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Kultur „Der Eventkult verzerrt die Kunstrezeption“
Mehr Welt Kultur „Der Eventkult verzerrt die Kunstrezeption“
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19:01 10.07.2013
Von Daniel Alexander Schacht
Kunstmäzen Harald Falckenberg in seinem Metier. Quelle: dpa (Archiv)
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Hannover

Sie sind erfolgreicher Geschäftsmann. Das wäre vielen Bedeutsamkeit genug. Was bedeutet Ihnen das Sammeln von Kunst?

Erfolge kommen und gehen, da bin ich eher vorsichtig, aber klar ist, dass man im Beruf Routine entwickeln muss. Niemand geht zu einem Zahnarzt, Rechtsanwalt oder kooperiert mit Unternehmern, die ihren Job nicht beherrschen. Kunst ist da anders. Sie entzieht sich der Routine und dem Nützlichkeitsdenken. Man muss einfach nicht alles mitmachen, sondern auch mal innehalten, ausbrechen und nachdenken. Da hat mir die Kunst geholfen. Ziemlich spät, gewissermaßen als eine Art positiver Midlife-Crisis. Mit Kunst hatte ich mich schon früher beschäftigt. Mit 50 Jahren aber wollte ich meinem Leben eine neue Wendung geben - eben durch das Sammeln von Kunst.

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Auch als Geldanlage?

Bestimmt nicht als Anlage. Seit der Finanzkrise wird hinter Kunsterwerb reflexartig eine Flucht in die Sachwerte vermutet. Sammler stehen unter einer Art Generalverdacht der Spekulation. Aber mir geht es weder darum noch um Kunst als Luxusaccessoire zur Selbstaufwertung. Für mich ist Kunst Ausdruck geschichtlicher und sozialer Entwicklungen. Damit will ich mich auseinandersetzen. Wer nur Geld anlegen will, lässt die Kunstwerke oft in den Depots in Genf oder Basel verschwinden, ohne dass er sie jemals zu Gesicht bekommt.

Wie planmäßig agiert man als Sammler?

Die Pläne entwickeln sich mit dem Sammeln. Zum wirklichen Sammler wird man erst, wenn die Wände der Wohnung nicht mehr ausreichen, man aber trotzdem weitermacht. Neugier und Abenteuerlust sind das Wichtigste. Am besten startet man mit Werken, die nicht angesagt sind. Von berühmten Künstlern bekommt man oft nur noch teure Restposten. Ich habe zum Beispiel Arbeiten von Martin Kippenberger, Mike Kelley oder Richard Prince gekauft, als sie noch fast unbekannt waren. Heute sind sie Stars. Schöner Erfolg, mag man ironisch kommentieren. Die Kehrseite ist, dass die Werke dieser Künstler heute nur noch von ganz wenigen Reichen erworben werden können. Dazu gehöre ich nicht.

„Man sammelt in seiner Zeit“, haben Sie mal gesagt. Die Sammlung altert?

Klar, Sammeln ist - wie das ganze Leben - eine Veranstaltung auf Zeit. Entscheidend ist wohl, eine zeitlich und inhaltlich kohärente Sammlung zu entwickeln. Für mich ist die Groteske als Opposition zum ornamentalen Kunstverständnis vom Guten, Wahren, Schönen bestimmend. Mich reizt die traditionelle Repräsentationskunst, der 90 Prozent aller Kunstliebhaber anhängen, wenig. Kunst ist im Grunde eine Zumutung. Wie anders soll man Dada, Surrealismus oder Fluxus verstehen, um nur wenige Richtungen der Avantgarde zu erwähnen. Eine zentrale Kategorie der Avantgarde ist das Scheitern, das heroische Scheitern, Prototyp Don Quichote, das hoffnungslose Scheitern der kleinen Leute, nehmen wir Charlie Chaplin und Buster Keaton, das absurde, ja fatale Scheitern der Großen, der Dandys und Exzentriker, denen der Erfolg zu Kopf gestiegen ist, und die von der Medienöffentlichkeit und dann der Justiz gnadenlos zu Tode gehetzt werden. Musterbeispiel dieser Kategorie ist Oscar Wilde. Heute geht es - und da haben wir es, denke ich, auch mit einem Fall aus dem Niedersächsischen zu tun - mehr um Politiker und Unternehmer, die in Verblendung ihres Erfolgs den Boden unter den Füßen verloren haben.

Vor nicht allzu langer Zeit gab es zu den Themen der Ungereimtheit unserer Gesellschaft noch die Karikatur, die Satire und das Kabarett, begleitet von Menschen mit Schlips und Kragen, die wohlgesittet, feinsinnig und amüsiert Applaus spendeten, um dann nach Hause zu gehen. Heute ist es anders. Das Kabarett ist tot, und die Satire ist längst durch die Realsatire abgelöst worden. Man braucht die absurden Äußerungen und Kommentare der Großkopferten unserer Gesellschaft nur ins Netz zu stellen, und die Nation staunt und lacht. Über allem schwebt die Erkenntnis des Gesellschaftsstars Oscar Wilde, der nach seiner grausamen Abstrafung resümierte: Es ist schwer, dass man im Leben nicht erreicht, was man will, aber noch schwerer ist es, wenn man es dann doch erreicht.

