Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Lyrikerin Sarah Kirsch mit 78 Jahren gestorben
Mehr Welt Kultur Lyrikerin Sarah Kirsch mit 78 Jahren gestorben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:24 22.05.2013
Von Martina Sulner
Die Lyrikerin Sarah Kirsch ist gestorben. Quelle: dpa (Archiv)
Anzeige
München/Heide

Schon die Titel ihrer Bücher klingen poetisch - manchmal etwas versponnen, manchmal etwas süßlich, aber immer ansprechend. „Gespräch mit dem Saurier“ heißt Sarah Kirschs erster - gemeinsam mit ihrem damaligen Mann Rainer entstandener - Gedichtband, der 1964 erschien. „Die ungeheuren bergehohen Wellen auf See“ heißt ein anderes Buch, es folgten Titel wie „Katzenkopfpflaster“, „Kommt der Schnee im Sturm geflogen“ und „Kuckuckslichtnelken“. Der im Vorjahr veröffentlichte Band „Märzveilchen“ ist ihre letzte Veröffentlichung zu Lebzeiten: Bereits am 5. Mai ist die Lyrikerin, wie ihr Verlag gestern bekannt gab, nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben. Sie wurde 78 Jahre alt.

Sarah Kirsch gehört zu den bekanntesten und anerkanntesten deutschen Lyrikerinnen - und zu den produktivsten. Rund 50 Bücher hat sie veröffentlicht: hauptsächlich Gedichte, aber auch kurze Prosastücke und Kinderbücher; viele der Bände hat sie selbst illustriert. Annähernd so umfangreich wie die Liste ihrer Veröffentlichungen ist die ihrer Auszeichnungen, zu denen auch der Hölderlin- und der Büchner-Preis zählen. Ganz am Anfang jedoch stand die Erich-Weinert-Medaille, der Kunstpreis der FDJ, den das Ehepaar Kirsch für „Gespräch mit dem Saurier“ in der DDR bekam. In Thüringen wurde Sarah Kirsch 1935 geboren, sie wuchs in Halberstadt auf und studierte später Biologie in Halle/Saale.

Anzeige

Das Biologiestudium verweist auf Kirschs Liebe zur Natur, die sich später in vielen, vielen Gedichten zeigte. Diese Naturgedichte beschreiben aber keine Idyllen, sondern verdichten immer andere Geschichten: „Bei den weißen Stiefmütterchen / im Park wie ers mir auftrug / Stehe ich unter der Weide / Ungekämmte Alte blattlos / Siehst du sagt sie er kommt nicht ...“ heißt es am Anfang von „Bei den weißen Stiefmütterchen“.

In einem anderen Gedicht aus dem Jahr 1977 heißt es: „Noch fliegt die Graugans, spaziert der Storch / Durch unvergiftete Wiesen. Ach, die Wolken / Wie Berge fliegen sie über die Wälder. / Wenn man hier keine Zeitung hält / ist die Welt in Ordnung.“ Doch auch für Sarah Kirsch war die DDR-Welt zu der Zeit alles andere als in Ordnung. Die Lyrikerin, die eigentlich Ingrid hieß und sich später Sarah nannte, protestierte 1976 gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR. Daraufhin wurde sie aus der SED und aus dem Schriftstellerverband verbannt. Ein Jahr später reiste sie aus, lebte erst in West-Berlin und später - nach einer kurzen Zeit in Niedersachsen - lange Jahren in Dithmarschen.

Kirschs Gedichte haben etwas Eingängiges, sodass man sie manchmal unterschätzt und für harmloser hält, als sie sind. Die Verknüpfung von Naturschilderungen und Träumen oder von traumhaft schönen Naturbildern und trüber Realität sowie die Sehnsucht, die in vielen Zeilen deutlich wird, spricht zahlreiche Leser (und erst recht: Leserinnen) an, die sonst nicht unbedingt zum Lyrikband greifen.

Über ihre Gedichte und den Prozess ihrer Entstehung hat Sarah Kirsch in Lesungen Auskunft gegeben. In Hannover zum Beispiel war sie regelmäßig zu Gast, im NDR-Funkhaus oder im damaligen Literaturbüro. Doch wenn sie in den ersten Jahren nach ihrer Ausreise über die DDR sprechen sollte, war sie noch spröder und wortkarger, als sie sonst bei Auftritten zu erleben war.

Als eine der „wichtigsten, eigenwilligsten, poetisch kraftvollsten Stimmen“ lobte jetzt Thomas Rathnow, Chef von Kirschs langjährigem Verlag DVA, die Lyrikerin. Sarah Kirsch schrieb Gedichte, die man verstehen konnte - und die dennoch oft geheimnisvoll blieben.

"Die Spiegel

Leere Spiegel im Haus.
 Niemands schönes Gesicht. Wolken
 Ziehen darin. Die sanften die grauen die
 Unheimlich blitzzerschlagenen. Als ob er
 Im Krieg ist."

(aus: Rückenwind, 1977)

Dieses und weitere Gedichte finden Sie hier.

Ein Sammelband der Lyrikerin ist bereits 2005 erschienen: Sarah Kirsch: Sämtliche Gedichte. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2005. 559 Seiten, 19,90 Euro.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

Stefan Stosch 21.05.2013
Johanna Di Blasi 17.05.2013