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Kultur Na, sind Sie weihnachtsfest?
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00:15 26.12.2012
Der Trichter und sein Lenker: In Werder (Brandenburg) wird mit vollem Körpereinsatz einer von 27 Millionen deutschen Weihnachtsbäumen eingenetzt. Quelle: dpa
Hannover

Tradition ist die Weggefährtin der Erinnerung. Bräuche, Riten und Rituale sollen ja meist ein Gedenken lebendig halten. Im Kalenderrhythmus sollen sie etwas Bemerkenswertes immer wieder dem Vergessen entreißen. Keine Zeit ist so sehr wie Weihnachten beladen mit Traditionen, doch oft sind deren Bedeutungen vergessen. Dann bleiben unverständliche Worte und feierliche Formen wie Fassaden stehen; wie Zeichen, die auf nichts mehr verweisen und nur noch pomadige Gemütlichkeit verbreiten.  Doch vielleicht muss man etwas vergessen, um es neu entdecken zu können. Höchste Zeit also, mal ein paar christfestliche Fragen zu stellen. Und Antworten zu geben.

Wer ist eigentlich „Tochter Zion“?
In Jerusalem heißt ein Hügel Zion. Einst war dort der jüdische Tempel, von dem heute nur noch die Klagemauer steht. „Tochter Zion“ ist also eine poetische Bezeichnung für Jerusalem oder ganz Israel. Und weil man in Glaubensfragen die Kreise nicht zu klein ziehen soll, kann damit auch die Kirche gemeint sein, die Christenheit oder gleich die ganze Welt.

War Quirinius Landschaftsgärtner?
Es gibt Leute, denen begegnet man genau einmal im Jahr. Heiligabend trifft man in der Kirche regelmäßig auf König Herodes und auf Publius Sulpicius Quirinius, der nach Luthers Übersetzung der Weihnachtsgeschichte „Landpfleger“ in Syrien war. Mit Gärtnerei hatte das wenig zu tun. Quirinius war Statthalter, also ein hoher römischer Beamter, der unter anderem das Steuerwesen in der Gegend reformierte. Dazu musste sich die Bevölkerung in Listen eintragen lassen, damit alle Welt geschätzet würde. Der Evangelist Lukas muss sich in seinem Bericht aber wohl etwas vertan haben: Zur Zeit von Quirinius’ Steuerschätzung war Herodes schon zehn Jahre tot. Die chronologischen Daten der Bibel passen hinten und vorne nicht zusammen. Auf dem Feld der Religion sind eben nicht schnöde Zahlen die Garanten der höchsten Wahrheit.

Wohin ist ein Ros’ entsprungen?
Ein rätselhafter Text muss der Verbreitung eines Liedes nicht im Wege stehen. In der altertümlichen Sprache des 16. Jahrhunderts besingt der Weihnachtsschlager „Es ist ein Ros’ entsprungen“ mitnichten ein fliehendes Pferd. Es geht um ein „Reiss“, einen Spross. Der Prophet Jesaia hatte angekündigt, aus der Wurzel eines gewissen Isai werde eine Blume hervorgehen. Isai („Jesse“) war der Vater von David, und David ein Ahnherr von Jesus. Die Metaphern im Liedtext sind allerdings so dunkel dahin geraunt, dass sie Interpreten viel Spielraum lassen: Ist Maria jetzt der Rosenstock aus der Wurzel und ihr Kind das „Blümelein“? Oder ist Jesus selbst die Rose? In der katholischen Variante des Liedes heißt es: „Das Röslein, das ich meine, ist Maria, die reine, die uns das Blümlein bracht“. Der evangelische Komponist Michael Praetorius schuf 1609 eine alternative Version: „Das Röslein, das ich meine, hat uns gebracht alleine Marie, die reine Magd.“ Jenseits aller theologischen und botanischen Differenzen gilt für beide: Das Blümelein, welches auch immer, vertreibt die Finsternis. Wenn das keine Gute Nachricht ist!

Was hat die Gans verbrochen?
Für Gänse ist Weihnachten eine einzige Passionszeit. Dabei sind sie an ihrem Schicksal ebenso unschuldig wie Klöße und Rotkohl, die neben ihnen auf dem Teller liegen. Sie waren wohl einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort: Anno 1588 soll Englands Queen Elisabeth I. zur Weihnachtszeit gerade eine Gans verspeist haben, als sie die Nachricht vom Sieg über die spanische Armada erhielt. Die Gans galt ihr als gutes Omen, und sie erklärte sie zum Weihnachtsessen. So will es die Legende.

