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Kultur „Lawrence von Arabien": Wie ein Mythos gemacht wird
Mehr Welt Kultur „Lawrence von Arabien": Wie ein Mythos gemacht wird
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21:57 26.12.2010
Von Simon Benne
Ein Mythos, überlebensgroß: Eine riesige Comicwand in Oldenburg zeigt, wie sehr Lawrence von Arabien unsere Phantasie beflügelt. Quelle: dpa
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Als der Krieg zu Ende ging, war Thomas Edward Lawrence noch unbekannt. Der junge Brite, der nicht einmal eine richtige militärische Ausbildung hatte, war 1918 alles andere als ein Held. „Ich hatte ein Dutzend Kerle, die den Job besser gemacht hätten“, grantelte der britische Befehlshaber Edmund Allenby. Und doch ist Lawrence, geboren 1888 in Wales, bis heute als einer der wenigen Heroen jener Zeit im Gedächtnis geblieben – als „Lawrence von Arabien“. Als Typus des Abenteurers schlechthin.

In Oldenburg sucht eine große Ausstellung nach dem Menschen hinter dem Mythos. Zu sehen sind rund 500 Exponate, darunter Reliquien wie die Schreibmaschine Lawrence’, seine Kamera oder mittelalterliche Keramik, die dieser als junger Archäologe aus Baugruben in Oxford barg. Am Eingang flimmern alte Fotos von Kamelen und Männern in orientalischen Gewändern über die Wand. Daneben, brüchig wie ein antikes Mosaik, ist das Gesicht Peter O’Tooles im „Lawrence“-Film von David Lean aus dem Jahr 1962 zu sehen. Es ist größer als die dokumentarischen Fotos. Das Gesamtbild bestimmen jene Bilder, die wir uns von dem Mann machen. Und da war der Mythos Lawrence uneindeutig genug, dass jede Generation ihn neu ausdeuten konnte.

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Mit Filmausschnitten, Büchern und überdimensionalen Comicwänden zeigt die Ausstellung, wie vielfältig die Vorstellungen sind, die man auf Lawrence projizierte: Man sah den Draufgänger in ihm oder den heimlichen Homosexuellen, eine Galionsfigur des Kolonialismus oder – wie in Leans Film – einen strahlenden Helden, in dem ein dunkler Dämon schlummert.

Der historische Lawrence kam 1909 in den Orient, um für seine Examensarbeit die Kreuzfahrerburgen Palästinas zu erforschen. Später machte er Ausgrabungen an der heutigen syrisch-türkischen Grenze. Als der Erste Weltkrieg begann, schickten sich die Araber an, die Fremdherrschaft der mit den Deutschen verbündeten Osmanen abzuschütteln – und Lawrence wurde der Verbindungsmann zwischen Beduinenführer Emir Faisal und den Briten. Er einte die zerstrittenen Clans und führte eine Art Guerillakrieg gegen die Osmanen. Man braucht kaum Phantasie, um zu ahnen, dass ein Araberfreund, der Anschläge auf Züge und Wasserleitungen ausheckt, heute nicht mehr zum britischen Nationalhelden verklärt würde.

Im Orient trat der Erste Weltkrieg teils im Gewande eines mittelalterlichen Kreuzzugs auf. In Oldenburg sind Fotos zu sehen, mit denen Lawrence seinen Feldzug dokumentierte – reitende Wüstensöhne, die 1917 die Hafenstadt Aqaba einnehmen und umjubelt in Damaskus einmarschieren. Er selbst kleidete sich wie ein Beduine. Die Ausstellung zeigt ein deutsch-türkisches Handbuch der Militärbefehle. Zu sehen sind osmanische ­Orden, die deutschen Soldaten verliehen wurden, und Kamelsättel mit britischem Regierungsstempel. So vermittelt die Schau eine Vorstellung von diesem Wüstenkrieg, der Lawrence’ Ruhm begründete. Oder besser: der für den Erfinder von Lawrence’ Ruhm die Kulisse abgab. Denn in diesem Fall lässt sich exemplarisch beobachten, wie Mythen gemacht werden.

Zuständig dafür war der US-Journalist Thomas Lowell. Er war Arabiens erster „embedded journalist“. Mit dem Segen seiner Regierung, die auf propagandistische Bilder aus war, reiste er zu den Kriegsschauplätzen. Die Briten gewährten ihm freien Zugang zu allen Schlachtfeldern. Und 1919 feierte in London ein grandioses Multimediaspektakel Premiere, mit dem Lowell Jahre lang durch die angloamerikanische Welt touren sollte. Teile der Show wurden für die Ausstellung rekonstruiert.

Lowell, ein Pionier der Unterhaltungsindustrie, zeigte Millionen Besuchern spektakuläre Filmaufnahmen und kolorierte Lichtbilder, dazu präsentierte er Schleiertänze und einen Tenor, der den Ruf der Muezzins anstimmte. Der Held seiner Show war Lawrence, über den er Heldengeschichten erzählte. Lawrence – der Befreier der heiligen Stätten von Christen, Juden und Muslimen. Lawrence – ein moderner Siegfried, der Achill unserer Zeit. An der Wiege dieses Mythos standen also Boulevardjournalismus und Kommerzdenken Pate. Freilich fand die Lawrence-Legende dankbare Gläubige, denn sie bediente die Bedürfnisse der Massen nach Exotik, Abenteuer und patriotischem Heldentum. Mythen entstehen oft dort, wo Propaganda von oben und Sehnsüchte von unten sich begegnen. Dass Lawrence bei den Arabern als Verräter verschrien war, weil der ihnen versprochene Nationalstaat nicht zustande kam – die Franzosen wollten Syrien für sich –, spielte schon keine Rolle mehr. Mythen brauchen einen Kern von Fakten, ansonsten bestehen sie aus Verklärung, die ja nicht minder real ist.

„Das Heldenhafte war mir fremd wie meiner ganzen Generation“, schrieb Lawrence 1926 in seiner Autobiografie „Die sieben Säulen der Erde“. Dort äußert sich der Kriegsheld fast pazifistisch. Seinen legendären Ruf pflegte er einerseits, indem er seine Biografie schönte. Andererseits versuchte er, ihm zu entgehen. „Einen falschen Ruf zu tragen ist eine so kratzige Angelegenheit wie ein falscher Bart“, schrieb er an einen Bekannten, „meiner macht mich noch verrückt.“

Lawrence diente, teils unter falschem Namen, als einfacher Luftwaffensoldat. Er verfasste Literaturkritiken und eine Übersetzung von Homers Odyssee. Seine Autobiografie edierte der Ästhet als bibliophile Kostbarkeit. Und für sein Domizil in Clouds Hill, wo er ein verfallenes Häuschen hergerichtet hatte, entwarf der vielseitig begabte Mann einen eigenen Sessel. Mit nur 46 Jahren kam Lawrence, der sich immer für Technik und Geschwindigkeit begeistert hatte, 1935 bei einem Motorradunfall ums Leben. Der „Daily Sketch“ schrieb: „Der Soldat Lawrence stirbt, um für immer zu leben.“

„Lawrence von Arabien“ im Oldenburger Landesmuseum Natur und Mensch bis zum 27. März. Infos: (04 41) 9 24 43 00.