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Kultur Leiden in der Leistungszelle
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20:06 09.12.2009
Von Imre Grimm
Diagnose Depression: Sebastian Deisler hat seine Krankheit öffentlich gemacht. Quelle: ddp (Archiv)
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Einen Monat ist es her, Donnerstag auf den Tag genau, dass Robert Enke sich in Eilvese auf die Schienen stellte, wo er vom Zug überrollt wurde. Vier Wochen hatte die Gesellschaft im Allgemeinen und die Fußballwelt im Besonderen Zeit, den traurigen „Fall Enke“ als Chance zu begreifen, das Mysterium Depression zu enttabuisieren, diese dunkle Macht zu entschleiern und das Schweigen zu brechen, das über der rätselhaften Volkskrankheit liegt. Sie hat diese Chance – das ist das bittere Fazit des Berliner Sportjournalisten Michael Rosentritt – ungenutzt verstreichen lassen: „Ich halte es leider für illusorisch, dass eine Depression so normal wird wie ein Bänderriss.“

Rosentritt hat ein kluges Buch über Sebastian Deisler geschrieben, den ehemaligen Fußballprofi, einst als „Basti Fantasti“ gefeiert und mit den Hoffnungen einer ganzen Nation überfrachtet, der den Fußball unendlich liebte und letztlich doch an ihm zerbrach. Über Nacht ist Rosentritt als enger Vertrauter Deislers zum medialen Kronzeugen für Depression im Leistungssport geworden. Er hat mit vielen Sportlern und Therapeuten gesprochen, und was er am Dienstag im Literarischen Salon der Universität Hannover sagte, das bestätigte, was spätestens nach Enkes Tod viele ahnten, aber doch niemand belegen konnte: Ja, es gibt Fälle von Depressionen in der Bundesliga. Ja, es gibt Trainer, die ihren Spielern gezielt raten, einem frisch operierten Gegenspieler „doch mal einen Schlag auf den Meniskus zu geben“ oder einen als „psychisch labil“ geltenden Gegner mit Verbalattacken zu verunsichern. Ja, es gibt prominente, betroffene Bundesligaspieler, die genau beobachteten, was Deislers ­Outing im Jahr 2003 für Folgen hatte, was er damals an Häme in der Kabine des FC Bayern München („die Deislerin“) und an Unverständnis in der Öffentlichkeit („Der hat doch alles“) aushalten musste – und die dann entschieden, besser den Mund zu halten. „Ein großes Problem für Sebastian“, sagt Rosentritt, „war es, die Krankheit überhaupt anzunehmen, die so gar nicht zu seinem Selbstbild als Leistungssportler passte.“

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Nichts war von Enkes Leiden, geschweige denn von seinem Tod, zu ahnen, als die Organisatoren des Literarischen Salons im Juli ihr Programm beschlossen. „Depression als Syndrom“ – plötzlich hat das Thema eine ungeahnte Aktualität bekommen, auf die jeder im Saal freilich gern verzichtet hätte. Natürlich sind Deisler und Enke Synonyme für die Überforderung des Einzelnen in einer am Rande der kollektiven Erschöpfung stehenden Leistungsgesellschaft. Sie dienen quasi als „Musterfälle“ für den unter enormem Anpassungsdruck stehenden modernen Arbeitnehmer und die sich verändernde Grundstimmung in der kapitalistischen Gesellschaft. „Früher gab es Gewinner und Verlierer“, sagt Rosentritt. „Heute gibt es nur noch Gewinner und Versager.“ Fast scheint es, als leide die globalisierte Gesellschaft an einer bipolaren Störung: hin und her gerissen zwischen Manie (Internetboom) und Depression (Finanzkrise).

Prominente Fälle von Depressionserkrankten erleichtern das Darüberreden. Doch was sich so leicht sagt – „Man muss offen mit der Krankheit umgehen“ –, ist doch unendlich schwer, erklärt Ursula Nuber, Psychotherapeutin und stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift „Psychologie heute“: „Wer sich outet, wird wie unter dem Brennglas beobachtet. Das ist genau das, was Depressive nicht aushalten können.“ Überall in den Medien würden uns „dynamische junge Leute präsentiert“, sagt Nuber, die das mediale Ideal definierten. Lieber spreche man deshalb von „Burn-out“ als von „Depression“– „das klingt viel cooler, nach Arbeit und Leistung“. Die Depression passe nicht in unsere Gesellschaft. „Was helfen würde, wären mehr prominente Outings wie zum Beispiel bei der ,Wir haben abgetrieben‘-Kampagne 1971 im ,stern‘.“ Auch der Kultursoziologe und Fußball–ethnologe Detlev Claussen sieht keine Alternative zur Entstigmatisierung der Krankheit: „Das ist teuer und zeitaufwendig, aber es ist unbedingt notwendig.“ Volkswirtschaftlich gesehen ist eine tabuisierte Depression viel teurer als eine groß angelegte Aufklärungskampagne.

