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Kultur Kurt Masur dirigiert am Dienstag in Hannover
Mehr Welt Kultur Kurt Masur dirigiert am Dienstag in Hannover
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20:37 07.09.2009
Von Stefan Arndt
82-jähriges Energiebündel: Kurt Masur. Quelle: ddp
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Manchmal ist es sogar für Berlin zu viel des Guten: Seit einigen Jahren feiert die Hauptstadt die Eröffnung der Konzertsaison mit einem mehrwöchigen Musikfest, zu dem nicht nur die großen Orchester der Stadt, sondern gleich die besten der Welt aufspielen. Wegen der Angebotsfülle allerdings bleibt bei der orchestralen Leistungsschau traditionell mancher Sitz der Philharmonie leer. Umso bemerkenswerter war nun der Andrang beim Auftritt des 82-jährigen Kurt Masur: Zum Auftakt einer Europatournee dirigierte er am Sonntag das London Philharmonic Orchestra, dem er noch bis vor zwei Jahren als Musikdirektor vorstand, bei Dimitri Schostakowitschs „Leningrader“-Sinfonie – und vor der Tür drängten sich die Kartensucher wie zu besten Karajan-Zeiten.

Tatsächlich hat man Masur in Vorwendezeiten im Westen oft als eine Art Ost-Karajan wahrgenommen. Der Gewandhauskapellmeister war noch vor Kurt Sanderling das musikalische Aushängeschild der DDR. Und wenn seine Interpretationen des großen romantischen Repertoires bei Weitem nicht so stilprägend waren wie die anderer großer Dirigenten, so stand Masur schon damals für eine ungekünstelte und ehrliche Art des Musizierens. Genau diese Charaktereigenschaften machten ihn vor 20 Jahren zu einem Helden der Wende. Am 9. Oktober verlieh seine moralische Autorität in der Musikstadt Leipzig dem Aufruf zum Gewaltverzicht besonderes Gewicht und hielt den Weg zur „friedlichen Revolution“ in einer höchst bedrohlichen und entscheidenden Situation offen.

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Er selbst sieht seine Rolle von damals heute bescheiden und bezeichnet sich höchstens als „Politiker wider Willen“. Das „Wunder von Leipzig“, sagt er, sei das kollektive Verdienst aller Bewohner der Stadt. Kein Wunder also, dass er es wenig später ablehnte, als Bundespräsident des wiedervereinigten Landes zu kandidieren. Stattdessen eroberte er sich in einem beispiellosen Karriereschub die Metropolen der Welt: Masur wurde der umjubelte Chef der New Yorker Philharmoniker und führte danach die Orchester in London und Paris. Und trotz seines Alters und seines Handleidens, wegen dem er einst die erhoffte Karriere als Organist beenden musste und die sich seit einigen Jahren zu einem fortwährenden Zittern ausgewachsen hat, ist seine Arbeit erfolgreicher denn je.

Wie ernst Masur sie noch immer nimmt, ist in den Proben zur Schostakowitsch-Sinfonie zu erleben. Barsch bricht er das Orchester schon nach wenigen Sekunden ab: Der Beginn war ihm nicht energisch genug. Trotz seiner kleinen, aber vitalen Bewegungen erinnert sein Dirigieren an Schwerstarbeit: Wuchtig schichtet er die Klangmassen aufeinander und entlockt dem Orchester unglaubliche Lautstärken, um im nächsten Moment eine wunderbar friedliche Stille zu verströmen. Selten ist die Sinfonie, die unter dem Eindruck der Belagerung Leningrads während des Zweiten Weltkriegs und der von Schostakowitsch erfahrenen Repressalien durch die Sowjets entstanden ist, so extrem und direkt zu hören, ohne je überspannt zu wirken. In Berlin ist die Begeisterung des Publikums am Ende so groß wie zuvor der Andrang. Fast eine Viertelstunde klatschen die Zuhörer und fordern Masur auch dann noch auf die Bühne, als das Orchester es schon verlassen hat: Sie waren Zeuge eines musikalischen Ereignisses wie es selbst an diesem Ort nur selten vorkommt.

Am Dienstag um 20 Uhr dirigiert Kurt Masur das Programm noch einmal im Kuppelsaal Hannover. Kartentelefon: (0511) 36 38 17.

Ronald Meyer-Arlt 07.09.2009