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Kultur Landesmuseum zeigt die Aura des alten Ägypten
Mehr Welt Kultur Landesmuseum zeigt die Aura des alten Ägypten
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17:16 10.03.2014
Inspiriert von der Ägyptomanie: Hoetgers Büsten der Sent M’Ahesa beiderseits der Nofretete. Quelle: Alexander Körner
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Hannover

Leicht geschürzte Lippen, vorgestrecktes Kinn, schlanke, gerade Nase - Ägyptens Nofretete und Sent M’Ahesa weisen verwandte Züge auf. Dabei ist die eine Figur gut 3400 Jahre alt, die andere nicht einmal 100. Die Ähnlichkeit kommt nicht von ungefähr: Nach der Entdeckung Nofretetes 1912 wogte eine Welle der Ägypten-Faszination durch Deutschland, die auch Bernhard Hoetger (1874-1949) bei der Gestaltung jener Büste der auch in Ägyptomanie schwelgenden Tänzerin aufgriff. So entstand 1916 die Bronzeskulptur der Sent M’Ahesa. Sie ist als „Hannovers Nofretete“ bekannt, wenn auch nicht so berühmt wie die antike Totenmaske aus Gips und Kalkstein, die Ägyptens Pharaonengattin Nofretete darstellen soll.

Die kühnen Anleihen des Künstlers in der Antike hat das Landesmuseum zum Anlass für einen noch weiteren Brückenschlag genommen: zurück zum Ägypten-Kult vor 100 Jahren, zu den Anfängen der Ägyptologie und zur ägyptischen Antike. Ein allzu großer Bogen? Geistiges Band der Ausstellung „Faszination Nofretete. Bernhard Hoetger und Ägypten“ ist eben der Künstler, der in der Darmstädter Künstlerkolonie, in Hannover und in Bremen als Gestalter der Böttcherstraße Spuren hinterlassen hat.

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Auch Hoetgers Künstlerleben könnte den Rahmen einer Ausstellung sprengen. Aber das Landesmuseum schlägt Breschen zu seinem Werk - zum Architekten, zum Bildhauer und auch zum Künstlerdorf Worpswede. Dort lebteHoetger seit 1914, pflegte aber enge Kontakte nach Hannover, wo Keksfabrikant Hermann Bahlsen (1859-1919) ihm als Mäzen freundschaftlich verbunden war.

Arbeiten für Auftraggeber in Hannover zeigt das Museum in den beiden größten Räumen dieser Sonderausstellung - und darin wiederum die Spuren ägyptischen Einflusses. Er ist noch in den Büsten und Skulpturen zu spüren, die Hoetger für Zeitgenossen geschaffen hat. Etwa in der nahezu lebensgroßen Figurengruppe der vier Bahlsen-Söhne: Da ist wie in altägyptischen Vorbildern ein Fuß sorgsam vor den anderen gesetzt, die Arme halten die Umhänge geschürzt, die Körper scheinen aus dem Muschelkalk zu wachsen, aus dem die Statue geschlagen ist und der ihnen auf der Rückseite noch grob gepickt anhaftet. Oder in der Büste der Olga Tramm, der Frau von Hannovers damaligem Stadtdirektor Heinrich Tramm, deren Kopf gleichfalls wie aus dem Marmor herauszuwachsen scheint. Genauso hatten die Archäologen 3000 Jahre alte Büsten und Statuen in der Werkstatt des Bildhauers Tutmosis vorgefunden, die gleichfalls 1912 im ägyptischen Armana entdeckt wurde.

Gerade hannoversche Besucher dürfte der nächste Räum faszinieren. Denn er ist Hoetgers Vision der „TET-Stadt“ gewidmet - die Bahlsen während des Ersten Weltkriegs plante. Gezeigt wird darin neben Grundrissen und einem kleinen Modell dieser Architekturutopie ein übermannshohes Modell der 42 Meter hoch geplanten Hauptsäule dieser Architekturvision. Und auf der Rückwand des Raumes zieht der Animationsfilm einer Fahrt durch diese Riesenstadt die Zuschauer in seinen Bann. „Die Entwürfe zeugen von ägyptischen Einflüssen“, sagt Katja Lembke, die Direktorin des Landesmuseums, unter Hinweis auf bauliche Parallelen zum Isis-Tempel von Philäe. „Und die Säule weist mit Stierköpfen und Garbengebinden auf Milch und Getreide hin, die für Bahlsens Keksproduktion essenziell sind.“

Und überhaupt: der Keks. Vier Wochen zeigt das Landesmuseum auch den Bahlsen-Keks. Danach soll das vergoldete 20-Kilo-Bronzestück restauriert werden, bevor es Ende Juni, Anfang Juli wieder am Bahlsen-Stammhaus in der Podbi hängt. Dort wurde die Brezelmännerskulptur mit dem Keks zwar auch 1913 aufgehängt, sie fällt aber in dieser Ausstellung etwas aus dem Rahmen, weil sie nicht von Hoetger sondern von dem Künstler Georg Herting stammt.

Bis 25. August im Landesmuseum, Willy-Brandt-Allee 5. Katalog: Katja Lembke (Hg.): „Faszination Nofretete. Bernhard Hoetger und Ägypten“. Imhof Verlag. 208 Seiten, 19,90 Euro. Zu Worpswede: Thomas Andratschke: „Worpswede in Hannover. Die Gründer der Künstlerkolonie“. Schnell & Steiner. 48 Seiten, 4,90 Euro.