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10:10 01.11.2013
Von Stefan Stosch
Fantastisch traurig: Kate Blanchett als Jasmine. Quelle: Warner
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Hannover

Woody Allens Touristen-Trip durch Europa ist beendet – die Zeit für romantische Leichtigkeiten und gelegentlich auch Nichtigkeiten in Barcelona („Vicky Cristina Barcelona“), Paris („Midnight in Paris“) oder Rom („To Rome With Love“) offenbar vorüber. Der Regisseur, der von sich selbst sagt, er wäre gerne als Tragiker geboren worden, schaue aber wie ein Clown in die Welt, hat seine Kräfte offenbar neu gesammelt – und in Amerika ein überraschend trauriges Frauenporträt über Wirklichkeitsverweigerung und Wahnsinn gedreht.

Das heißt nicht, dass man in „Blue Jasmine“ nicht lachen könnte, doch hat dieses Lachen einen bitteren Beigeschmack. Irgendwann verspürt man auch nur noch Mitleid für die Hauptfigur. Obwohl man das zunächst nicht für möglich halten würde: Wir erleben den Niedergang von Jasmine, einer Upperclass-Frau aus New York, „Park Avenue selbstverständlich“, wie sie sagt.

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Dort musste Jasmine ausziehen, ihr Luxusleben ist passé. Ehemann Hal (Alec Baldwin), dubioser Finanzjongleur und dreister Fremdgeher, ist auf offener Straße festgenommen worden und im Gefängnis gelandet. Nun ist Jasmine genauso pleite, wie es die Kunden sind, die Hal ihr Geld anvertraut hatten. Deshalb ist sie – aus alter Gewohnheit: per Erster-Klasse-Flug und mit viel Alkohol an Bord – bei ihrer Adoptivschwester Ginger in San Francisco eingeschwebt, einer  Supermarktkassiererin mit zwei lärmenden Kindern. Ginger (weniger flippig als etwa in „Happy-Go-Lucky“: Sally Hawkins) verkörpert das Gegenteil von Jasmine, und das lässt die Exil-New-Yorkerin die bodenständige Schwester spüren. Sobald Jasmine ihre tägliche Dosis Martini intus hat, posaunt sie ihre Verachtung für Ginger heraus, ganz besonders für deren Männerbekanntschaften aus der arbeitenden Klasse (allen voran: Bobby Cannavale).

Cate Blanchett ist das Ereignis dieses Films. Ihre Jasmine ist einsam, verzweifelt, sie führt Selbstgespräche, zerbricht an ihren hoffnungslos überzogenen Ansprüchen. Sie flüchtet sich in Erinnerungen an ihr früheres, angeblich glückliches Leben, die wir in Rückblenden noch einmal durchleben. Und sie träumt von der Zukunft. Wie wäre es mit einer Karriere als Innenausstatterin, wie es einer Frau ihres Standes anstehen würde? Die Idee scheitert schon an Jasmines mangelnden Computerfähigkeiten. So will sie das Einzige tun, was sie wirklich gelernt hat: als Frau an der Seite eines erfolgreichen Mannes bei Partys und Wohltätigkeitempfängen glänzen. Fehlt nur noch der passende Mann.

Der Zahnarzt (Michael Stuhlbarg), bei dem sie sich unter Ekelgefühlen als Sprechstundenhilfe verdingt hat, kommt nicht infrage. Da taucht ein Diplomat (Peter Sarsgaard) am Horizont auf, der sich seinerseits vorstellen kann, Jasmine in seine Karrierepläne einzubauen. Sie beginnt schon mal, in der Rolle als Vorzeigeweibchen aufzublühen – und erfindet ein paar weitere Lebenslügen.

Diese werden ihr jedoch bald schon zum Verhängnis: Die Schweißflecken auf Jasmines Seidenblusen werden größer, die Wimperntusche unter ihren Augen verschmiert immer mehr. Das hier ist schon lange keine Komödie mehr.

Regisseur Allen hat sich von Tennessee Williams’ Melodram „Endstation Sehnsucht“, 1951 verfilmt von Elia Kazan, inspirieren lassen. Darin steuert die verarmte Südstaatenschönheit Blanche DuBois (Vivien Leigh) auf die Katastrophe zu. Bei Kazan ist der Ehemann der Schwester (der junge Marlon Brando im Unterhemd) daran beteiligt, bei Allen braucht es keine Brutalo-Männer, um Jasmine in den Wahnsinn zu treiben.

Untermalt wird „Blue Jasmine“, wie so viele andere Arbeiten Allens auch, von perligen Jazzklängen. Umso härter blitzt der Zynismus hervor. Der Film erinnert an pessimistischere, schon lange zurückliegende Werke wie etwa „Innenleben“ (1978) oder „Stardust Memories“ (1980), in denen der New Yorker Filmemacher seinen Idolen Federico Fellini und Ingmar Bergman huldigte. Bestenfalls die Kriminette „Match Point“ (2005), gedreht in London, erzählte in jüngerer Zeit von ähnlich herzlosen Zeitgenossen, das tut sie aber im amüsanten Plauderton.

Schon „Match Point“ hatte Allen ursprünglich für den Schauplatz New York geschrieben. Nun ist der 77-Jährige tatsächlich in die USA zurückgekehrt, und man könnte erschaudern über das hier präsentierte Menschenbild. Der Komödiant Woody Allen lässt auf seine alten Tage die Clownsmaske fallen. Verblüffend ist seine plötzliche Sympathie für die sogenannten kleinen Leute und seine Abscheu vor jenen sorglos Wohlsituierten, die in den vergangenen Jahren seine Lustspiele bevölkerten.

Cate Blanchett, der edlen Elbenherrscherin Galadriel aus „Herr der Ringe“, hat er einen fantastischen Auftritt mit enormer Fallhöhe beschert. Einen Oscar in Martin Scorseses „Aviator“ hat die 45-jährige Australierin schon gewonnen – da spielte sie Katharine Hepburn. Nun dürfte ihr eine weitere Nominierung gewiss sein. Wenn nicht mehr.

Vom 7. November an im Kino.

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