Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur „Les Misérables“-Regisseur Tom Hooper über Hugh Jackmans Sangeskünste
Mehr Welt Kultur „Les Misérables“-Regisseur Tom Hooper über Hugh Jackmans Sangeskünste
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
04:24 22.02.2013
Regisseur Tom Hooper (rechts) und seine Stars aus „Les Misérables“: Hugh Jackman, Eddie Redmayne und Anne Hathaway. Quelle: dpa

Tom Hooper hat als Regisseur mit einem TV-Zweiteiler über Elisabeth I., der HBO-Serie „John Adams“ und vor allem im Kino mit dem Historiendrama „The King’s Speech“ (2010) über den stotternden König Georg VI. auf sich aufmerksam gemacht. Nun hat der 40-jährige Brite halb Hollywood zum Singen gebracht. Für „Les Misérables“ sammelte er acht Oscar-Nominierungen ein. Der Film startet am 21. Februar in den Kinos – in Hannover im Cinemaxx Raschplatz, Utopia, Hochhaus und im CineStar Garbsen.

Mr. Hooper, jetzt mal Hand aufs Herz: Welcher Ihrer vielen Stars hat am besten gesungen?
(längere Pause) Wahrscheinlich Hugh Jackman, er hat ja auch am meisten Musicalerfahrung. Er hat schon „The Boy from Oz“ und „Oklahoma“ gesungen. Also ich sag mal: Jackman. 

Okay, und wer am schlechtesten?
(noch längere Pause) Ist keine ganz einfache Frage, ich verweigere die Antwort.

Wie haben Sie denn all die Hollywoodschauspieler zum Singen bewegt – zum Beispiel Russell Crowe?
Der war schon früh gebucht. Aber wir haben jeden einzelnen Schauspieler vorsingen lassen ...

... auch Jackman?
Oh ja, niemand hat seine Rolle einfach so bekommen. Bei Jackman hat die Probe drei Stunden gedauert. Russell Crowe hat sogar zweimal vorgesungen und zwischendurch sechs Monate geübt. Wenn Sie ein Musical live singen lassen, müssen Sie genau wissen, worauf Sie sich einlassen. Das müssen auch die Schauspieler wissen – die haben ohne Unterlass hart an sich gearbeitet.

Heißt das, dass Sie auch Kandidaten abgelehnt haben?
Sicher, Hunderte, darunter auch einige prominente, deren Namen ich jetzt aber nicht nennen werde. Der Andrang war gewaltig. Für die Rolle der jungen Fantine hätte ich ein Who-is-Who weiblicher Hollywoodstars anlegen können. Viele Schauspieler kennen das Musical aus ihrer Kindheit – Anne Hathaways Mutter zum Beispiel hat auch schon die Fantine gesungen.

Wieso haben Sie nicht gleich Sänger genommen?
Weil Schauspieler lange Großaufnahmen gewohnt sind und genauso den Umgang mit der Kamera. Sie müssen den ganzen Film tragen.

Die Dreharbeiten müssen verdammt hart gewesen sein: tagelang immer dieselben Stücke singen. Warum haben Sie die nicht hinterher im Studio aufgenommen?
Mir schien es so natürlicher – und ich bin es als Kinoregisseur so gewohnt. Bei einem Film wie „The King’s Speech“ sprechen die Leute ja auch live. Wenn man dann ein Musical inszeniert, wird man zudem vom Albtraum verfolgt, dass die Lippenbewegungen hinterher nicht wirklich synchron sind. Ich habe da fürchterliche Geschichten von Alan Parker und „Evita“ gehört.

Wie haben die Stimmen der Schauspieler diese Belastung ausgehalten?
Es herrschte eine enorme Disziplin: Wir hatten immer Gesangslehrer am Set, die Schauspieler haben ohne Ende heißen Tee mit Zitrone getrunken, viel geschlafen, ihre Übungen gemacht. Das war bestimmt kein Rock ’n’ Roll. Eine Erfahrung war übrigens so ähnlich wie bei den Dreharbeiten zu „The King’s Speech“: Auch bei der Geschichte über den stotternden König wurde einem bewusst, dass Stimmen kostbar sind.

Stimmt es, dass Sie auch sonst den Schauspielern körperlich einiges abverlangt haben?
Meinen Sie Hugh Jackmans Fastenkur? Er spielt den Kettensträfling Jean Valjean, der jahrelang verschwindet und dann als erfolgreicher Unternehmer und Bürgermeister zurückkehrt. Also musste er zunächst mal abnehmen, um glaubwürdig zu sein. Hugh hat 30 Pfund Gewicht verloren und vor seiner ersten Szene als Sträfling eine 36-stündige Wasserentzugskur gemacht. Er steht bis zur Hüfte im Wasser, hat aber eine Haut wie Schmirgelpapier. Manche Zuschauer erkennen ihn gar nicht.

