberale Reformer einig: Eindeutige Wahr­heiten müssen her, es muss so gedacht, geregelt, regiert, sanktioniert werden wie im erfolgreichen Westen. In Bauers Worten: „Nicht Mittelalter und Moderne stehen einander gegenüber, sondern das moderne Beharren auf Eindeutigkeit und das postmoderne Potenzial der islamischen nachformativen Tradition.“ Doch mehr als das – und noch schlimmer: Die „unheilvolle westliche Verkettung von Ambiguitätsfurcht, Wahrheitsobsession und Universalisierungsehrgeiz“ löste in der modernen islamischen Welt einen ambivalenten Blick bis hin zum Hass auf die eigene vielfältige kulturelle Tradition aus.

Bauer versteht unter „klassischem Islam“ nicht die Periode des „goldenen Zeitalters“ bis zum Mongolensturm, auf das in vielen gängigen Geschichtsdarstellungen eine Periode der „Dekadenz“ oder des „Niedergangs“ folgte. Nein, Bauer widmet seinen Blick den späteren Epochen, der Seldschuken-, Ayyubiden und Mamlukenzeit, vornehmlich in Ägypten und Syrien. In diesen knapp fünf Jahrhunderten zwischen 1050 und 1515 ist die Kultur der Ambiguität besonders deutlich zu erkennen. Zudem ist die islamische Kultur in dieser Ausformung zum Gegenüber des modernen Westens geworden. Hinzu kommt: Die sogenannte postklassische Periode, die jetzt von Bauer zum klassischen Islam erhoben wird, ist in den meisten wissenschaftlichen Darstellungen unterrepräsentiert, und so erfahren auch Fachleute viele Details hier zum ersten Mal. Auch das Gedicht des Badraddîn al-Bulqînî war den meisten Fachleuten unbekannt.

Was also lernen wir aus dem kleinen Gedicht und den vielen anderen von Bauer detailliert untersuchten Aspekten der islamischen Kulturgeschichte? Es war offensichtlich zur Zeit des „klassischen Islams“ – und unseres Mittelalters – gut möglich, dass ein Religionsgelehrter auch Weinliebhaber war. Ein Leben mit und ohne Wein, Sex oder Musik war gleichzeitig erstrebenswert. Religion mit und ohne Politik war gleichzeitig denkbar. Ein ­Koranvers konnte gleichzeitig unterschiedliche gültige Lesarten haben, ein arabisches Wort gleichzeitig sein eigenes Gegenteil bedeuten. All das war nicht nur möglich oder wurde als Notlösung geduldet. Die Ambiguität wurde als typisch menschlich begriffen, mithin als göttliche Gnade aufgefasst. Sie war gewollt, wurde gepflegt und trainiert. Es ist das Verdienst Bauers, hierauf erstmals detailliert das Augenmerk gerichtet zu haben.

Kein Wunder, dass eine Kultur, in der Urwälder abgeholzt werden, um effizienten Monokulturen Platz zu machen, diese Vielfalt schon seit Langem bedroht und letztlich vernichtet hat. In Bauers Buch werden nicht nur die verheerenden Auswirkungen des Einbruchs der Moderne auf die islamische Tradition auf einfühlsame und unaufgeregte Weise dargestellt, sondern es gelingt dem Autor, von dieser Perspektive aus Phänomene des modernen Islams zu erklären: von der Lustfeindlichkeit moderner islamischer Gesellschaften bis hin zum islamistischen Terrorismus. Und es zeigt sich: Bauer hat mit der Ambiguität tatsächlich einen Zentralnerv der arabisch-islamischen Kultur getroffen. Diesem Buch können gar nicht genug Leser gewünscht werden, und – noch wichtiger als das – auf der Stelle eine Übersetzung ins Arabische.
Thomas Bauer: „Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams“. Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag. 463 Seiten, 32,90 Euro.

Claudia Ott

Die Orientalistin Claudia Ott hat 2004 eine viel beachtete Neuübersetzung von „Tausendundeine Nacht“ veröffentlicht. Sie lebt in Berenbostel.

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