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Kultur Lohnt sich der neue Tom-Wolfe-Roman?
Mehr Welt Kultur Lohnt sich der neue Tom-Wolfe-Roman?
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19:14 27.01.2013
Von Rainer Wagner
Lichter der Großstadt: Miami – Schauplatz des neuen Tom-Wolfe-Romans. Quelle: dpa
Hannover

Er lässt wieder die Muskeln spielen. Wenn Tom Wolfe einen neuen Roman veröffentlicht, dann legt er gerne ein Kilogramm Buch auf den Verkaufstresen. Immerhin macht es sein neuer, heute in Deutschland erscheinender Roman „Back to Blood“ mit seinen 993 Gramm Gewicht und 765 Seiten Umfang geringfügig gnädiger als die vorangegangenen Bücher „Ich bin Charlotte Simmons“ (1079 Gramm) und „Ein ganzer Kerl“ (rund 1,2 Kilogramm). Aber das künstlerische Gewicht seines Romanerstlings „Fegefeuer der Eitelkeiten“ aus dem Jahr 1987 erreichte Wolfe nie wieder, was etwas heikel ist für einen Schriftsteller, der sich als regulärer Nachfolger von Honoré de Balzac, Emile Zola und Sinclair Lewis sieht.

Dennoch ist jedes Tom-Wolfe-Buch ein Ereignis - oder zumindest ein Spektakel. Kaum ein Bericht vergisst zu erwähnen, dass der jetzt 82-jährige Amerikaner für „Back to Blood“ 7 Millionen Dollar Vorschuss erhalten hat. Ein durchaus angemessener Hinweis bei einem Roman, der gerne allen im Text erwähnten Luxusgegenständen ein Preisetikett aufklebt. Wenn da im Prolog dem Chefredakteur Edward T. Topping IV von einer kessen Latina im Ferrari 403 der einzige freie Parkplatz weggeschnappt wird, weiß der sofort, dass der Luxusschlitten 275000 Dollar kostet.

Schließlich ist Tom Wolfe nicht nur der selbsternannte Vater des „New Journalism“, sondern auch der Prophet eines „Hyperrealismus“, dessen Motto lautet: Geht hinaus auf die Straßen und schaut genau hin. In diesem Falle geht es um die Straßen von Miami - und um die Wasserstraßen, denn der Polizist Nestor Camacho versucht, sich bei der Marine Patrole zu bewähren. Was nicht einfach ist, weil die beiden weißen Vorgesetzten den aus Kuba stammenden Mann nicht ganz ernst nehmen. In Camachos Nachnamen darf man durchaus den Macho wiederfinden, während man den Argonauten Nestor als Vornamenspaten vielleicht nicht überbewerten sollte.

Natürlich beschreibt Wolfe ausführlich, wie Camacho aussieht (mehr als nur muskulös, nämlich „ein Gibraltar aus Trapez- und Deltamuskeln“ - und es folgen noch sieben weitere Muskeln) und was er trägt: „die Sonnenbrille, die jeder kubanische Cop in Miami trug“ (für $ 29,95 bei CVS Pharmacy).

Drei Wasserpolizisten werden zu einem Einsatz gerufen und brettern dorthin. Und weil Wolfe ja Hyperrealist sein will, wird die Beschreibung 43-mal durch ein eingestreutes KLATSCH (im Original: SMACK) unterbrochen. Das sieht nicht nur hier aus, als habe die legendäre Donald-Duck-Übersetzerin Erika Fuchs den Übersetzer Wolfgang Müller beraten. Immerhin erspart uns Müller so manches Slang-Echo. Hier darf der russische Künstler Jewgenij einfach sagen „Sie hier wollen einziehen? Sie haben das Zimmer“, wenn es im Original heißt „You vant to share zees studio? - eet’s yours, my fren“.

Wenn später der Psychiater Norman Lewis einen Lachanfall bekommt, genügt es Wolfe natürlich nicht, darüber zu berichten, er muss das lautmalerisch zeilenfüllend illustrieren - was die Hörbuchfassung sicher bereichert. Das liest sich dann: „AhhhHAHHHAHAHHH Hock hock hock“ und frisst Zeile um Zeile und Seite um Seite.

