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Kultur Marthaler-Inszenierung
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19:07 10.06.2012
Von Rainer Wagner
Abgründe des Allzumenschlichen im Sprachlabor: Marthaler-Inszenierung „Meine faire Dame“ bei den Theaterformen. Quelle: Schlosser
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Braunschweig

Die Dame ist weder fair noch hold (was die ursprüngliche Wortbedeutung wäre). Die schweizerdeutsche (aber nicht schwyzerdütsche) „Faire Dame“ ist eine verspielte Spiegelung von Motiven aus dem Musical „My Fair Lady“. Entstanden ist die Produktion in Basel als Kontrapunkt zu einer Premiere der Pygmalion-Operette, sie passt deshalb wunderbar zu Aufführungen des Originals. Aber sie funktioniert natürlich auch so. Immerhin ist sie ein Kind von Christoph Marthaler - ein besonders verspieltes allerdings. Und deshalb wird diese Zwei-Stunden-Produktion bei ihren Theaterformen-Gastspielen auch gefeiert von einem Publikum, das sich bestens unterhalten fühlt - aber dann doch hinausdrängt zum beginnenden EM-Spiel der deutschen Mannschaft.

Festivalleiterin Anja Dirks („Braunschweig ist wirklich eine Festivalstadt“) konnte danach zum Abschluss der Theaterformen einen Besucherrekord vermelden: Insgesamt hatten 6250 Besucher an den elf Spieltagen die 59 Vorstellungen besucht - eine Auslastung von 86 Prozent. Dazu kamen mehr als 4000 Gäste beim kostenlosen Rahmenprogramm. Die nächste Ausgabe des Festivals findet vom 19. bis 30. Juni 2013 in Hannover statt.

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Der Untertitel des Marthaler-Abends heißt „Ein Sprachlabor“ - und genau das hat ihm seine Lieblingsbühnenbildnerin Anna Viebrock auf die Bühne gestellt. Aber erst einmal spielt Musikchef Bendix Dethleffsen auf dem Flügel die „Freischütz“-Ouvertüre, die über „Zauberflöten“-Klänge geradewegs zu Bryan Adams’ „Everything I Do“ führt.

Dann aber beginnt die Sprachschulung: Graham F. Valentine ist ein hinreißender Lehr- und Zuchtmeister Higgins, der in Nikola Weiße als spätem Mädchen Eliza seinen Widerpart findet. Irgendwann regnet es dann in Spanien eben nicht nur auf der (Hoch-)Ebene, sondern auch im Flugzeug, weil „Plain“ eben so klingt wie „Plane“.

Es gibt die Marthaler-Schleifen und die Marthaler-Pausen. Das Team isst Apfel, singt Oper, die Toilette im Off ist ebenso ein Schau- und Hörplatz (mit John-Dowland-Programm) wie ein Treppengeländer, das nicht nur zum Rutschen verlockt. Wir hören, dass man der „Stillen Nacht“ immer noch neue Nachtschatten abgewinnen kann. Dass es Whams „Last Christmas“ gar nicht schlecht steht, wenn man die Schnulze nicht singt, sondern nur spricht (Carina Braunschmidt macht das zwerchfellerschütternd). Und dass man Wagners Gralserzählung auch als Dolmetscherprobe nutzen kann (Karl-Heinz Brandt singt das höchst professionell). Zu den musikalischen Höhepunkten gehört es, wenn die Neue Deutsche Welle mit ihrem „Ich düse, düse, düse im Sauseschritt“ vom Regisseur virtuos abgebremst wird.

Dass der Abend auf den brüchigen Planken über die Abgründe des Allzumenschlichen eher leichtfüßig tänzelt und sich schon mal gefälliger gibt als andere Marthalereien, mag daran liegen, dass diese „Fair Lady“-Paraphase das Original nicht überspielen wollte. Ein bisschen flockiger als frühere Produktionen ist dieses Programm schon. Nach zwei Stunden guter Unterhaltung verzeiht man ihm auch einen Altherrenwitzkalauer als Schlusspointe.

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