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Kultur Michael J. Sandel: Moralische Grenzen gesucht
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00:15 17.12.2012
Von Karl-Ludwig Baader
Rettungsroutine: Blutspenden beim National Blood Service Center in London. Quelle: rtr
Hannover

Heutzutage ist alles käuflich: Das ist ein Klagesatz, der zum Jeremiaden-Set des alltäglichen Kulturpessimismus gehört (wie überhaupt alle Sätze, die mit „Heutzutage“ anfangen). Dass ihm zum ersten Mal in der Geschichte mehr Bedeutung als dem sonstigen nostalgisch instrumentierten Gegenwartsgejammer zukommt, ist bei dem in Harvard lehrenden Moralphilosophen Michael J. Sandel nachzulesen.

In seinem neuesten Werk „Was man für Geld nicht kaufen kann“ geht es gerade darum, dass der Markt und das Denken in Marktkriterien in immer mehr Bereiche des öffentlichen Lebens oder Alltags eindringen und dabei normsetzend und zugleich normzersetzend wirken, weil traditionelle Werte in ihrer Bedeutung geschwächt werden.

Gegen diese Entwicklung, die den Erfolg der neoliberalen Doktrin bestätigt, versucht Sandel die moralischen Grenzen aufzuzeigen, die der Markt nicht überschreiten dürfe. Längst sind wirtschaftliche Denkweisen in Lebensbereiche vorgedrungen, die traditionell anderen Maximen folgen. In der Politik zeigt sich das an der Möglichkeit, Verschmutzungsrechte zu kaufen, und der Bedeutung der Wahlkampfkosten bis zur Privatisierung des Militärs oder öffentlicher Aufgaben.

Sandel setzt sich recht detailliert und vorsichtig abwägend mit den zentralen Argumenten der Ökonomen auseinander. Anders als sie glaubt er nicht, dass ökonomische Methoden auch den moralischen Nutzen maximierten - oder dass sie niemandem schadeten und allen am Deal Beteiligten nutzten. Sandel prüft diese Behauptungen an mehreren Beispielen. Da werden in den USA, berichtet er, etwa Leute fürs Schlangestehen bezahlt - beispielsweise für den Erwerb von Karten für ein kostenloses Event. So würden, meinen die Ökonomen, die Karte diejenigen erhalten, denen sie am meisten wert ist.

Dieses Argument freilich unterscheidet nicht zwischen Bereitschaft und Fähigkeit. Es benachteiligt eben immer die, die wenig Geld haben. Für Sandel widerspricht dies dem Gebot der Fairness (weil nicht jeder die gleiche Chance erhält) und dem Sinn dieser öffentlichen Veranstaltung (die gerade den weniger Begüterten Zugang zu einem Kunstereignis gewähren wollte).

Auch ein anderes Argument der Markt­euphoriker überzeugt ihn nicht: Die ökonomische Effizienz wirke sich, meinen die, nicht auf die Qualität einer Dienstleistung oder eines Produkt aus. Empirische Untersuchungen deuten auf das Gegenteil hin. Ein Beispiel berichtet Sandel aus Israel. In einem Kinderhort holten immer mal wieder die Eltern ihre Sprösslinge zu spät ab. Um dies abzustellen, führte man Geldbußen für Zuspätkommer ein. Das Ergebnis: Das Zuspätkommen nahm zu, weil die Geldbuße als Gebühr verstanden wurde, die Eltern hatten kein schlechtes Gewissen mehr.

Hier sieht Sandel auch das Argument der Ökonomen widerlegt, dass die Norm nicht beeinflusst werde. Die Rücksichtnahme gegenüber den Erzieherinnen im Hort beispielsweise sei so verschwunden. Auch die Behauptung, man könne durch finanzielle Anreize Normen durchsetzen, sieht Sandel widerlegt. Eine Studie zum Spendeneinsammeln offenbarte, dass Schüler, die für diese Tätigkeit nicht bezahlt wurden, effektiver waren. Durch Geld werde die eigentliche Motivation, einen Dienst an der Gemeinschaft zu verrichten, geschwächt, meint Sandel. Wie wenig die Rechnung der Ökonomen aufgeht, zeigt sich beim Blutspenden. In England, wo es freiwillig geschieht, gibt es keine Probleme, genug Konserven anzulegen, anders in Amerika, wo man Geld bezahlt - mit dem fragwürdigen Effekt, das die Reichen gleichsam das Blut der Armen bekommen.

Der Philosoph widerspricht auch der grundsätzlichen Annahme der Marktliebhaber, dass moralische Motivation ein knappes Gut sei. Deshalb, so die Marktlogik, würde man die moralischen Ressourcen schonen, wenn man für bestimmte moralisch sinnvolle Tätigkeiten Geld bezahle, denn so bliebe noch genug moralische Motivation für andere Aufgaben übrig. Empirische Untersuchungen bewiesen, meint dagegen Sandel, dass die moralische Motivation wächst, wenn sie öfter in Anspruch genommen werde.

Aber selbst wenn das System der finanziellen Anreize erfolgreicher wäre, sieht Sandel ein zentrales Problem: Sie führen zu einer Korruption der Norm, weil die inneren Gründe zugunsten der äußeren geschwächt würden.

Sandels Resümee: Mit dieser Korruption der Norm, dem Verstoß gegen Fairnessregeln schwäche die Kommerzialisierung aller Lebensbereiche den Gemeinsinn und vertiefe die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich, wie er am Beispiel des Sports aufzeigt: Seit der Kommerzialisierung setzen sich die Reichen in ihren Logen vom Rest ab - tatsächlich und symbolisch.

Interessant ist, wie defensiv die Argumentation oft klingt. Ein Indiz, wie sehr inzwischen das ökonomische Kalkül das gesellschaftliche Bewusstsein imprägniert hat.

Michael J. Sandel: „Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes“. Ullstein. 300 Seiten, 19,99 Euro.

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