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18:07 12.11.2013
Foto: 25 Werke sind in der Lost-art-Datenbank bislang veröffentlicht. Weitere sollen folgen. Quelle: dpa
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Berlin

Nach massiver Kritik an der Geheimhaltungspolitik beim Münchener Kunstfund – unter anderem aus US-Regierungskreisen und zuletzt auch vom Jüdischen Weltkongress – hat die Deutsche Bundesregierung die Regie in der heiklen Sache übernommen. In einem aktuellen Schreiben kündigt der Bund die schnellstmögliche Veröffentlichung der Bilder im Internetregister Lostart an sowie die Bildung einer „Taskforce“ zur professionellen Erforschung des umfangreichen Fundes.

In der Aussendung der Bundesregierung heißt es, die beteiligten Ministerien von Bund und Land hätten vereinbart, „die Provenienzrecherche im Interesse möglicher Eigentümer parallel zum Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Augsburg“ zu betreiben. Man wolle die Identität der sichergestellten Objekte „so rasch und transparent wie möglich“ feststellen. Weiter ungeklärt ist die Eigentumsfrage. Offen ist auch, wie mit den Kunstwerken aus der Schwabinger Wohnung von Cornelius Gurlitt, dem Sohn des NS-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt weiter verfahren werden soll. Zu dem Fund gehört unter anderem Max Liebermanns „Reiter am Strand“, dessen frühere Besitzerin in Auschwitz ermordet worden ist.

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In einem ersten Schritt wurden Anfang der Woche auf Betreiben des Bundes 25 Bilder mit dringenden Verdachtsmomenten auf eine NS-Verfolgungsgeschichte auf der Internetplattform www.lostart.de mit Sitz in Magdeburg eingestellt. Laufend sollen Einträge dazukommen. Das Problem: Der Server ist dem Interesse an den Bildern nicht gewachsen und bricht unter der Last der Zugriffe immer wieder zusammen, wofür die Koordinierungsstelle bereits um Verständnis gebeten hat. 

Abzüglich der Gegenstände, die eindeutig keinen Bezug zu sogenannter „Entarteter Kunst“ oder NS-Raubkunst haben, sind nach Angaben aus Augsburg zirka 970 Werke zu überprüfen. Davon könnten zirka 380 Werke dem Bereich der sogenannten „Entarteten Kunst“ zugeordnet werden. Bei rund 590 Bildern müsse geprüft werden, ob ein NS-verfolgunsbedingter Entzug vorliegen könnte.

Mindestens sechs Experten werden beauftragt

Der Bund kündigte an, mindestens sechs Experten mit der Erforschung der Herkunftsgeschichten der Kunstwerke aus der NS- und Kriegszeit zu beauftragen. Die Leitung soll die Ministerialdirektorin Ingeborg Berggreen-Merkel übernehmen. Die Koordination liegt bei der Berliner Arbeitsstelle für Provenienzrecherche. Bereits am Wochenende hatte der frühere Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) eine zügige und professionelle Herkunftsrecherche der bereits vor eineinhalb Jahren beschlagnahmten Bilder angemahnt.

In einem Interview kritisierte Neumann, dass lediglich eine einzige Kunsthistorikerin mit der Erforschung beauftragt worden war, die zudem lediglich auf sogenannte „Entartete Kunst“ und nicht auch auf Raubkunst spezialisiert sei. Mit ihrem eiligen Engagement korrigiert die Bundesregierung den bisherigen Kurs. Noch vergangene Woche hatte der Leitende Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Augsburg, Reinhard Nemetz, gesagt, die Angelegenheit sei zu wichtig, „um sie an die große Glocke zu hängen“. Diese Aussage kursiert seither bei Kritikern der Geheimhaltung als „Glockengeheimnis“. Anfang dieser Woche hatte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) einen transparenten Umgang mit dem Schwabinger Kunstfund gefordert und gesagt: „Wir sollten die Sensibilität des Themas in der Welt nicht unterschätzen“.

Weitere Bilderdepots vorstellbar

In einem Interview mit der „Welt“ sagte der NS-Raubkunstexperte Ralph Jentsch, dass Gurlitt noch über weitere Bilderdepots verfügen könnte. Aus Archivunterlagen gehe hervor, dass in der NS-Zeit mehr als 4000 Bilder durch die Hände seines Vaters, des NS-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, gegangen seien. Am Wochenende beschlagnahmte die Polizei 22 Werke bei Gurlitts Cousin. Die Bilder sollen in Zusammenhang mit dem Münchner Fund stehen. Der Aufenthaltsort des 79-Jährigen, gegen den wegen des Verdachts auf Unterschlagung und Steuerdelikte ermittelt wird, soll den Behörden unbekannt sein. Reporter der französischen Illustrierten „Paris Match“ aber wollen Cornelius Gurlitt in München gesehen haben.

Von Johanna Di Blasi

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