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Kultur Matrjoschka am Klavier
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18:37 28.05.2012
Von Hannah Suppa
Regina Spektor bringt ihr sechstes Album hervor „What we saw from the cheap seats“. Quelle: dpa
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Hannover

Wo könnte es mehr Geschichten zu entdecken geben als im Museum? Da schlendert Regina Spektor in New York also eines Tages durch die Ausstellungsräume und stockt bei einem Gemälde mit Ruderbooten. In den Gesichtern der Ruderer spiegelt sich Besorgnis. Sie paddeln und paddeln, doch sie kommen nicht von der Stelle. Gefangen in der Kunst, im goldenen Rahmen. Das Klavier droht, der Beat pulsiert in „All The Rowboats“ auf Spektors sechstem Album „What we saw from the cheap seats“. Und dann donnert auch noch ein Maschinengewehr los - rein stimmlich natürlich.

So ist sie, diese Avantgardekünstlerin. Hinter jedem Takt lauert eine neue Idee, ein plötzlicher Stilbruch, eine seltsame Note, ein unerwarteter Stimmausbruch. Die russisch-amerikanische Songschreiberin Regina Spektor ist ein wenig wie die Matrjoschkapuppen: In der einen scheint immer noch eine andere verborgen. Es gibt die klassisch ausgebildete Pianistin, die in der Bronx als Tochter einer Musiklehrerin und eines Fotografen groß wurde, das Umfeld stets kreativ und poetisch. Und dann ist da die 32-jährige Jüdin, die ihre ersten neun Lebensjahre in der Sowjetunion verbrachte, bis sie mit ihrer Familie in die USA auswanderte. Mitgenommen hat sie die Liebe zur Kunst, zu Tschechow, Gogol, Kafka und Chopin. In den USA musste sie die Sprache lernen, eine neue Welt erkunden. Und vielleicht haben ihre Songs deshalb so etwas Alltägliches, weil sie es stets gewohnt war, aufmerksam durch die Welt zu laufen, alles aufzusaugen - und es dann in Poesie zu verwandeln.

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Die Russin gehört zur Geschichtenerzählerinnenfraktion, Kategorie: „Mit Klavier“. Da ist der Gedanke an die Kolleginnen Tori Amos und Fiona Apple nicht fern. Auch diese Damen verwandelten stets schöne Gedanken in wunderbar verschrobene Klänge. Doch die Relevanz ist ihnen abhanden gekommen: Amos verhedderte sich in ihrem eigenen Konzept, Fiona Apple meldet sich erst diesen Sommer nach fast sieben Jahren Funkstille zurück. Regina Spektor hält das Genre gegen all den belanglosen Pop mit weiblichen Hauptdarstellern, der sonst in der H&M-Umkleidekabine dudelt, hoch. Sie haucht dem Pianopop wieder Bedeutung ein. Sie staunt über die Welt und sie lässt staunen, jedes Album aufs Neue, jedes Mal unberechenbar gut.

Auch ihr neues Album ist voll kleiner Geschichten, es gibt Sätze zum An-die-Wand-Pinnen wie „There’s a small town in my mind“ („Small Town Moon“), dem schönsten Vers der knapp 40-minütigen Platte. Der Inhalt wirkt schwer. Diese wunderschönen Melodien jedoch wirft sie uns nur so vor die Füße, als sei nichts leichter, als zwischen den Tonlagen hin und her zu wandern und vom größten Bombast in nur wenigen Takten zur zartesten Zerbrechlichkeit zu wechseln.

In „Oh Marcello“ zitiert sie Nina Simones „Please don’t let me be misunderstood“, sie macht daraus eine ernste Kömödie, sie gesellt Sprechgesang mit italienischem Akzent zu einem abwechselnd weichen und prächtigem Klavier. Dabei ist sie Pianistin, Beatbox und Engelsstimme zugleich. Und dann ist da noch dieser halb französische Chanson „Don’t leave me (Ne me quitte pas)“, die zweite Single, die schmeckt wie Erdbeereis an der Côte d’Azur.

Regina Spektor: „What we saw from the cheap seats“, Warner.

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