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Kultur Literaturwettbewerb: In Klagenfurt beginnt das große Lesen
Mehr Welt Kultur Literaturwettbewerb: In Klagenfurt beginnt das große Lesen
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14:58 27.06.2019
Auftakt: Clemens J. Setz hält die Eröffnungsrede in Klagenfurt. Jury-Vorsitzenden Hubert Winkels hört ihm daneben sitzend zu. Quelle: Johannes Puch
Klagenfurt

Vielleicht wirkt der Kontrast in diesem Jahr am stärksten. Während im politischen Alltag keine Gewissheiten mehr gelten, Bundesinnenminister Horst Seehofer den Verfassungsschutzbericht vorstellt und man nie weiß, ob US-Präsident gerade versehentlich via Twitter einen Krieg anzettelt, ist in Klagenfurt alles wie immer. In einer Parallelwelt nehmen seit gestern die 43. Tage der deutschsprachigen Literatur, kurz: Bachmannpreis, ihren Lauf.

Die Bilder von der Eröffnung im ORF-Theater wirken erneut sehr hell und sehr weit weg. Die Jury ist die gleiche wie im vergangenen Jahr, Hubert Winkels wieder ihr Vorsitzender. Die 14 Autoren sind natürlich neu. Einer sogar im Literaturbetrieb: Daniel Heitzler, 1996 in Germersheim geboren, hat weder Veröffentlichungen noch Stipendien oder Preise in der Vita stehen. Tom Kummer hingegen, 58-jähriger Journalist aus der Schweiz, ist sowohl für frühere fiktive Interviews als auch seinen Roman „Nina & Tom“ (2017) durchaus bekannt.

Ereignis wird live übertragen

Aus Deutschland (5), Österreich (6) und der Schweiz (3) kommen die Lesenden, die Donnerstag, Freitag und Samstag ab 10 Uhr ihre Texte vorstellen, acht von ihnen sind Frauen. Ronya Othmann, 1993 in München geboren, ist aus Leipzig angereist, wo sie am Deutschen Literaturinstitut studiert. Sie liest, über die Reihenfolge hat das Los entschieden, am Freitag um 11 Uhr.

Die Welt hat Zugang. Denn mag der Betrieb am Wörthersee auch überschaubar sein und der Clan der Eingeweihten klein – alle Lesungen und Jurydiskussionen werden live in Internet und Fernsehen übertragen und auf Twitter kommentiert. Da sind Elemente des Voyeuristischen im Interesse enthalten. Diese Möglichkeit des Quasi-Dabeiseins verleiht den Literatur-Tagen Bedeutung als Ereignis in Echtzeit.

„Der Kampf des Guten gegen das Böse“

Wie tatsächlich das Draußen Zugang findet, zeigt sich in der Eröffnungsrede des österreichischen Schriftstellers Clemens J. Setz am Mittwochabend. Er sprach über Wrestling. Genauer: Kayfabe. Ein Begriff, der viel „über das Geschichtenerzählen an sich und dessen Verhältnis zum persönlichen Alltag und zur politischen Realität“ sagt. Kayfabe bedeute so viel wie „Wahrung der Vierten Wand“ nach der Vierten Wand im Theater, der unsichtbaren Barriere zwischen Schauspielern und Publikum. Auch Wrestler dürfen in der inszenierten Show niemals aus ihrer Rolle fallen. „Der Kampf des Guten gegen das Böse ist die ewige Erzählung des Wrestling, ganz ähnlich wie in der Weltliteratur, und Kayfabe ist der Klebstoff, der alles im Innersten zusammenhält.“ Setz nennt Beispiele wie Cervantes’ Roman „Don Quijote“ oder die 602. aus den Geschichten aus 1001 Nacht.

Anzeichen bevorstehender Selbstauflösung

In der Gegenwart wird er fündig bei einem Werbeclip des damaligen Vizekanzler Österreichs Heinz-Christian Strache, in dem der stolz auf ein Land ohne Fremde zeigt. „Seit ich diesen Clip gesehen habe“, so Setz, „bring ich, um ein Nestroywort zu gebrauchen, ,die Zukunft nimmer ausm Sinn’“. Die Verschmelzung von spielerisch augenzwinkernder Brutalität mit realer Macht sei die bizarrste Ausformung der Kayfabe und zugleich „immer auch das erste Anzeichen einer bevorstehenden Selbstauflösung“.

Auch in der Literatur gehe es um „mehr oder weniger differenziert ausgearbeiteten Storylines“: fiktive Charaktere, Wendepunkte, Suspense, Inszenierung. Und es sei, sagt Setz, lebensnotwendig, dass Autoren beim Schreiben „regelmäßig von der Menschheit unterbrochen“ werden. Das sogenannte Wettlesen beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb sehe zwar aus wie ein Kampf Gut vs. Schlecht, dies sei aber „ein für kurze Zeit hochtourig laufendes Fabriklein, das einen konzentrierten Datenstrom aus Fiktionen produziert“. Die können „womöglich das in unseren Ländern vielleicht schon in naher Zukunft allmählich wiedererwachende Schamgefühl erheben und einbetten in sinnvolle Zusammenhänge“. Und so mag auch die Parallelwelt von Klagenfurt für Gewissheiten gut sein.

43. Tage der deutschsprachigen Literatur: bis Sonntag, täglich ab 10 Uhr, Sonntag ab 11 Uhr auf 3sat und auf bachmannpreis.orf.at, Twitter-Tipp: @literaturcafe

Von Janina Fleischer / RND

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