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Kultur Letzte Küsse: Kiss auf Abschiedstour
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10:00 13.04.2019
„Wir wollten die Band sein, die es bisher nicht gab“: Paul Stanley (Zweiter von links) mit Gene Simmons, Eric Singer und Tommy Thayer. Quelle: Brian Lowe
Hannover

Einst schockten Kiss mit ihrer Kriegsbemalung die Eltern ihrer Fans. Heute hat das Make-up einen Anti-Aging-Effekt. Man sieht den geschminkten Gesichtern das Alter nicht an.

Doch auch Superhelden wie „The Starchild“ werden nicht jünger. Sänger Paul Stanley, der sich diesen Bühnennamen gab, reagiert empfindlich auf die Frage nach seiner körperlichen Verfassung und der operierten Hüfte, ruiniert durch ungezählte Auftritte in wagemutig hohen Plateaustiefeln. „Ich habe keine Hüftprobleme. Dir würde ich davonlaufen“, sagt der 67-Jährige. „Die meisten wären froh, wenn sie so gut in Form wären wie ich.“

Wenn er so fit ist, warum hört die Band dann nach einer letzten Riesenrunde um die Welt auf? „Unsere Ausrüstung wiegt zwischen 15 und mehr als 20 Kilogramm“, sagt er. Wenn er in T-Shirt und Turnschuhen auf die Bühne gehen könnte, würde er es noch mit 90 und darüber hinaus tun. Er will wohl sagen: Kiss zu sein, bedeutet Schwerstarbeit. Andere Bands kommen schon ohne Kostüme und den ganzen Kiss-Zirkus ins Schwitzen.

Bescheidenheit ist kein Teil der Kiss-DNA

„A world without heroes is like a world without sun“ sangen sie 1981. Eine Welt ohne Helden gleicht einer Welt ohne Sonne. Eigentlich braucht die Welt doch Typen wie „Starchild“, die für Selbstbestimmtheit und den Mut zur Eigenartigkeit stehen.

Kiss wollten nie wie die anderen sein. „Wir erlebten viele Bands, die fantastisch klangen und schrecklich aussahen oder fantastisch aussahen und schrecklich klangen“, sagte Stanley kürzlich im US-Fernsehen. „Wir wollten die Band sein, die es bisher nicht gab.“ Auch jetzt am Telefon, wo er PR für die „End of the Road“-Tour macht, zeichnet ihn breitbeiniges Selbstbewusstsein aus.

Im Gegensatz zu Pyrotechnik ist Bescheidenheit kein Teil der Kiss-DNA. Kiss wollen nicht still und heimlich verblassen, sondern es noch einmal krachen lassen, kündigt Stanley an. Entsprechend viel Feuerwerk werden sie dabeihaben, als wollten sie unbedingt klarzustellen, dass Rammstein bloß Nachahmer sind. „Dies ist wirklich die ultimative Kiss-Show.“

Auch mit über 60 gut in Form: Gitarrist und Sänger Paul Stanley bei einem Kiss-Konzert in der Arena in Leipzig im Jahr 2018. Quelle: Andre Kempner

Stanley selbst zischt bei „Love Gun“ wie Superman mit Gitarre an einer Zipline durch die Arena. „No more tomorrow, Baby, time is today. Girl, I can make you feel okay“, reimt er in dem Lied. So sprechen und klingen wahre Rockgötter, also Rockstars, die aus den Siebzigern stammen, der Power-und-Posen-Ära.

Seinerzeit trieben Kiss die Selbstinszenierung auf die Spitze. Die Rockmusik revolutionierten sie nicht, die Vermarktung von Bands aber sehr wohl. Später, als Gegenreaktion, tauchten Indie-Bands wie R.E.M. oder The Smiths auf, die einen alternativen Sound boten, zerbrechlicher, zweifelnder. Stanley zweifelt nicht, er protzt: „Die Show soll alles winzig erscheinen lassen, was wir bisher gemacht haben.“

Wie die Setlist der ersten Konzerte in Nordamerika zeigt, spielen Kiss wie immer vor allem Songs aus den Jahren 1974 bis 1979, unter anderem ihren Discohit „I Was Made For Lovin’ You“ und fünf Stücke von ihrem wohl besten Album „Destroyer“. Bassist Gene Simmons, der sich „The Demon“ nennt, trug damals eine Zeitlang eine Zahnspange. Dieser Kunstblut und Feuer spuckende Dämon, Spezialeffekt Zunge, schien doch nicht so gefährlich zu sein, wie er tat.

„Auf seine eigene Art kann jeder so wie Kiss sein“

Eltern zu erschrecken funktioniert schon lange nicht mehr. Inzwischen versammeln sich mehrere Generationen bei Kiss-Konzerten. Die Band demonstriert dort heute wie damals, dass es möglich ist, sein Leben selbst zu gestalten. Wenn man dafür sein Gesicht bemalen muss, nur zu! Leg einfach los! Warte nicht! Wie aus einem Marvel-Comic entsprungen waren die Musiker auf der Bildfläche erschienen. Sie hatten sich die Freiheit genommen, sich selbst zu verwirklichen.

