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Kultur Kunstverein Hannover zeigt Gruppenschau zum Thema Konflikt
Mehr Welt Kultur Kunstverein Hannover zeigt Gruppenschau zum Thema Konflikt
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10:10 29.05.2009
Von Johanna Di Blasi
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Der belgische Künstler Francis Alÿs ließ Ende der neunziger Jahre für sein Video „Duett“ zwei Musiker durch das venezianische Gassengewirr irren, auf der Suche nacheinander. Jeder der beiden hält eine Hälfte einer Tuba. Irgendwann finden sie einander – und blasen einen Atemzug lang in das wieder zusammengefügte Instrument.

Die in Wackelkameraästhetik gefilmte glückliche Zusammenfügung – man könnte auch sagen gelungene Kommunikation – ist eher die Ausnahme in der Ausstellung „Oppositions & Dialogues“, der ersten thematischen Schau mit der Handschrift des neuen Leiters des hannoverschen Kunstvereins, René Zechlin. Dieser sagte gestern: „Vielleicht wird die Ausstellung in ihrem Gesamtkontext ein bisschen pessimistisch und wehmütig erscheinen, aber sie ist passend zur derzeitigen Krisenzeit.“

Will man Dialog in seiner existenziellen Dimension fassen, lohnt es sich, bei einem etwas aus der Mode geratenen Religionsphilosophen nachzulesen: Martin Buber. Dieser fasste Dialog als etwas Utopisches auf, an das man den Glauben nicht verlieren sollte. Der jüdische Denker sagte das auch mit Blick auf die jüdisch-arabische Eskalation. „Zum bloßen ‚Neben' führt kein Pfad zurück. Aber zum ‚Mit' kann, so groß sich auch die Hindernisse aufgetürmt haben, immer noch vorgedrungen werden.“ Konzipiert hat Zechlin „Oppositions & Dialogues“ schon in seiner Zeit an der irischen Lewis Glucksman Gallery, mit er sie jetzt koproduziert hat. Der irische Dauerkonflikt schwingt unterschwellig mit.

Von Künstlern sind keine direkten politischen oder kommunikationstheoretischen Statements zu erwarten. Ihr Sprechen ist mit einem Ausdruck Adornos eher das von „Feen im Märchen“: eine Art verrätselte Klarheit. Die Bilder, derer sich der 1968 in Tansania geborene und an der Düsseldorfer Kunstakademie ausgebildete Künstler Jens Ullrich bedient, hatten einmal eine relativ klare Aussage. Es sind Demonstrationsbilder aus Zeitungen, doch Ullrich hat die Botschaften der Banner und Transparente gelöscht und durch absurde abstrakte Ornamente ersetzt. Nun rätselt man, was jene Mütterchen vor postkommunistischer Kulisse bedrückt, um was die Herren mit Trillerpfeifen kämpfen und wogegen die zahnlose Marktfrau wettert; womöglich gegen abstrakte Plakatkunst? Der Protest an sich wird sichtbar, gerade weil der Kontext fehlt.

Für Heiterkeit sorgt der in Irland lebende Künstler Mark Clare mit seiner Installation „Ping Pong Diplomacy“: ein präparierter Tischtennistisch mit einer roh gezimmerten, die Bälle gnadenlos abfälschenden Holztäfelung als Platte. Die Besucher sind eingeladen, im Kunstverein Tischtennis zu spielen. Sogar eine Künstlergruppe, deren Identität unbekannt ist, findet sich in der Ausstellung. Sie kommt aus Frankreich und hat sich nach einer bekannten Papiersorte benannt, Claire Fontaine. Die Gruppe arbeitet häufig mit arabischen Zeichen. In Hannover zeigt sie Buchcover von religiösen und apokalyptischen Schriften, die aus dem Arabischen ins Französische übersetzt wurden. Die Cover umschließen allerdings keine Buchseiten, sondern Pflastersteine. Fürchtet die Gruppe Protest, oder weshalb verbirgt sie ihre Identität?

Den Abschluss bildet eine Dokumentation des Polen Artur Zmijewski, Teilnehmer der vergangenen documenta 12. Er hat in seiner Heimat eingefleischte Nationalisten und Anhänger von politisch links stehenden Gruppen zu einem Workshop gebeten. Die beiden Gruppen sollten rein über Symbole kommunizieren. Sie beginnen, ihre Zeichen aufzumalen, dann die Symbole der Gegenpartei durchzustreichen, schließlich läuft das Psychoexperiment aus dem Ruder. Es entsteht tatsächlich Ärger. Die Gruppen verbrennen die Plakate der gegnerischen Partei. Es lohnt, sich Zeit für die erschütternde Arbeit zu nehmen.

Viele sogenannte „Gruppenausstellungen“ setzen sich im Grunde aus monologischen Werken zusammen. In „Oppositions & Dialoges“ aber verstärken sich die thematisch eng verwandten, jedoch abwechslungsreichen Arbeiten in ihrer Wirkung. Das Schönste an der Ausstellung aber ist: Endlich einmal werden heimische Künstler ernst genommen und nicht ins Getto der „Herbstausstellungen“ abgeschoben. Rolf Bier ist mit seiner in New York entstandenen strukturellen Arbeit „Yes – No – But“ zu sehen, die grundlegende Mittel menschlicher Kommunikation reflektiert. Interessanterweise fand sich für das abwägende Wörtchen „aber“ in manchen Sprachen keine adäquate Übersetzung.

Und das junge hannoversche Künstlerpaar Lotte Lindner und Till Steinbrenner, das gerade einen Stipendiumsaufenthalt in New York absolviert, macht mit einer klaustrophobischen Installation Kommunikation unausweichlich. Es ist ein enger Raumschlauch, in dem man bei Gegenverkehr nur stehen bleiben oder zurückweichen kann. Die New Yorker seien gnadenlose „Stehenbleiber“, verrät Steinbrenner. Welcher Typ in Hannover vorherrscht, werden die kommenden Wochen zeigen. Leider fehlte dem Kunstverein das Geld, einen Katalog für die wunderbare Ausstellung zu produzieren.

Kunstverein Hannover, bis 9. August.

Kämpferisch: Jens Ullrichs Bildmontage aus der Serie „Willkommende Gemeinschaft“ (2006–2007). Musikalisch: Still aus Francis Alÿs’ in Venedig gedrehtem Video „Duett“ (1999).