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Kultur „Mathe ist ein Arschloch“
Mehr Welt Kultur „Mathe ist ein Arschloch“
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10:47 16.01.2013
Von Daniel Alexander Schacht
Haben Freude an der Eleganz des Lösungswegs: Jörg Wallaschek (v.l.), Susanne Prediger und Aeneas Rooch. Quelle: Spata
Hannover

„Es sind nur Formeln, Formeln, Formeln!“ – „Ich glaube nicht, dass ich das je brauche!“ – „Spätestens bei den konkreten Zahlen ist der Praxisbezug weg!“ So lauten Stoßseufzer, die Aeneas Rooch in einer Reportage über den Mathe-Frust versammelt. Sie zeugen vom Unbehagen und der Verzweiflung, die die Wissenschaft des reinen Denkens auslöst. „Bei Studenten herrscht das Gefühl, dass Mathe nur zum Rauskicken dient“, sagt der Bochumer Mathematiker und Journalist Rooch, „zum Aussieben aus den ersten Semestern.“

Der barsche Satz „Mathe ist ein Arschloch“, der inzwischen auf T-Shirts, Plakaten und Bechern prangt, hat dem Literarischen Salon den Titel für seine Auftaktveranstaltung 2013 geliefert. „Als 2012 bekannt wurde, dass selbst Naturwissenschaftsstudenten an Mathe scheitern“, sagt Moderator Eckhard Stasch, „da wussten wir: Das ist für uns ein Thema.“

Die Resonanz gibt den Veranstaltern recht. Die Conti-Cafeteria ist dicht gefüllt, im Publikum sitzen Unipräsident Erich Barke und auch viele Studenten. Und etliche Mathelehrer wollen ebenfalls hören, was die Experten Aeneas Rooch, Susanne Prediger und Jörg Wallaschek zu sagen haben. Der Ingenieurwissenschaftler an der Leibniz Universität sagt, dass die Rechenkünste von Erstsemestern zu wünschen übrig ließen. „Integrale, Differentiale oder Kugelkoordinaten zu errechnen, sollte doch Routine sein – aber da hapert’s.“

Schlechte Zeiten für Zahlen-Akrobatik? Die Dortmunder Mathematik-Didaktikerin Prediger spendet Trost: Immerhin würden heute 40 Prozent eines Jahrgangs bis zur Hochschulreife geführt, erinnert sie, vor 50 Jahren waren es nur fünf Prozent. „Diese Bildungsexpansion erfordert mehr didaktische Kreativität.“ Bestürzend sei aber das üble Image des Faches. Offene Bekenntnisse zu mathematischer Ahnungslosigkeit seien in Korea oder China, Frankreich oder Dänemark undenkbar.

In Deutschland dagegen wird die Notwendigkeit von Mathematik sogar für Forscher infrage gestellt. „Brauchen Ingenieure Mathematik?“, lautet der Titel eines Buches, zu dessen Autoren Rooch zählt. Gewiss, räumt Susanne Prediger auf dem Podium ein, für die meisten Menschen reiche der Wissensstand von Klasse sieben. „Damit kommt man durch den Alltag.“ Aber vielfach fehle es an elementarem mathematischem Verständnis. „,Jeder fünfte fährt zu schnell, früher war es nur jeder dritte‘ – solche Dokumente des Unvermögens kann man heute bisweilen in der Zeitung lesen.“ Dabei ist der Alltag längst viel mehr von Mathematik durchdrungen, als sich die meisten vor Augen führen, sagt Wallaschek. „Wer ein Handy benutzt, seinen Standort über GPS ortet oder in einem Auto mit EPS bremst, lässt im Hintergrund mathematische Arbeit auf hohem Niveau verrichten – aber weil diese Mathematik sich geradezu unsichtbar macht, wird ihre zentrale Rolle oft unterschätzt.“

Muss sich also – wenn schon nicht jeder Schüler – jeder Naturwissenschaftler durch die Mathematik quälen? Die drei Diskutanten betonten, dass das Jonglieren mit Zahlen statt Qual auch Genuss sein kann. „Mathematiker hätten nicht so gute Berufschancen, wenn sie nur Zahlenknechte wären“, sagte Rooch. „Mathematik ist auch der Weg zu Modellbildung, Abstraktionsvermögen, Problemlösungsverhalten.“ Und für Wallaschek geht es um noch mehr: „Es gibt auch eine Schönheit der Zahl, die Freude an der Eleganz eines Lösungsweges.“

Enthalten Mathematiker ihren Schülern mutwillig Freuden vor? Keineswegs, betont Rooch. Doch dem schönen Erfolgserlebnis gehe nun einmal der anstrengende Kompetenzerwerb vorausgehen. „Wer auf Französisch nur ,Bonjour, une Baguette‘, zu sagen vermag, wird auch kein Chanson singen können.“

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