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Kultur Kunstfestspiele setzen auf künstlerische Brückenschläge
Mehr Welt Kultur Kunstfestspiele setzen auf künstlerische Brückenschläge
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19:17 01.03.2012
Pianist Marino Formenti
Pianist Marino Formenti Quelle: Steiner
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Herrenhausen

Alte Gewissheiten schwinden, Neues zieht herauf; unsere Zeit ist geprägt von Krisen, Klimaveränderung und Wertewandel. „Wir vergessen immer wieder, wie zerbrechlich der Mensch und all das, was er konstruiert, sind“, sagt Elisabeth Schweeger. Folgerichtig hat die Intendantin der Kunstfestspiele Herrenhausen ein ebenso zeitloses wie zeitgemäßes Motto über ihr Festival gestellt: – „Fragiles Gleichgewicht“. Unter diesem Titel geben sich in der ersten Junihälfte rund zwei Dutzend Musikensembles, Tänzer und Poeten in Hannover ein Stelldichein. Eröffnet wird die dritte Auflage des 1,2 Millionen Euro teuren Festivals, das wie im Vorjahr rund 8000 Besucher anlocken soll, am 1. Juni mit einer Festrede von Bianca Jagger in der Orangerie. Die frühere Ehefrau von Rolling-Stones-Frontman Mick Jagger wurde als Menschenrechtsaktivistin mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Zahlreichen Projekten ist gemein, dass es in ihnen um künstlerische Grenzüberschreitungen geht – und um künstlerische Brückenschläge. So überwindet das Solistenensemble Kaleidoskop im Stück „Geometrie der Liebe“ (1. und 2. Juni) Grenzen gängiger Genres: Es inszeniert im Galeriegebäude eine „begehbare Theaterinstallation aus Musik und Sprache“, bei der jeder Zuschauer zwischen den Akteuren herumgehen und so sein eigenes Stück kreieren kann.

Einen Schwerpunkt widmet das Festival, das unter anderem von den VHV-Versicherungen, der Sparkasse Hannover und der Mediengruppe Madsack unterstützt wird, dem vor 100 Jahren geborenen John Cage. Dieser war als Komponist selbst Brückenbauer zwischen Musik, Tanz und bildender Kunst. Für seinen „Musicircus“ gab er nur vor, eine beliebige Anzahl Musiker einzuladen – und jeden seine eigene Musik spielen zu lassen. So entsteht ganz ohne Noten und Spielanweisungen jedes Mal eine andere Klangwelt. Dabei geht es um die Herausforderung, bei größtmöglicher Freiheit des Einzelnen doch ein gemeinsames Ganzes zu gestalten. „Das ist im Grunde der Kerngedanke der Kunst in unserer Zeit“, sagt Stefan Meier, der die Musikperformance mit 100 Musikern aus Hannover am 2. Juni inszeniert.

Der exquisite Schlagzeuger Martin Grubinger kombiniert  am 3. Juni beim Open-Air-Konzert im Gartentheater Klänge „Aus der neuen Welt“ – amerikanische Musik vom Blues bis zu Broadway-Melodien. Und beim Musiktheater „Stabat Songs Mater“ geht es am selben Tag in der Orangerie um zwei künstlerische Nonkonformisten: Wie John Cage verstieß auch Domenico Scarlatti in seiner Zeit gegen musikalische Konventionen. Das Vokalensemble Schola Heidelberg und das Ensemble Aisthesis Barock konfrontieren Stücke der beiden miteinander.

Scheinbare Gegensätze zueinander in Beziehung setzen – das will auch die Hannoversche Gesellschaft für Neue Musik (hgnm). Sie präsentiert am 6. Juni zeitgenössische Versionen der „Einsam, aber frei“-Sonate, die Schumann, Brahms und Albert Dietrich im Jahr 1853 für ihren Freund, den hannoverschen Konzertmeister Joseph Joachim, komponierten. Eine Kombination von Moderne und Mittelalter wagen die BBC Singers mit „Out of this world“, einem Klangprojekt um die Mystikerin Hildegard von Bingen (7. Juni). Und Pianist Marino Formenti präsentiert bei seinen „Liszt-Inspections“ ein „Feuerwerk der Fingerkunst“ (Schweeger) – passend zum ganz realen Feuerwerk, das am 9. Juni in Herrenhausen stattfindet.

Zu den Höhepunkten des Festivals dürfte das Gastspiel von Musicbanda Franui zählen. Die Truppe aus Osttirol begann ihre Karriere, indem sie mit Blasinstrumenten, Hackbrett und Zither bei Hochzeiten und Taufen aufspielte. Später wagten sie unorthodoxe Interpretationen romantischer Kunstlieder. Beim Musiktheaterstück „Schau lange in den dunklen Himmel“ wagt Musicbanda Franui am 10. Juni im Galeriegebäude schräge Blicke auf das Werk Robert Schumanns.

Auch Brückenschläge zur Filmkunst gibt es in Herrenhausen: Mit einem Stummfilm von 1928 zu Edgar Allen Poes düsterem „Fall des Hauses Usher“ und mit Debussys unvollendeter Oper zu demselben Werk setzt sich das Ensemble Basel Sinfonietta am 8. Juni auseinander. Heiterer verspricht hingegen das Filmkonzert des Collegium Novum Zürich am 10. Juni auszufallen: Bei „Dessau im Wunderland“ spielen die Musiker Musik von Paul Dessau zu Disney-Animationsfilmen.

Ein Heimspiel erwartet den Mädchenchor Hannover in Herrenhausen, der am 14. Juni die bewährte Produktion „Didos Geheimnis“ präsentiert – Henry Purcells Oper stand Pate bei der Komposition von Andreas N. Tarkmann. Kaum weniger spannungsvoll ist der Bogen zwischen dem renommierten Arditti String Quartett und dem amerikanischen Slam-Poeten Saul Williams, die am 16. Juni im Galeriegebäude gemeinsam auftreten. Oder das Konzert des Taipei Chinese Orchestra mit Evelyn Glennie. Die Musiker, die mit klassischen chinesischen Instrumenten spielen, haben sich für „Tiger and Dragon“ (am 17. Juni) mit der schottischen Schlagzeugerin zusammengetan, die einen ganz eigenen Zugang zur Musik hat: Glennie ist fast gehörlos, sie nimmt Klangschwingungen mit dem ganzen Körper auf. Und zeigt so, wie Musik im wahrsten Sinne des Wortes berühren kann.

Karten und alle weiteren Informationen unter Telefon (05 11) 16 84 99 94 und kunstfestspiele.de