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Kultur Louise Bourgeois stirbt mit 98 Jahren
Mehr Welt Kultur Louise Bourgeois stirbt mit 98 Jahren
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13:00 01.06.2010
Galt als die Grande Dame der Gegenwartskunst: Die amerikanische Bildhauerin und Malerin Louise Bourgeois.
Galt als die Grande Dame der Gegenwartskunst: Die amerikanische Bildhauerin und Malerin Louise Bourgeois. Quelle: ap
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Die amerikanische Bildhauerin und Malerin Louise Bourgeois ist am Montag im Alter von 98 Jahren gestorben. Weltbekannt sind vor allem ihre riesigen Spinnenskulpturen, unter denen Menschen wie kleine Insekten wirken. Sie erzielten bei Aktionen zuletzt Preise von bis zu 2,9 Millionen Euro.

Bourgeois galt als Grande Dame der Gegenwartskunst. Ihr Werk ist in zahlreichen großen Museen vertreten, darunter im New Yorker Museum of Modern Art, im Centre Pompidou in Paris, in der Londoner Tate Gallery und im Museum Ludwig in Köln. 1993 bestückte Bourgeois den amerikanischen Pavillon auf der Biennale in Venedig, 1999 wurde sie als Teilnehmerin dieser Kunstschau mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Frankreich hatte sie 1938 für ihren Ehemann Robert Goldwater, einen Kurator am Museum of Modern Art, verlassen.

„Meine künstlerische Erfahrung war die New Yorker Erfahrung. In meinem Werk drückt sich der Wunsch, dieses zwingende Bedürfnis zu arbeiten aus. Und das wiederum hat mit meinem Geburtsland Frankreich zu tun: Hier geschah alles, was mir wichtig ist. Alle meine Motivationen, Freude und Leid, stammen von dort. Doch ihre Umsetzung ist amerikanisch“, sagte Bourgeois vor wenigen Jahren dem Kultursender 3sat. Der schöpferische Impuls für all ihre Arbeiten der letzten 70 Jahre sei in ihrer Kindheit zu suchen. „Meine Kindheit hat nie ihre magische Kraft, nie ihr geheimnisvolles Dunkel, nie ihre Dramatik verloren. Als Künstler geboren zu werden, ist nicht nur ein Privileg, sondern auch ein Fluch. Künstler kann man nicht werden, man kann die Gabe nur annehmen oder abweisen.“

Louise Bourgeois galt zeitlebens als ein Mensch mit großen Selbstzweifeln - in Bezug auf ihre Rolle als Tochter, später als Ehefrau, Mutter und Künstlerin. „Ich habe Angst vor allem, einfach vor allem“, sagte sie einmal. Die Sorge, Anforderungen der Familie nicht gerecht zu werden, zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk der Künstlerin, deren Werke in Deutschland unter anderem in der Akademie der Künste Berlin oder in der Kunsthalle Bielefeld zu sehen waren.

In Bielefeld wurden 2006 auch die „Cells“ gezeigt, Installationen, mit denen die Künstlerin seit Ende der 80er Jahre Weltruhm erlangte. Es sind große, metallische Käfige, deren Inhalt zurück in die Kindheit der Künstlerin weist oder ihre Rolle als Ehefrau darstellt. So entdeckte der Betrachter in „Cell Nr. 7“ beispielsweise ein Modell ihres Elternhauses, eine Spinne aus Bronze als Symbol für die Mutter, altmodische Mädchennachthemden und ein Bett, in dem ein von Nadeln durchstochener Gegenstand liegt. „Meine Mutter war meine beste Freundin. Sie war klug, geduldig, tröstend, feinfühlig, fleißig, unentbehrlich und vor allem, sie war eine Weberin - wie die Spinne“, sagte Bourgeois.

Zu den frühen Motiven der Bildhauerin gehört der nackte weibliche Körper, dem ein Haus auf den Kopf gestülpt ist. Zehn Jahre lang, von 1945 bis 1955, befasste sich die dreifache Mutter immer wieder mit der „Femme Maison“, deren Zuhause gleichzeitig ein Gefängnis ist. „Die kopflose nackte Frau ist gleichermaßen eingesperrt und schutzlos“, sagte einst Bielefelds Museumsdirektor Thomas Kellein.

Persönliche Enttäuschungen und tiefer Schmerz spiegeln sich in den Installationen der Grande Dame der Bildhauerei ebenso wie Hass und Wut. „The reticent child“ (Das verschlossene Kind) nannte sie im Jahr 2003 eine Anordnung von vier weiblichen und zwei kindlichen Figuren, zwischen denen es keine Annäherung gibt. Louise Bourgeois verarbeitet darin die Trauer über das Verhältnis zu ihrem Sohn Alain, einem Jungen, der die Liebe seiner Mutter nicht erwidern konnte. „Es ist schwer, ein Künstler zu sein und die Tür zu den Träumen verschlossen zu halten“, schrieb die am Anfang ihrer Karriere in den Kreisen der Surrealisten lebende Bourgeois.

Von drastischer Kompromisslosigkeit ist das 1974 entstandene altarähnliche Werk „Destruction of the father“ (Zerstörung des Vaters). Mehr als 20 Jahre nach dem Tod ihres dominanten Vaters richtete - und ehrte - Louise Bourgeois den Mann mit einem kannibalistischen Mahl, das in rotes Licht getaucht ist. Aus Stoff-Fetzen genähte lebensgroße Puppen von Bourgeois - mit meist üppigen Brüsten, Stummelarmen und unübersehbarem weiblichen Genital - betonen die Opferrolle der Frau, und unterstreichen einmal mehr den Ruf der gebürtigen Pariserin als radikal-feministische Künstlerin.

Viele Zeichnungen von Bourgeois sind in langen Nächten entstanden. „Ich leide unter Schlaflosigkeit. Das ist sehr quälend. Ich lebe mit der Schlaflosigkeit und ich nehme keine Schlaftabletten“, erzählte Bourgeois 2005. „Ich arbeite an den Zeichnungen nachts im Bett, auf Kissen gestützt. Vielleicht mit ein bisschen Musik, oder ich höre einfach den Geräuschen auf der Straße zu. Meine Zeichnungen bewahre ich sorgfältig auf. Sie entspannen mich und helfen mir einzuschlafen.“

„Eine sehr alte jugendliche Dame, die frei, immer zu Späßen aufgelegt und nicht sehr artig war, hat uns verlassen“, schrieb der französische Kulturminister Frédéric Mitterrand am Dienstag zum Tod der Künstlerin. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy würdigte ihr Werk als einzigartig lebendig und universell.

dpa