„Es gibt Menschen“, sagt Stanley, „die dir erklären, was alles nicht möglich ist.“ Er dagegen möchte anderen ein Vorbild sein, sie anfeuern: „Auf seine eigene Art kann jeder so wie Kiss sein.“ Jeder habe die Chance, erfolgreich zu sein. „Es hängt davon ab, wie hart du dafür arbeiten willst.“

Ihr Konzept ziehen sie bis heute durch. Auch im fortgeschrittenen Alter verkörpern sie Konzert für Konzert die jugendliche Sehnsucht nach „Rock and Roll all Nite“, nach Party ohne Ende. Den Titel spielen sie jeden Abend als Zugabe, er wird wohl auch der letzte Song beim letzten Konzert ihrer Karriere sein.

Im Grenzbereich zur Rock-’n’-Roll-Karikatur

Stanley, Simmons, Gitarrist Tommy „The Spaceman“ Thayer und Schlagzeuger Eric „The Catman“ Singer werden selbst wissen, dass sie im Grenzbereich zur Rock-’n’-Roll-Karikatur agieren, wenn sie die eher simple und recht infantile Vorstellung glorifizieren, dass das Leben vor allem aus Sex und Spaß besteht.

Vielleicht will Stanley auch deshalb in zwei, drei Jahren, nach Abschluss der letzten Konzertreise, nicht mehr „Starchild“ sein, um sich auch von dieser Last der Kostüme zu befreien. Er wäre dann 70. Was hat er nach Kiss vor? „Ich will malen, singen, leben“, antwortet Stanley. „Ja, ich will leben.“ Eine Auswahl seiner Bilder ist auf seiner persönlichen Website zu sehen.

Bevor „Starchild“ aus ihm wurde, war er Taxifahrer in New York. Er bewunderte die Beatles und Led Zeppelin. Träumte er damals davon, dass Paul McCartney oder Jimmy Page zu ihm ins Taxi steigen – oder dass er mal so berühmt wird wie die beiden? Stanley überlegt lange. Dann antwortet er gar nicht auf die Frage, sondern erklärt: „Heute, nach 45 erfolgreichen Jahren, als Classic Rock zu gelten, ist ein Triumph. Der ultimative Sieg.“

„Heute, nach 45 erfolgreichen Jahren, als Classic Rock zu gelten, ist ein Triumph“: Kiss im Jahr 1984 in Hannover. Quelle: Jockel Finck

Auf ihrer Ehrenrunde traten Kiss bereits in Los Angeles auf. Dort sah sich Stanleys 98-jähriger Vater die Show an. „My Dad! Der älteste und coolste Mann aller Zeiten bei einem Kiss-Konzert“, twitterte der Sänger hinterher, als wäre der Vater sein wahres Vorbild.

Stanley hat jüdische Eltern. Der Vater wurde in den USA geboren. Die Mutter war als Kind mit ihren Eltern vor dem Holocaust aus Berlin zunächst nach Amsterdam und dann nach New York geflohen. Deutsch spricht er nicht. Seine Mutter habe ihn davon abgehalten, die Sprache des Landes, in dem sie verfolgt wurde, zu lernen. „Sie hatte ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrer Nationalität und ihrem Geburtsort“, erzählt er. Nur wenn er etwas nicht hören sollte, habe sie Deutsch gesprochen.

Zu Stanleys frühen Kindheitserinnerungen gehören Freunde seiner Eltern, die Konzentrationslager überlebt hatten. Er sah die auf den Arm tätowierten Häftlingsnummern. Diese Bilder, die Vorstellung, welches Leid den Menschen widerfahren sein muss, welche Todesangst sie gehabt haben müssen, bewegen ihn bis heute und haben sein politisches Bewusstsein geprägt.

„Anderen Menschen zu helfen, ist eine Pflicht und eine Ehre“

Während des Haushaltsstreits in den USA um den Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko gab die Band kostenlose Essen an Staatsbedienstete aus, die kein Gehalt mehr bekamen. In Amerika unterstützte sie in der Vergangenheit eine Veteranen-Organisation mit einem Dollar pro verkaufter Konzertkarte. „Talk is cheap“, sagt Stanley. Worte seien wohlfeil, solange keine Taten folgten. „Anderen Menschen zu helfen, ist eine Pflicht und eine Ehre.“

Nach dem Attentat in einer Synagoge in Pittsburgh mit elf Toten im vergangenen Oktober postete der Sänger in den sozialen Medien ein Statement gegen den Hass. „Uns sollte klar sein, dass wir das ernten, was wir säen“, schrieb er. Seine Mutter sei mit ihren Eltern nach Amerika gekommen, „um den Traum zu verwirklichen, den dieses Land anbot“.

Hat er Angst vor denen, die diesen Traum aller Glückssucher attackieren und neue Mauern errichten wollen, vor den Rassisten und Demokratiefeinden? „Nein, denn ich glaube an die Menschen“, sagt er. Dieser Poesiealbum-Optimismus passt gut zu zwei seiner Bilder; sie heißen „Love 4“ und „Peace 1“.

Von Mathias Begalke

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