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Kultur Margarethe von Trotta spricht über ihren Hannah-Arendt-Film
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19:55 04.01.2013
Von Stefan Stosch
Starke Frauenfigur: Hannah Arendt (gespielt von Barbara Sukowa) als unbestechliche Beobachterin und Kommentatorin des Eichmann-Prozesses in Jerusalem 1961.Heimatfilm/NFP Quelle: NFP
Hannover

Frau von Trotta, was fasziniert denn heute noch an Hannah Arendt?

Man kann mit ihr differenziert denken lernen. Sie hat immer wieder nachgefragt. Sie hat ihre eigene Meinung vertreten. Denken kann ja auch Spaß machen, das ist ein Geschenk. Mir gefällt, wie Arendt beschreibt, dass Denken gegen Verführung hilft - obwohl es ihrem geliebten Professor Martin Heidegger in Freiburg ja nicht so viel genutzt hat, der hat sich den Nazis angedient.

Haben Sie Hannah Arendt schon immer bewundert?

1968 haben viele sie abgelehnt, weil sie so kritisch über den Kommunismus geschrieben hat - auch ich. Wir haben uns ja alle als Linke verstanden. Erst allmählich haben wir uns genauer mit Arendts Totalitarismustheorie beschäftigt und dem, was sie über Stalin gesagt hat. Das war damals zweifellos ignorant von uns.

Wollen Sie mit Ihrem Film auch aufklären, vielleicht speziell ein jüngeres Publikum erreichen?

Das ist nicht unbedingt mein Ziel. Allerdings glaube ich, dass viele heute gar nicht mehr wissen, wer Hannah Arendt war. In Paris, wo ich lebe, ist das anders. Dort ist Philosophie präsenter als in Deutschland. Vermutlich wissen viele auch nicht, welche Rolle Eichmann im Nationalsozialismus gespielt hat - auch wenn 2012 überall an den Jerusalemer Prozess gegen ihn vor einem halben Jahrhundert erinnert wurde. Aber die Gegenüberstellung im Film - hier die Denkerin Arendt, dort der nicht denkende Eichmann -, dieses Duell dürfte für viele neu sein.

Sie zeigen in Ihrem Film Originalaufnahmen Eichmanns aus dem Archiv. Hatten Sie zunächst schlaflose Nächte bei der Frage, wer Eichmann spielen soll?

Nein! Von Anfang an wollte ich die Archivbilder aus Jerusalem zeigen. Sonst wäre womöglich die Brillanz eines Schauspielers stärker in den Vordergrund gerückt als die Mittelmäßigkeit Eichmanns. Ich wollte, dass der Zuschauer zum selben Ergebnis kommt wie Hannah Arendt, wenn er Eichmann sieht - dass dies durch und durch ein Bürokrat ist.

Ein Beispiel, bitte!

Der Richter fragt Eichmann, ob die NS-Mordmaschinerie hätte aufgehalten werden können, wenn die Menschen mehr Zivilcourage gewagt hätten. Und was antwortet Eichmann? Ja, wenn die Zivilcourage hierarchisch aufgebaut gewesen wäre, dann hätte das funktionieren können. Hierarchie und Zivilcourage! Das muss man erst mal zusammenbringen. Eichmann mag sich verstellt haben, um seine Bedeutung zu relativieren. Er war bestimmt nicht dumm, aber er war gedankenlos.

Ihr Film zeigt nur die vier Jahre aus Arendts Leben rund um den Eichmann-Prozess 1961. Wieso diese zeitliche Beschränkung?

Die Drehbuchautorin Pamela Katz und ich haben lange herumgedoktert, ob wir Arendts ganzes Leben nacherzählen sollen. Also vielleicht nicht von ihrer Geburt in Hannover an, aber doch von der frühen Liebe zu Heidegger, die wir nun nur noch in Rückblenden erzählen. Dann hätte ihr Exil in Paris 1933 vorkommen müssen, die Flucht aus dem französischen Internierungslager Gurs und die Ankunft in den USA ... Wir haben uns anders entscheiden.

Warum?

Wir hätten die Stationen nur abgehakt. Wir hätten Arendt nie länger beobachten können, nichts vertiefen. Dann kam uns der glorreiche Gedanke, die vier Jahre herauszugreifen. Der erste Filmtitel war auch „The Controversy“, also: die Kontroverse. Zudem ist „Eichmann in Jerusalem“ ihr bekanntestes Buch.

Ihr Markenzeichen sind Filme über außergewöhnliche Frauen. Wonach suchen Sie Ihre Kandidatinnen aus?