Was machen Kugeln am Christbaum?
Die Weihnachtsforschung hat festgestellt, dass Weihnachtsbäume sich aus mittelalterlichen „Paradiesbäumen“ entwickelt haben. Der Heilige Abend schlägt als kirchlicher Gedenktag für Adam und Eva ja eine große theologische Brücke zum Anfang der Schöpfung: Sündenfall, Erlösung, das alles hängt zusammen an diesem Tag. Und apfelähnliche Christbaumkugeln symbolisieren ursprünglich die Früchte aus dem Paradiesgarten.

Was für Türen macht man hoch?
Nein, das Lied ist keine Wortmeldung in der Debatte um Ladenöffnungszeiten, und es geht auch nicht um Garagentore. „Macht hoch die Tür“, komponiert vom Pastor Georg Weissel 1623 zur Einweihung einer Königsberger Kirche, bezieht sich auf Psalm 24. Mit der „Tür“ ist das Tempeltor in Jerusalem gemeint. Dieses wurde beim Einzug der israelitischen Bundeslade feierlich geöffnet. Es geht in dem Lied also um die Ankunft Gottes. Und natürlich um die Pforten unserer Herzen und solche Sachen.

Was hat der Ochs’ mit dem Esel zu tun?
Die Geschichte ist ein Stück Weltliteratur mit hohem Gänsehautfaktor: Das Gebot, das vom Kaiser Augustus ausging, die ungeplante Schwangerschaft, die Geburt unter prekären Verhältnissen. Ochs’ und Esel kommen im Weihnachtsevangelium nicht vor (übrigens ebenso wenig wie der ganze Stall). Dennoch stehen sie heute an allen Krippen. Aus theologischen Gründen. Beim Propheten Jesaia heißt es nämlich: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe des Herrn.“ Na, also.

Warum immer in Familie machen?
Da hilft nichts: Weihnachten trifft man alle Verwandten, deren Gegenwart man das ganze Jahr über glücklich vermeiden konnte. Dabei wurde das heutige Familienfest im Mittelalter eher öffentlich gefeiert, mit Festumzug, Weihnachtsmarkt und Krippenspiel. Solche Bräuche galten Reformatoren und Aufklärern als blanker Aberglaube. Weihnachtsbräuche wurden ins Private abgedrängt. Weihnachten mutierte seit dem 18. Jahrhundert vom öffentlichen Fest zum Familienfest. Mit trauter Harmonie im Kreise der Lieben.

Ist Owi der Zwillingsbruder von Jesus?
Der Autor Axel Hacke hat in Büchern wie „Der weiße Neger Wumbaba“ beschrieben, auf welch kreative Weise Liedtexte falsch verstanden werden können. Weihnachtslieder sind kraft ihrer antiquierten Sprache da besonders ergiebig: „Doktor Zion“ „Christ ist erschienen, um zu verdienen“, „Wie grinsen deine Blätter“, „Folterknabe im lockigen Haar“, „Ihr Rinderlein kommet“. Ganz weit vorn in der Hitliste falsch verstandener Weihnachtslieder liegt „Stille Nacht“. Darin ist nicht von „Gottes Sohn Owi“ die Rede. Jesus hatte keinen Zwillingsbruder. Noch mal zum Mitschreiben: „Gottes Sohn, O wie lacht ...“. Es geht um die Liebe, die aus dem göttlichen Mund lacht. Man darf Weihnachtslieder eben nicht allein an der Qualität ihrer sprachlichen Bilder messen.

Woher kommt der Weihnachtsmann?
Aus der Türkei. Nicht aus Island, nicht aus Finnland, sondern aus der Türkei. Als Vorbild für unseren Weihnachtsmann diente der heilige Bischof Nikolaus von Myra, der im heutigen Demre bei Antalya einst Arme beschenkt haben soll. Früher gab’s die Bescherung für Kinder daher am Nikolaustag, am 6. Dezember. Den Reformatoren war das zu katholisch. Vermutlich ersetzte Martin Luther den Geschenkebringer Nikolaus durch den „Heiligen Christ“ und verlegte die Bescherung auf Weihnachten. Heute gibt es in den meisten Gegenden zu beiden Terminen Geschenke. Wenn es ums Materielle geht, haben Kinder einen ausgeprägten Sinn für Ökumene.

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