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Kultur Mord und Totschlag im Schauspielhaus Hannover
Mehr Welt Kultur Mord und Totschlag im Schauspielhaus Hannover
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19:20 16.12.2012
Von Rainer Wagner
Melodramatisch: Katja Gaudard. Quelle: Gabriel Poblete Young
Hannover

Das Melodrama hat einen bösen Absturz erlebt: aus der Kulturgeschichte in den banalen Alltag. „Immer machst du ein Melodrama aus allem“, heißt ein beliebter Vorwurf in Beziehungsgesprächen. Aber wenn das mit einem leichten Tremolo intoniert wird, ist man dem Melodrama näher, als man ahnte.

Die Verknüpfung von Wort und Ton (aber eben nicht das gesungene Wort!) hat in den vergangenen 250 Jahren viele Wandlungen erlebt - von Ballettpantomimen des Rokoko bis zu Schönberg und der „Dreigroschenoper“ (vom Film ganz zu schweigen). An eine besonders romantische Ausformung des Genres erinnerten jetzt Katja und François Gaudard in einer stimmungsvollen Matinee im Schauspielhaus, an der nur das Ambiente im Foyer nicht ganz stimmig und vor allem akustisch ungünstig war. Im weiten Raum verliert sich auch eine kunstvoll fokussierte Stimme, wenn sie den Ansprechpartner nicht trifft. Da wäre die Cumberlandsche Galerie sicherlich besser gewesen - und hätte mit ihrem morbiden Charme zumindest auf zwei der Poeme bestens gepasst.

Der Untertitel sagt, worum es geht: um „Deklamation mit Begleitung des Pianoforte“. Die fällt bei Friedrich Hebbel anschaulich bis beschaulich aus, wenn „Schön Hedwig“ ihr verdientes Happy End findet. Doch Robert Schumann findet für Hebbels „Ballade vom Heideknaben“ auch dramatische Töne. Katja Gaudard (derzeit als Blanche in „Endstation Sehnsucht“ gefeiert) hat für die schöne Hedwig schillernde Klangfarben, kann für den Thriller vom Heideknaben, der seinen mörderischen Traum als Realität erlebt, aber auch einen angemessen schaurigen Deklamationston mobilisieren. François Gaudard begleitet das am Klavier etwas holzschnittartig und legt diesen Zugriff auch bei Schumanns „Arabeske“ nicht ganz ab.

Vater und Tochter Gaudard zitieren mit Rüschchenbluse und Wickelrock (sie) und mit Samtsakko und Samtfliege (er - fehlt nur das Barett) biedermeierliche, aber nicht biedere Hauskonzertatmosphäre. Damals war eine Schauerballade wie die vom erschlagenen Knaben wohl so etwas wie ein „Tatort“ von heute. Mit Franz Liszts „Petrarca Sonett 104“ leitete François Gaudard zu Tolstois Ballade vom „Blinden Sänger“ (mit Liszts „melodramatischer Pianoforte-Begleitung“) über, womit die Künstler jenen Bereich verließen, den zumindest jene Besucher noch kannten, die in der Vor-68er-Zeit im Deutschunterricht noch Gedichte und Balladen lernen mussten.

Tolstois Ballade vom blinden Barden, der ins Leere singt, weil das vermeintliche Publikum längst weitergezogen war, als er endlich ankam, der aber dennoch glücklich ist, weil das Lied so oder so aus ihm heraus musste, ist ein zeitloses Plädoyer für Kunst, die muss, was sie muss.

Liszts „Des heiligen Franziskus von Assisi Vogelpredigt“ ist nicht so ironisch wie Gustav Mahlers Adaption, weshalb sich François Gaudard auf die ornithologischen Zitate konzentriert. Und sich dann bei Edvard Griegs „Bergliot“ redlich bemüht, die Finessen der Orchesterversion auch am Klavier zu beschwören. Katja Gaudard, jetzt ganz in schlank und schwarz, macht aus dem hierzulande eher wenig bekannten Poem von Björnstjerne Björnson ein facettenreiches, stimmlich raffiniert schattiertes Kompress-Drama: norwegische Geschichte als Leidensgeschichte einer Frau, die auf Rache schwört und dann doch resigniert. Wozu das Klavier gleich zwei Trauermärsche intoniert.

Aber so tot ist das Melodrama dann doch nicht. Was zu beweisen war. Und eindrucksvoll bewiesen wurde.

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