Ihre Sammlung hätten Museen gern übernommen. Jetzt ist sie in den Deichtorhallen und den Phoenix-Hallen zugänglich. Warum nicht in einem Museum?

Wer eine große Privatsammlung hat, kann nur noch bedingt auf Museen setzen. Geld für Neubauten, in denen die Sammlung untergebracht wird - Klassiker sind Sprengel und Ludwig - ist heute nicht mehr da. Der Sammler muss damit rechnen, dass 95 Prozent seiner Werke im Depot landen. Ein Gräuel, zumal für eine Sammlung wie meine, die einen gesellschaftsbezogenen Charakter hat und für die Öffentlichkeit ein entscheidendes Kriterium ist.

Sind Museumskuratoren nicht Garanten für die Pflege solcher Sammlungen?

Das gilt für die historischen Bestände, die längst in den Kulturkanon eingegangen sind. Bei neuer Kunst ist das nicht sicher. Kein Sammler weiß, was schon der nächste Museumsdirektor von den Künstlern der Kollektion hält.

Eine Strategie vieler Museen ist es, auf große Namen oder spektakuläre, vielleicht sogar skandalträchtige Ereignisse zu setzen. Wird da die Sammlung als Stapelware gering geschätzt, gleichsam fast verschämt hinterm Tresen versteckt - und ins Schaufenster stellt man schrille Events?

Hinterm Tresen heißt ab ins Depot. Der Trend zur Eventkultur ist nicht mehr umzudrehen. Denken Sie nur an Großereignisse wie die documenta, die Biennale in Venedig oder die Art Basel. Aber auch sonst bekommen Events immer mehr Raum. Das ist insbesondere eine Folge politischer Vorgaben. Die Museen müssen sich durch hohe Besucherzahlen legitimieren, aber die lassen sich nicht durch die Sammlung erreichen. In die Hamburger Kunsthalle strömen um die 300 000 Menschen im Jahr, es wird jedoch geschätzt, dass nur noch 15 Prozent der Besucher in die Sammlung gehen. Die anderen gehen in die Wechselausstellungen. Tate Britain und Tate Modern hatten 2012 gut 6,8 Millionen Besucher. Selbst in einer solchen Metropole wie London ist das nur durch das Wechselausstellungsprogramm möglich. In der Tate werden zunehmend Kunstgüter aus dem Commonwealth mit der klaren Absicht gezeigt, zusätzliche Touristen aus diesen Ländern anzulocken. So verzerrt eine durch strukturelle Unterfinanzierung der Museen ausgelöste Eventkultur die Kunstrezeption. Die Entwicklung ist für Oldtimer und die letzten Vertreter des Bildungsbürgertums alarmierend. Um einigermaßen entgegenzuwirken und die Ausstellungskosten im Rahmen zu halten, kommt es zu vielfachen Kooperationen zwischen Sammlern, Galerien, Auktionshäusern und Museen.

… wie jetzt bei der Kooperation von Sprengel Museum und Tate Britain für die Schwitters-Ausstellung. Wie kann man denn das Interesse der Besucher an den Sammlungen fördern?

Ein etwas bösartiger Vorschlag wäre, dass die Besucher die Wechselausstellungen nur mit einem Gang durch die Sammlung erreichen. So wie bei modernen Flughäfen, wo den Fluggästen zugemutet wird, sich durch Ladenstraßen durchzuquälen, bevor sie an die Terminals kommen. Das kennen wir ansatzweise ja schon bei den Museumsshops.

Ist der Weg von Werken ins Internet ein Ausweg? Die Website Museum Digital wird inzwischen von 1376 Sammlungen und 257 Museen gespeist.

Ich hatte selbst damit einmal geliebäugelt. Es gibt Spezialisten, die im Internet virtuelle Museen bauen. Man kann seine Kunstwerke aufhängen, wie man will, und muss weder Diebstahl noch Beschädigungen beim Aufhängen fürchten. Aber eine wirkliche Alternative ist das nicht. Kunstwahrnehmung hat viel mit Haptik, Aura und dem Kontext zu tun. Computergenerierte Abbildungen haben einen eigenen Charakter.

Sie sammeln seit jetzt bald 20 Jahren. Haben Sie einen Tipp?

Kunst muss nicht teuer sein. Man kann schon für wenig Geld Werke junger - und was Zeichnungen, Fotografien, Drucke und Editionen angeht, auch älterer, etablierter - Künstler erwerben. Der Erwerb noch nicht bekannter Kunst ist eine Reise ins Ungewisse. Man muss nur den Mut haben, sich auf Neues einzulassen.

Harald Falckenberg

Harald Falckenberg hat in weniger als 20 Jahren eine grandiose Sammlung moderner Kunst zusammengestellt, die das Klima der Gegenwartskunst in Hamburg stark prägt. Der 69-jährige Jurist und Geschäftsführer eines Familienunternehmens im Bereich Tanktechnik kooperiert seit 2011 mit den Deichtorhallen in Hamburg. Teile seiner Sammlung und drei bis vier Wechselausstellungen im Jahr werden auf einer Fläche von 6000 Quadratmetern in den Phoenix-Hallen in Hamburg-Harburg gezeigt. Weitere Informationen unter www.sammlung-falckenberg.de.

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