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10:02 25.10.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Kraftkünstler mit Kraftreiniger: Imi Knoebel und Imi-Schachteln in der Installation „VEB Kontor“, sein „Keilrahmen“ (1968, unten links) und ein Blech aus „Eigentum Himmelreich“.
Kraftkünstler mit Kraftreiniger: Imi Knoebel und Imi-Schachteln in der Installation „VEB Kontor“, sein „Keilrahmen“ (1968, unten links) und ein Blech aus „Eigentum Himmelreich“. Quelle: Stratenschulte
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Hannover

Alles so schön bunt jetzt – im Kunstmuseum Wolfsburg. Dessen riesige, lichtdurchflutete Halle wird diesmal nur von drei diagonalen Wänden unterteilt, zwischen denen die Exponate große Flächen füllen oder viele Kubikmeter Raum umgreifen. Außer Farbe und Leinwand kommen grobe Hölzer und gold lackierte Rohre, rostige Bleche, alte Leitern und neue Waschmittelpakete zum Einsatz. Kaum zu glauben, könnte man denken, dass die sinnlich-konkrete Vielfalt dieses üppigen Spektakels nur einen einzigen Urheber hat – und noch dazu einen, der als einer der wichtigsten Künstler der Abstraktion gilt: Imi Knoebel. Der Mann, dessen Arbeiten jetzt in Wolfsburg zu sehen sind, führt vor Augen, dass abstrakte Kunst keineswegs auf greifbare Gegenständlichkeit verzichten muss.

„Imi Knoebel. Werke 1966–2014“ lautet der Titel dieser Schau fast buchhalterisch bescheiden. Dabei ist sie in mehrerer Hinsicht eine Premiere: Dies ist die erste Ausstellung in der Geschichte des Hauses, die in der Realisierungsphase überraschend erneut erarbeitet werden musste. Denn initiiert hatte die Schau noch der im Frühjahr verstorbene Museumsdirektor Markus Brüderlin. Und zum ersten Mal tritt in Wolfsburg auch der Künstler als Ausstellungsmacher hervor.

Entstanden ist so weit mehr als eine der zahlreichen Retrospektiven. Die hat Knoebel, der derzeit auf Platz 21 unter den 100 weltweit gefragtesten Künstlern steht, in den vergangenen Jahren in Europa, den USA und Lateinamerika vielfach erlebt. Doch für Wolfsburg hat der 75-Jährige eine eigene Auswahl aus dem Fundus seiner Werke arrangiert und dabei nicht nur aus der Kombination Neues geschaffen. „Imi begreift die Halle als ein einziges, stimmiges, neues Bild“, sagt Henning Schaper, Geschäftsführer und Interimsdirektor des Museums.

Neu ist in diesem begehbaren Bild das Werk „Raum 19 III“, die dritte Version einer riesigen Rauminstallation aus ursprünglich 836 Teilen, die zugleich Atelier, Depot und Ausstellung des Künstlers ist – und die aus lauter Bildrahmen, Keilen, Würfeln und Quadern, Zylindern und Säulenhalbrunden besteht. Knoebel hat sie eigens für Wolfsburg aufgebaut – die beiden Vorgängerinstallationen stehen in Kunsthäusern in Darmstadt und in New York.
Neu ist auch die gemeinsame Ausstellung von Knoebels asymmetrischen Arbeiten der Serie „Schwule Bilder“ aus den siebziger Jahren mit neuen, in Format und Farbe ähnlichen Acrylarbeiten auf Aluminium. „Das ist noch nie dagewesen“, sagt die Kuratorin Marie-Amélie zu Salm-Salm, dreht sich auf der Empore des Museums um die eigene Achse und weist auf die jahrzehnteübergreifende Präsentation oben am Fries der Ausstellungshalle hin. „Und niemals zuvor konnte man den ,Raum 19’ wie hier von oben in Augenschein nehmen.“ Neu ist überdies die Kombination all dieser Werke mit Knoebels Installationsserie „Eigentum Himmelreich“, in der er Fundstücke wie Blech, Holz oder Rohre neu variiert und kombiniert, und seinen frühen, vor fast einem halben Jahrhundert entstandenen Arbeiten.

Die sind auf ganz eigene Weise spannend. Denn sie zeugen davon, dass sich Imi Knoebel als junger Künstler ganz der Avantgarde zuwendet. Radikal steigert er deren Askese, die Reduktion sinnlicher Konkretion: Als 28-Jähriger erklärt er den leeren, unbespannten Keilrahmen zum Kunstwerk – Titel „Keilrahmen“ (1968). Er malt statt auf Leinwand gleich auf die Wand. Er hält statt des Bildes nur noch die Bildmaße auf der Wand fest. Lässt sich Abstraktion weiter steigern? Statt wie Jörg Immendorf, sein Mitstudent bei Joseph Beuys an der Kunstakademie Düsseldorf,  „Hört auf zu malen“ auf blutroten Hintergrund zu malen und lautstark dem Agitprop zu huldigen, orientiert sich Imi Knoebel, leiser und strenger gegen sich selbst, am russischen Avantgardisten Kasimir Malewitsch (1879-1935) und dessen programmatischem Streben, die Kunst „vom Gewicht der Dinge zu befreien“.

Es ist ein Glück, dass Knoebel, der eigentlich Klaus Wolf mit Vornamen heißt, sich aber wie sein schon 1974 mit nur 32 Jahren verstorbener Künstlerfreund Rainer Giese den Vornamen Imi gab, so früh und konsequent den Weg der Abstraktion bis an sein gänzlich gegenstandsloses Ende gegangen ist.

Denn sonst könnte man seine Umkehr zu Linie und Form, Fläche und Farbe jetzt nicht im Kunstmuseum Wolfsburg bewundern. Etwa die hübsche Entgegnung auf Barnett Newmans Bild „Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau“ (1966), für das Knoebel wie Newman diese drei Farben und den Titel „Ich nicht“ wählt. Oder auch die irgendwo zwischen Eitelkeit und Selbstironie anzusiedelnde Installation „VEB Kontor“ (1990-1998), die aus diversen Stellwänden und Kisten, 32 Kehrwalzen und 7000 Packungen „Imi-Starkreiniger“ zusammengesetzt ist – eigens bestellt beim einst „volkseigenen“ Waschmittelwerk Genthin.

Statt für starke Chemikalien steht das Kürzel Imi indes für die Stärke der Freundschaft von Knoebel und Giese – nämlich für „Ich mit ihm“. Wer von solch rührender Selbstdeutung erfährt, mag in mancher Installation aus Fundstücken der Serie „Eigentum Himmelreich“, die Knoebel nach Gieses Tod begonnen hat, ein Requiem auf den toten Freund erblicken.

Imi Giese, im Blechhasen mit abgeknicktem Ohr verewigt? Eine solche Deutung läge indes ganz im Auge des Betrachters. Denn es zeichnet diesen Abstrakten aus, dass er sich – von der völligen Gegenstandslosigkeit bis zu den opulentesten Gegenständen seines Œuvres – aller alltagsbezogenen Symbolik enthält.

Wer sich damit abfindet, dass es hier keine figurative Welt, keine Verweise auf Sinnkonstrukte, Glücksversprechen oder Leidensvisionen gibt, kann sich zum Lohn dafür am Genuss der puren Form als solcher erfreuen. Worin dann doch ihr Sinn läge.

„Imi Knoebel. Werke 1966–2014“.  Bis 15. Februar 2015 im Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1, Wolfsburg.

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