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Kultur Musikzeitreise in die Zukunft der Vergangenheit mit Kraftwerk
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23:05 26.04.2009
Von Volker Wiedersheim
Was du willst, wird ausgeführt – wenn die Maschine denn mitmacht: Kraftwerk in Wolfsburg. Quelle: Kris Finn
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Aber am Wochenende in der Wolfsburger Autostadt, beim Konzert im Rahmen des Tanzfestivals Movimentos, da ist alles durcheinander.

„Die Menschmaschine, halb Wesen und halb Ding“ versagt sang- und klanglos den Dienst. „Wir sind auf alles programmiert. Und was du willst, wird ausgeführt“, ist der im Lied „Die Roboter“ selbst erhobene Anspruch. Es wirkt auch alles perfekt: Vier Männer an vier Pulten, Synthesizer, und dazu elektronisches punktexaktes Bumm-Tschak aus den Lautsprechern.

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Doch der Schein trügt: Es herrscht Chaos am Controllerpult: falsche Töne, ausgelassene Texteinsätze, verspätete Filmeinspielungen, Verbal- und Digitalsalat. Nach dem fünften Lied, „Tour de France“, bittet Bandgründer Ralf Hütter das Publikum: „Eine Sekunde, das Keyboard hat seinen Geist aufgegeben.“ Nach dem sechsten Stück, „Autobahn“, kalauert er: „Es ist ist kaputt. Durch die vielen Reisen. Das Keyboard hat Heimweh.“

Eine Maschine zeigt menschliche Schwäche? Soll gar Geist haben? Wollten nicht die Kraftwerker die Menschen für höchste maschinenmusikalische Präzision emotional entkernen? Schwerer Faltenwurf auf der Metaebene, ein gefundenes Fressen für mehrere Dutzend Feuilletonschreiber im Saal.

So viele sind es schon beim ersten von drei ausverkauften Auftritten von Kraftwerk im VW-Kraftwerk. Die Düsseldorfer mögen am ganz großen Massengeschmack beharrlich vorbeikomponieren, aber sie sind halt immer noch Kritikers Liebling.

Warum? Ein Indiz liefert die Reaktion von 1250 Gästen auf die zwei Pannenpausen: Oder besser: die Nichtreaktion. Es gab keine. Man plauschte zwar, aber doch mit fast kirchlicher Contenance.#Im Heimatland von Kraftwerk liegen immer mindestens fünf Jahre zwischen den raren Auftritten. Da sind fünf Minuten Geduld nichts.

Diesem Publikum gilt die Gruppe als Legende. Zum Erfolg reicht die schiere Anwesenheit von Gründer Hütter, den „Audio Operatoren“ Fritz Hilpert (seit 1990 dabei) und Henning Schmitz (1991) sowie des „Video Operators“ Stefan Pfaffe, der für das eben vor Tourstart ausgeschiedene Gründungsmitglied Florian Schneider aus dem Technikteam ins Bühnenquartett befördert worden ist.

Pfaffe hat reichlich Knöpfe zu drücken und erwischt nicht immer den richtigen zur rechten Zeit. Dass aber auf dem großen Bildschirm, der allein den Bühnenhintergrund bildet, etwa bei den Liedern „Autobahn“ und „Neonlicht“, vor allem Mercedes-Benz-Werbung gezeigt wird, ist nicht sein Fehler, sondern visuelles Konzept – die Autostadt erträgt’s mit Fassung. Man hat schließlich vier Jahre um die Band und ihre Hits gebuhlt.

16 Lieder sind’s, die Geschichten aus der Vergangenheit der Zukunft ins Jetzt jazzen. Ein raumloser Rausch von Formen und Tönen. „Autobahn“ ist der älteste (1974), „Aero Dynamik“ der jüngste (2003). Es geht um „Heimcomputer“, die bei ihrer Erfindung als nicht zukunftsfähig galten. Um „Das Model“ aus einer Zeit, als Schönheit noch nicht verklumt war. Um den alten „Trans Europa Express“ der Baureihe 602 aus einer Zeit, als die Deutsche Bundesbahn noch eine Zukunft hatte. Und außerdem um den „Planet der Visionen“.

Hannoveraner wird das Wiedersehen mit dem per Video eingespielten „Puls“, dem animierten Logo der Expo, daran erinnert haben, dass aus dem Expo-Gelände auch mal mehr werden sollte als ein Ikea-Parkplatz. Beim Hit-Schlussspurt werden für „Nummern“ und „Vitamin“ sogar die fast vergessenen 3-D-Brillen im Publikum verteilt.

Bleibt die Frage: Hat eine Band, die so aufs Zeitspiel setzt, selbst eine Zukunft? Dies zur Antwort: Den größten Applaus bekommen Hütters Hüter der Popmoderne noch immer dann, wenn sie selbst gar nicht auf der Bühne stehen, sondern sich von Robotern vertreten lassen sind. Die sind nach ihrem Ebenbild geschaffen – und sehr haltbar.