Im überfüllten Foyer des Conti-Hochhauses zeigte sich dreierlei. Erstens: Der Wille vieler Einzelner, zur Entmystifizierung der Depression beizutragen, ist groß – der Weg dorthin freilich liegt im Nebel. Zweitens: Nach wie vor ist der Bedarf an Informationen über die Krankheit hoch. Und drittens: Über jeder Debatte, jedem Gespräch über dieses düstere Leiden liegt eine große Hilf­losigkeit. Denn die Depression ist eine komplizierte Krankheit. Die Ursachen sind vielschichtig. Die Diagnose ist schwer. Die Behandlung ist möglich, aber aufwendig. Die Pharmaindustrie tappt – auch wenn sie gern das Gegenteil behauptet – im Dunkeln. Die Depression ist gleichzeitig ein höchst individuelles und ein sehr universales Problem.

In einer Gesellschaft, die den menschlichen Organismus zunehmend mechanistisch betrachtet, quasi als beliebig optimierbares Konstrukt, dessen Leistungsfähigkeit sich mit Psychopillen erhöhen lässt, ist kein Platz für ein umfassendes Menschenbild. „Langzeittherapien sind teuer“, sagt Claussen, auch deshalb erlebe die Psychoanalyse seit 20 Jahren ein „öffentliches Bashing“. Zu oft werde die Depression auf genetische Prägung oder eine Stoffwechselstörung zurückgeführt. Vor allem Männer, sagt Nuber, versuchten mit Medikamenten, ihre Belastbarkeit zu erhöhen, statt sich ihr Leiden einzugestehen und sich behandeln zu lassen.

Wer reagiert auf welchen Auslöser überhaupt mit einer Depression? Wer nicht? Nuber spricht von „biologischen Narben, die in Stresssituationen wieder aufbrechen“ und die Krankheit in Gang setzen können. Was hilft? Frühe Diagnosen, besser ausgebildete Hausärzte, eine Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten, bessere Aufklärung (noch immer glauben viele, Antidepressiva machten abhängig) – und eine Öffentlichkeit, die geduldig und verständnisvoll mit den Betroffenen umgeht und gleichzeitig einsieht, dass dieses Leiden nicht kurzfristig zu heilen ist.

Lässt sich das „Realitätsmodell Fußball“ auf die Gesellschaft übertragen? Nicht unbedingt, sagt Rosentritt. In der „Leistungszelle Profifußball“ gelten noch härtere Regeln als in der Gesellschaft. Nicht nur, dass Fans und Medien Wut, Frust und Enttäuschung über „versagenden“ Spielern ablüden („Fans können außerordentlich gehässig werden“). Hinzu kommt: „Der Gegner, der Konkurrent sitzt mit in der Kabine, wenn 23 Spieler um elf Stammplätze kämpfen.“ Nur wenige sind bisher Deislers Vorbild gefolgt, haben sich zu ihrem Leiden bekannt. Andreas Biermann gehört dazu, Abwehrspieler beim FC St. Pauli, der im November mit einem erschütternden Geständnis an die Öffentlichkeit ging: Er leide unter Depressionen und habe am 20. Oktober versucht, sich das Leben zu nehmen. Inzwischen wird er in einer Fachklinik behandelt.

Dass aber der Fußball insgesamt zu einem neuen Verständnis von psychischen Leiden finde, dass die „gläsernen Profis“ der Bundesliga gar wie normale Arbeitnehmer ein Recht auf Geheimhaltung ihrer Krankengeschichte bekämen, hält Rosentritt für illusorisch. Zu groß ist der Erwartungsdruck des Publikums an die Profis, denen mit extrem hohen Gehältern auch ihr weitgehender Verzicht auf persönliche Rechte vergütet werde. „Stellen Sie sich vor, Joachim Löw tritt am Tag des ersten WM-Spiels in Südafrika vor 380 Journalisten und sagt: ,Michael Ballack ist erkrankt‘ – ohne die Diagnose zu nennen. Das geht nicht.“

Ein Fußballprofi ist psychisch krank, lässt sich behandeln, nimmt eine Auszeit und kehrt an seinen Arbeitsplatz zurück. Die Kollegen und Fans begrüßen ihn – und er spielt wieder. So einfach klingt das. Und doch ist und bleibt es ein ferner Traum.