War das wirklich nötig?
Aber ja! Sie müssen die Leute von der Wirklichkeitsnähe des Stoffes überzeugen – das ist schwierig, wenn die Schauspieler den Mund aufmachen und singen. Kleine körperliche Schocks sind um so wichtiger, sie sind der Anker in die Realität. Übrigens hat auch Anne Hathaway einige Kilo abgenommen, bevor sie nach ihrem Leidensweg auf dem Totenbett singt – und sich auch tatsächlich die Haare abschneiden lassen.

Na gut, es weiß doch aber jeder, dass sich Hathaway guter Gesundheit erfreut.
In einem Musical müssen Sie eine alternative Wirklichkeit erschaffen. Und die funktioniert nur, wenn die Zuschauer Ihnen die Story abnehmen. Sonst ist alles umsonst. Das wäre anders, wenn Sie und ich jetzt hier singend kommunizieren würden, wir singende Menschen also gewohnt wären (versucht es kurz – mit durchwachenem Erfolg). Ich vergleiche das mit James Camerons „Avatar“: Er musste ein glaubwürdiges Universum erschaffen, in dem blauhäutige Wesen herumspringen. Innerhalb dieses Universums hatte er dann aber um so mehr Freiheiten.

Sehen Sie in diesem harten sozialen Stoff aus Victor Hugos Roman von 1862 eine Verbindung in unsere Gegenwart?
Ja, das ist einer der Gründe, warum ich das Musical inszenieren wollte. Wir leben in einer Zeit extremer Wut, die ihre Grundlage im ökonomischen Ungleichgewicht hat. Die Lücke zwischen Reich und Arm wird immer größer. Und dann sind da die Bilder von den Revolutionen im Nahen Osten. Leider hat sich die Welt in den vergangenen 150 Jahren nicht so viel zum Besseren gewandelt.

Was antworten Sie einem Zuschauer, der sagt: Singende Schauspieler auf der Leinwand sind mir ein Graus?
Sagen Sie diesem Zuschauer bitte, dass ich genau für ihn dieses Musical gemacht habe. Deshalb lasse ich ja nicht playback singen, um das Artifizielle herauszunehmen – und ich habe auch alle Sprechpassagen dazwischen gestrichen. Wer einmal in der Musik drin ist, bleibt drin. Es scheint zu funktioneren: Sehen Sie sich unsere Kassenerfolge an.

Ebenso scheint das Konzept bei Preisverleihungen aufzugehen: „Les Misérables“ hat acht Oscar-Nominierungen auf dem Konto. Was erwarten Sie bei der großen Gala?
Es ist besser, gar nichts zu erwarten und sich überraschen zu lassen.

Interview: Stefan Stosch

Mehr zum Thema

Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow bringt die Jagd auf Osama bin Laden ins Kino: „Zero Dark Thirty“ über das US-amerikanische Trauma ist der umstrittenste Hollywoodstreifen seit Langem. Der Film läuft seit dem 31. Januar in den deutschen Kinos.

Stefan Stosch 02.02.2013

Steven Spielberg erzählt in dem Historiendrama „Lincoln“ die Geschichte des 16. Präsidenten der USA, in der es um den amerikanischen Bürgerkrieg und die Abschaffung der Sklaverei geht. Dabei spielt Daniel Day-Lewis die Rolle als Abraham Lincoln herausragend – und gilt als Favorit bei der Oscar-Verleihung. Der Film ist am 24. Januar im Kino gestartet.

Stefan Stosch 26.01.2013

Wilder Ritt durch den Spaghetti-Western: Quentin Tarantino setzt in „Django Unchained“ auf zwei glorreiche Halunken – Christoph Waltz und Jamie Foxx. Der Film ist am 17. Januar im Kino gestartet.

Stefan Stosch 19.01.2013
Kultur Hollywoods After-Show-Party - Dortmunder DJ legt bei Oscars auf

Dieser DJ lässt die Stars zappeln. Bei der offiziellen After-Show-Party nach der Oscar-Verleihung steht Christoph Stemann aus Dortmund hinter den Plattentellern. Seine Aufgabe: für gute Laune sorgen und keine Lieder mit schmutzigen Wörtern spielen.

19.02.2013

Nach der Auszeichnung seines Films „Geschlossener Vorhang“ bei der Berlinale droht dem iranischen Filmemacher Jafar Panahi zu Hause Ärger. Nach Angaben der Teheraner Presse vom Dienstag hat das iranische Kultusministerium die Produktion des Films als „illegal“ bezeichnet

19.02.2013

Eine Werkschau mit Malerei und Grafik des langjährigen Kunsthochschullehrers Ulrich Baehr in den hannoverschen Galerie vom Zufall und vom Glück.

Nicola Zellmer 18.02.2013