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Kultur „Me Too – Wer will schon normal sein?“ startet in den Kinos
Mehr Welt Kultur „Me Too – Wer will schon normal sein?“ startet in den Kinos
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20:25 04.08.2010
Von Stefan Stosch
Eine Liebe auf Augenhöhe? Laura (Lola Dueñas) und Daniel (Pablo Pineda).
Eine Liebe auf Augenhöhe? Laura (Lola Dueñas) und Daniel (Pablo Pineda). Quelle: Movienet
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Der Fahrstuhl war schon immer ein guter Ort für Beziehungsgespräche. Man entkommt einander nicht, aber man kommt irgendwie weiter. Dieses Gespräch hier läuft allerdings ungewöhnlich ab. Die gemeinsame Nacht sei ein Versehen, sie sei betrunken gewesen, sagt die blonde Frau. Ihr Gegenüber sagt erst mal gar nichts, jedenfalls nichts, was man verstehen könnte. Er beginnt, sich gegen den Kopf zu schlagen, lässt die Zunge vor dem Mund kreisen, gibt glucksend-johlende Geräusche von sich. Die anderen Fahrstuhlbenutzer gucken auffällig unauffällig woanders hin.

Da ruft die blonde Frau wütend: „Hör auf, den Bekloppten zu spielen!“ Jetzt schreiten die anderen Passagiere ein, wollen dem „Bekloppten“ zu Hilfe kommen, der Opfer dieser blonden Furie zu werden droht – doch plötzlich stecken die Frau und der Mann lachend die Köpfe zusammen.

In dieser Szene deklinieren die spanischen Regisseure Álvaro Pastor und Antonio Naharro die Schwierigkeiten durch, die wir mit Leuten haben, die wir für nicht ganz normal halten – Daniel (Pablo Pineda) gehört dazu. Er hat das Chromosom mit der Nummer 21 gleich dreifach und damit einmal zu viel in seinem Erbgut. Daniel hat das Downsyndrom.

Ob wir solche Menschen geflissentlich übersehen oder uns ihnen gegenüber mitleidig zeigen: Wir geraten allzu leicht in Gefahr, sie über ihre Behinderung zu definieren. Daniel will in „Me Too“ (ein blödsinniger englischer Titel für diesen spanischen Film) so behandelt werden wie die anderen auch. Er will dazugehören. Er liebt die blonde Frau, und womöglich könnte sie ihn ja auch irgendwann lieben. Das hier ist eine Liebesgeschichte, wenn auch eine verzwickte.

Man darf sich deshalb nicht vom ersten Satz in diesem Film abschrecken lassen, der das Schlimmste befürchten lässt: „Eine Gesellschaft, die ihre Minderheiten ausgrenzt, ist eine verstümmelte Gesellschaft“, sagt Daniel. Er darf so etwas Theoretisches in eigener Sache sagen, er hält gerade einen Universitätsvortrag.

Mit solchen Vorträgen hat der Schauspieler Pablo Pineda Erfahrung: Der kleine Mann mit den traurigen Augen ist der erste Europäer mit Downsyndrom, der einen Hochschulabschluss geschafft hat. Pineda absolvierte ein Lehramtsstudium. Mit diesem hart errungenen Erfolg strafte er all die angeblichen Experten Lügen, die für Kinder mit Downsyndrom prognostizieren, sie würden nie über das geistige Niveau eines Vierjährigen hinauskommen. Wie viele andere Kinder mit Downsyndrom in Spanien auch besuchte Pineda den regulären Unterricht – und keine Sonderschule.

Schwer zu sagen, wie viel vom eigenen Leben in der Figur des Mittdreißigers steckt. In jedem Fall tritt Pineda voll hinter seiner Rolle zurück. Für Betroffenheitsduseleien lässt uns sein mit Selbstironie begabter Daniel keine Zeit. Das liegt auch an der rau-charmanten Laura, gespielt von Lola Dueñas, die wir aus Filmen von Pedro Almodóvar und aus Alejandro Amenábars Drama „Das Meer in mir“ kennen. Beide erhielten beim Sundance Filmfestival Preise als die besten Schauspieler.

Die beiden befreien ihre Figuren von jeder formelhaften Vorgabe, was sich schon bei ihrer ersten Begegnung zeigt: Laura trifft im Büro für behinderte Menschen auf ihren neuen Mitarbeiter Daniel und hält ihn zunächst einmal für einen Klienten. Auch sie selbst ist eine Außenseiterin, die wegen ihres lockeren Lebenswandels Häme ertragen muss und deren Privatleben mit allerhand Problemen belastet ist.

Die schönsten Momente in diesem Film sind diejenigen, in denen wir Zuschauer Daniels Behinderung ganz und gar vergessen. So wie es auch Laura tut. Wer von diesem Paar der Stärkere und wer der Hilfsbedürftige ist, ob Laura oder Daniel, ist bald gar nicht mehr so leicht zu entscheiden.

Die Schwierigkeiten, die sich aus der Beziehung der beiden ergeben, bügelt das Regieduo in seinem Kinodebüt keinesfalls weg. Mit einem billigen Happy End ist hier nicht zu rechnen. Aber wer behauptet denn auch, dass die Beziehung zwischen Mann und Frau eine unkomplizierte wäre?

Eine Liebe mit Downsyndrom: Fern von Klischees. Kinos am Raschplatz.

Johanna Di Blasi 04.08.2010
Karl-Ludwig Baader 04.08.2010