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Kultur NRW-Bühnen setzen Kontrapunkte im Wagner-Jahr
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13:48 10.03.2013
Zum 200. Geburtstag von Richard Wagner gab die Düsseldorfer Oper ein Werk über den Komponisten in Auftrag.
Zum 200. Geburtstag von Richard Wagner gab die Düsseldorfer Oper ein Werk über den Komponisten in Auftrag. Quelle: dpa
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Düsseldorf/Krefeld

An Richard Wagner kommt in diesem Jahr kein Opernhaus vorbei. Die Deutsche Oper am Rhein hat bei dem Komponisten Helmut Oehring eine Oper über Wagner in Auftrag gegeben: „SehnSuchtMEER oder Vom Fliegenden Holländer“ heißt das Werk, das in Düsseldorf unter großem Beifall des Premierenpublikums am Freitagabend aus der Taufe gehoben wurde. In Krefeld kam dagegen Wagner im Original, allerdings stark gekürzt zur Premiere: Nicht die ursprünglichen sechs, sondern nur knapp drei Stunden dauert „Rienzi“ am Samstagabend in Krefeld.

Wagner hat sein ausuferndes Frühwerk später verworfen und für Bayreuth nicht zugelassen. Aus guten Gründen, denn tatsächlich ist „Rienzi“ mit einer Fülle von Schlachtszenen und Aufmarsch-Chören formal und musikalisch noch längst nicht auf der Höhe von Wagners Kunst.

In Krefeld sind vor allem die letzten drei Akte erheblich eingedampft und Regisseur Matthias Oldag verlegt das Geschehen um den römischen Staatsmann Cola Rienzi vom 14. Jahrhundert in eine nicht näher bestimmte Gegenwart. Diese Aktualisierung wirkt stellenweise beliebig, im letzten Akt jedoch faszinieren starke Bilder. Mihkel Kütson bändigt die üppigen Orchesterfluten und den über 70-stimmigen Chor souverän und Carsten Süss meistert die mörderische Titelpartie mit kultiviertem Schmelz. Ein verdienstvolles Plädoyer für Wagners Frühwerk.

Der Titel der Oper über Wagner gibt zu erkennen, dass der Komponist sich Wagners frühe Oper über den „untoten“ Seefahrer vorgenommen hat. Aber Oehring greift auch auf die „Wesendonck-Lieder“ zurück und reichert das Ganze nur sehr behutsam mit Toneinspielungen, E-Gitarre und experimentellen Spieltechniken an. Oehring reibt sich nicht an Wagner, sondern nähert sich ihm mit naivem Staunen.

Auf der Handlungsebene mischt Librettistin Stefanie Wördemann Wagners Plot mit Motiven aus Hans Christian Andersens Märchen von der kleinen Meerjungfrau und Texten von Heinrich Heine, Richard Wagner, Mathilde Wesendonck und Oehring selbst auf.

Weite Passagen von „SehnSuchtMEER“ übernehmen Wagners Originalpartitur fast unverändert. Unterbrochen werden Wagners wilde Klangwogen immer wieder von Sprecherstimmen, und virtuosen Stimmperformance-Einlagen des Vokalartisten David Moss. Als Alter Ego der Senta und der kleinen Meerjungfrau fungiert zudem die Gebärdensprachsolistin Christina Schönfeld, die szenisch das eigentliche Zentrum des Abends bildet.

Christian Schmidt hat in Patina-Tönen eine Kathedrale der Industrie auf die Bühne gesetzt und Regisseur Claus Guth inszeniert Oehrings Wagner-Collage in ästhetisch ansprechenden Bildern. Dirigent Axel Kober bündelt im Graben die vielfältigen Klangschichten perfekt, alle Beteiligten leisten Außergewöhnliches. Dennoch fragt man sich am Ende des fast dreistündigen Opernabends, was Oehring mit seiner durchaus raffiniert gemachten Collage eigentlich sagen will. 

dpa

Manuel Becker 09.03.2013
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