Norman Lewis ist Camachos Rivale, aber davon weiß der wackere Polizist noch nichts, als er einen Flüchtling von der Mastspitze eines Segelboots rettet. Das ist eigentlich eine Heldentat und ein turnerisches Meisterstück obendrein, aber leider zieht sich Camacho damit den Unwillen der kubanischen Gemeinde und seiner Familie zu. Er hat nämlich verhindert, dass der Flüchtling einen Fuß auf amerikanischen Boden setzen konnte, was dem automatisch Asyl beschert hätte: „Amerikas Meistbegünstigungsstatus für Einwanderer“. Aber nun ist der Flüchtling kein „dry foot“, sondern wird voraussichtlich zurückgeschickt.

Weshalb Camachos Vater, ein Ungezieferbekämpfer, der nach eigener Aussage „bei einer Firma für Populationsregulierung“ arbeitet, seinen Sohn niedermacht. Das ist nicht der einzige Schicksalsschlag, der auf den Polizisten wartet. Erst verlässt ihn seine Freundin Magdalena Otero, die mehr als nur Sprechstundenhilfe bei Dr. Norman Lewis ist. Magdalenas Mutter bezeichnet ihn als „pornografischen Doktor“, tatsächlich aber behandelt er Menschen, die von Pornografie abhängig sind - nach Ansicht ihres Psychiaters, der damit prominent werden will. Dann wird Camacho bei einem Polizeieinsatz gegen Drogendealer durch ein YouTube-Video als vermeintlicher Rassist vorgeführt. Womit er nicht nur die exilkubanische Gemeinde, sondern auch noch die Afroamerikaner gegen sich hat.

Nur für die Weißen, die in Miami zwar zahlenmäßig in den Hintergrund geraten, bei den Zahlungen aber immer noch das Sagen haben, ist Nestor Camacho ein Held. Aber auch nicht lange und nicht für alle, denn er ermittelt (wenn auch nicht offiziell) in Sachen Kunstfälschung. Ein russischer Oligarch hat Miami Kunstwerke im Wert von 70 Millionen gespendet, die nur leider gefälscht sind, was Reporter John Smith beweisen will, der wiederum die Heldengeschichte von Camacho geschrieben hat.

Diesen John Smith kann man sich, schmächtig und weiß, als Alter Ego des jungen Tom Wolfe vorstellen, der im ganzen Roman fasziniert davon ist, dem Leser Muskelmassen der Akteure zu beschreiben. Smith will ermitteln, was nun wiederum seinem Chefredakteur (dem vom Roman-Prolog) nicht gefällt, weil der sich doch im Ruhm des Russen gesonnt hat. Bei dem landet auch Magdalena, die gegen Ende des Romans ihren verstoßenen Freund um Hilfe bittet. Aber da gibt es mittlerweile ja auch Ghislaine Lantier, die Tochter eines snobistischen Haiti-Amerikaners, der sein Blut verleugnen will.

Denn um das Blut, um die Zugehörigkeit und die daraus vielleicht resultierende Zusammengehörigkeit, soll es in diesem Roman gehen. Dieses Back-to-Blood-Motiv klang schon in Wolfes Romanerstling „Fegefeuer der Eitelkeiten“ an. Das ist nicht das einzige Vertraute in seinem aktuellen Buch, in dem Anpassung und Aufstieg die wahren Themen sind. Auf dem Weg nach oben können Blutsbande hilfreich, aber auch fesselnd sein.

Tom Wolfes neuer Roman ist so dick wie Blut und manchmal auch so zäh. Aber stellenweise auch sehr amüsant. Es schadet nichts, wenn man gerade in seinen Übungen im Neuen Journalismus auch mal querliest oder überblättert: Wenn der Autor die Muskeln spielen lässt (die es ihm bei den Männern so angetan haben) oder wenn er so fasziniert von prallen Brüsten und ewig langen Beinen der Frauen berichtet.

Wer kurzweiliger und kürzer über das durchgeknallte Florida informiert werden will, ist bei den Krimi-Farcen von Carl Hiassen besser bedient, aber um Miami geht es eigentlich auch gar nicht. Sondern um das Bild, das sich der Bildberichterstatter und New-Journalist Tom Wolfe von einer Welt macht, in der angeblich die Menschen in all der Unübersichtlichkeit keine andere Wahl haben als „zurück zum Blut“ zu kommen.

Könnte aber sein, dass die Blutbank auch zur Bad Bank wird.

Tom Wolfe: „Back to Blood“. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller. Blessing. 768 Seiten, 24.99 Euro.

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