Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Motörhead geben in der AWD-Hall auf die Glocke
Mehr Welt Kultur Motörhead geben in der AWD-Hall auf die Glocke
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 08.12.2012
Lemmy Kilmister lärmt – und die Fans flippen aus. Quelle: Philipp von Ditfurth
Hannover

Ohrstöpsel seien etwas für Heulsusen, hat ein gewisser Ian Kilmister kürzlich in einem Interview gemeint. Es muss daran liegen, dass diesem Ian Kilmister, besser bekannt als Lemmy, sein komischer Kavallerie-Hut die langen Haare heftig auf oder vielmehr in die Ohren drückt. Anders kann man es sich nicht erklären, dass dieser 66-Jährige Gehörschutz bei Konzerten seiner Band Motörhead rundweg ablehnt.

„We are Motörhead, as you know“, raunzt Lemmy zur Begrüßung in der hannoverschen AWD-Hall ins Mikrofon. Ganz auszuschließen, dass sich jemand in der vollen Halle verirrt hat, ist es beim vorherrschenden Alkoholpegel tatsächlich nicht. Viele, die hier sind, sind das schon länger und haben - die meisten ohne Ohrstöpsel - die Vorgruppe Anthrax mitgenommen. Da hat man, außer einigen Bieren, schon eine gewisse Vorbelastung, die man mit in das rund 90-minütige Konzert von Motörhead schleppt. Die Stimmung ist entsprechend freundlich-aggressiv, man stützt sich beim Neben- oder Vordermann ab, balanciert den Bierbecher möglichst unfallfrei und wartet darauf, dass es endlich losgeht. Und dann geht es los, stilecht mit „I know how to Die“, und wer noch kann, reckt die Fäuste mit abgespreiztem Zeige- und kleinem Finger und freut sich, dass es diese Kapelle überhaupt noch gibt.

Seit 1975 ist Motörhead ein Synonym für harten, schnellen und schnörkellosen - ja, was eigentlich? Hardrock? Heavy Metal? Krach? Nein, eigentlich ist es eine schlichte Mischung aus Blues, Rock’n’Roll und Punk. Die Prägung durch den guten, alten Rock’n’Roll und den Blues ist offenkundig, die Punkattitüde führt zu verknappten Songstrukturen und einer gewissen Schnodderigkeit und Härte. Hier wird nicht lange herumgefrickelt, hier gibt es auf die Glocke. One, two, three, four! Und fast seit Gründungszeiten traute man Lemmy Kilmister, dessen alkoholischer Lebensstil nie ein Geheimnis war, nicht mehr viele Bühnenjahre zu.

Nun aber steht er immer noch auf der Bühne und röhrt ins Mikrofon. Er bearbeitet seinen Bass zeitweise wie eine Rhythmusgitarre, Mikkey Dee prügelt kunst- und lustvoll auf sein Schlagzeug ein, und Phillip Campbell spielt E-Gitarre so, dass man gar keinen zweiten Gitarristen vermisst. Motörhead ist ein spartanisches, archaisches Trio, das bei einem Konzert auch sonst ohne Schnickschnack auskommt: Es gibt keine Videofilme, keine aufblasbaren, fliegenden Monster, nur ein bisschen farbiges Licht, fertig. Und Lemmy steht, wie es sich für einen Bassisten gehört, dicht vor dem Schlagzeug, ganz hinten. Auch wenn er die Hauptfigur ist und eigentlich an den Bühnenrand gehörte - da ist: nichts. Ab und an kommt Campbell von der linken auf die rechten Seite gelaufen, aber sonst gibt es viel freie Fläche auf der Bühne. Zum Intro von „Metropolis“, ein Klassiker der Bandgeschichte, stehen Kilmister und Campbell gemeinsam vorne und posieren, dann geht es schnell wieder fünf Meter zurück ans Mikrofon. One, two, three, four!

Warum tut man sich das auf der anderen Seite der Bühne nur an? Ganz einfach: Ein Motörhead-Konzert ist für viele das, was für andere ein Besuch im Solebad ist - Wellness. Nur für die Ohren. Einmal richtig durchpusten lassen. Einmal erleben, was drei Männer mit Instrumenten für einen schönen Lärm veranstalten können. Einmal wieder sehen, dass Gitarre, Bass und Schlagzeug immer noch das heilige Dreigestirn des Rock’n’Roll sind. Dass von Livemusik eine Faszination ausgeht, die auf Konserve nur erahnbar ist. Und endlich wieder die Ddddddddouble-Bass-Drum so richtig spüren.

Nach „Killed by Death“ und „Ace of Spades“, dem Hit von 1980, ist erst einmal Schluss, aber als Zugabe gibt es noch den Thin-Lizzy-Klassiker „Are you ready“ (wo noch einmal klar und deutlich wird, dass es sich bei Motörhead auch nur um eine verknappte, banale Hardrocktruppe handelt) und schließlich das obligatorische „Overkill“ - wieder mit der schönen Ddddddouble-Bass-Drum, die man auch mit Ohrstöpseln gut hört. Oder spürt. Vorher raunzt Lemmy das Publikum, das ihm wohl zu leise und lethargisch ist, auf Deutsch an: „Aufstehen!“ Wie meint er das? Stehen doch alle. Na, vielleicht drückt der Hut die Haare ja auch vor die Augen.

Matthias Schmidt

Die Preise auf dem internationalen Kunstmarkt kennen derzeit nur eine Richtung: steil nach oben. Kunst gilt als das ideale Investment in wirtschaftlich unsicheren Zeiten. Die EU-Schuldenkrise beeinträchtigt das Luxus-Geschäft offensichtlich nicht.

05.12.2012

Die sozialkritische Videokünstlerin Elizabeth Price hat den hochdotierten Turner Preis erhalten. Ihr Werk „The Woolworths Choir of 1979“ zeigt Szenen eines flammenden Infernos.

Johanna Di Blasi 04.12.2012
Kultur Nach Sanierung am Raschplatz - Angst um Theaterwerkstatt

Wie wird der Pavillon ein Zentrum für freies Theater? Und was wird dann aus der Theaterwerkstatt? Die freien Theatergruppen dringen auf einen Generationswechsel

Ronald Meyer-Arlt 04.12.2012