Ich bin schon mal gefragt worden, ob ich zu Hause einen Zettelkasten habe. Aber das ist nun wirklich absurd. Ich suche auch nicht mit einer Wünschelrute nach Kandidatinnen. So viele gibt es davon übrigens auch gar nicht.

Wie kam es beispielsweise zu Ihrem Film über Rosa Luxemburg?

Fassbinder wollte den Film machen, er starb, und der Produzent kam zu mir. Ich wollte erst nicht, das kam mir wie Leichenfledderei vor. Aber dann habe ich mich näher mit Rosa Luxemburg beschäftigt und habe ein eigenes Drehbuch geschrieben. Fassbinder hatte auch schon eines verfasst, das wäre aber ein Melodram geworden, weit weg von der historischen Figur.

Nervt es Sie, als Frauenfilmerin bezeichnet zu werden?

Nein, aber Sie glauben gar nicht, wie viele Zuschauerinnen mir nach meinem Film über Hildegard von Bingen geschrieben haben, sie wüssten auch noch ein paar Frauen, deren Leben ich unbedingt verfilmen sollte ...

... na?

Mir ist empfohlen worden, einen Film über Angela Merkel zu drehen. Das sei doch auch eine starke Frau.

Starke Frau? Ist dies das Kriterium?

Nein, überhaupt nicht. Ich beschreibe in meinen Filmen immer wieder das20. Jahrhundert. „Rosenstraße“ etwa erzählt vom Protest der Frauen gegen die Inhaftierung ihrer jüdischen Männer 1943 in Berlin. „Die bleierne Zeit“ dreht sich um die Schwestern Ensslin und wachsenden politischen Widerstand in den Sechzigern. „Das Versprechen“ läuft auf den Mauerfall 1989 zu.

Sie arbeiten jetzt zum sechsten Mal mit Barbara Sukowa. Warum immer wieder dieselbe Hauptdarstellerin?

Sukowa ist wunderbar - und sehr intelligent. Sie kommt manchmal mit Ideen, die viel besser sind als meine. Dann bewundere ich sie für ihre besondere Disziplin als Schauspielerin. Eigentlich spricht sie ja hervorragend Englisch, sie lebt schließlich seit 20 Jahren in New York. Für „Hannah Arendt“ hat sie sich jedoch einen harten deutschen Akzent antrainiert. Drei Monate zuvor hat sie schon mit ihren Freunden so gesprochen, die sind beinahe verrückt geworden.

Wie sind Sukowa und Sie eigentlich zusammengekommen?

Kennengelernt haben wir uns bei „Die bleierne Zeit“. Da hat sie Gudrun Ensslin gespielt und war wahnsinnig anstrengend. Ich habe mich gefragt: Ist sie auch privat so? Ich wollte mit ihr nie wieder drehen, und dann begriff ich, dass sie sich einfach nicht von der Figur Ensslin befreien konnte. Bei „Rosa Luxemburg“ fand ich niemanden für die Rolle, und ich habe Barbara gefragt. Da hat sie allerdings noch sechs Wochen nach den Dreharbeiten gehinkt, so wie Rosa Luxemburg.

Na, mit einer wie Sukowa wäre der Merkel-Film ja ein spannendes Projekt.

Dann müsste ich sie aber mit Kissen ausstaffieren. Nee, das war jetzt gemein.

Haben Sie manchmal Angst davor, das Bild von Hannah Arendt durch die Macht der Kinobilder für künftige Generationen zu fixieren?

Ich sehe den Film eher als Anregung, als Chance, sich weiter mit ihr zu beschäftigen. Bei „Rosa Luxemburg“ war es so, dass plötzlich deren Werke in den Buchhandlungen auslagen - nicht nur in der DDR, sondern auch in Westdeutschland. Das war für mich ein Triumph.

Sie sind jetzt in einem Alter, in dem andere in Rente gehen. Haben Sie noch viele Filmideen irgendwo notiert, so wie Woody Allen, der eine ganze Schublade mit Zetteln und Notizen gefüllt hat?

Ich führe sogenannte Drei-Seiten-Hefte. Jeden Tag versuche ich, drei Seiten zu schreiben. Und da kommen all meine Ideen rein, die ich dann manchmal erst nach Jahren wiederfinde.

Gibt es schon ein nächstes Projekt?

Ja, aber keine Angst: Das wird nichts Historisches, sondern was Leichtes, eine Geschichte aus der Gegenwart. Es geht auch nicht um eine starke Frau - sondern gleich um zwei! Gespielt von Katja Riemann und Barbara Sukowa. Und beide singen auch noch.

Stefan Stosch

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