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Kultur Kunstfestspiele in Herrenhausen haben begonnen
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00:15 03.06.2015
Von Jutta Rinas
Ein Stück von Danny Yung.
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Hannover

Der Beginn der Kunstfestspiele Herrenhausen ist den ästhetischen Rebellen Harry Partch und Danny Yung gewidmet.

Eröffnung Kunstfestspiele, Galerie Herrenhausen: Die Bühne in dem prächtigen barocken Saal quillt fast über vor rätselhaften Instrumenten. Gebirge aus Holz und Glas türmen sich da vor dem staunenden Publikum auf. In der Pause bleiben viele Zuhörer am Bühnenrand stehen - und lassen sich die eindrucksvollen Varianten von Harmonium, Marimba oder Zither von den Musikern erklären.

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Ein eigenwilliger Komponisten

Der amerikanische Komponist Harry Partch (1901-1974), exzentrischer Einzelgänger, Musikrevolutionär und Zeitgenosse des ungleich berühmteren Neuerers John Cage, hat die so eigenwilligen Saiten- und Schlaginstrumente erfunden. Nach seinem Tod verschwanden sie für Jahrzehnte in den USA im Museum. Erst 2012 baute der Schlagzeuger Thomas Meixner sie nach - und machte es so möglich, dass mit „And on the Seventh Day Petals Fell in Petaluma“ (mit Meixner und dem Ensemble Musikfabrik) jetzt ein Hauptwerk eines der eigenwilligsten Komponisten des 20. Jahrhunderts in Hannover zu erleben war.

Ein Tag später, Orangerie: Das Bühnenbild fällt an diesem zweiten Abend der Kunstfestspiele ungleich reduzierter aus. Ein Tisch, zwei Stühle. Auf diese „Grundelemente des Theaters“ hat der chinesische Künstler Danny Yung sein Stück „Flee by Night“ reduziert. Als Musiktheater ist es angekündigt. Aber gesungen wird fast nicht. Stattdessen erlebt das Publikum eine Art Körper-, Gesten-, Bewegungsdrama, ein eigenwilliges und faszinierendes Stück, das die Rituale einer der ältesten Traditionen Chinas, der Kun-Oper aus dem 14. Jahrhundert, dekonstruiert.

Ästhetische Revolutionäre

Gemeinsam ist den beiden Aufführungen, dass im Mittelpunkt ästhetische Revolutionäre stehen. Und zwar nicht irgendwelche - Kunst strebt ja eigentlich immer nach etwas Neuem, Ungesehenem, Ungehörtem -, sondern solche, die in der jeweiligen Zeit ihres Wirkens tatsächlich Bahnbrechendes geschaffen haben. „Pitch 43_Tuning the Cosmos“ beispielsweise lautet der Titel des Eröffnungsabends. Er spielt darauf an, dass Harry Partch - ähnlich wie die Klangpioniere Arnold Schönberg oder John Cage - ganz grundsätzlich auf die Krise des europäischen Tonsystems zu Beginn des 20. Jahrhunderts reagierte. Partch entwickelte ein neues, hochkomplexes, mikrotonales Tonsystem, um sich auszudrücken: Er teilte die Oktave nicht - wie von uns gewohnt - in Ganz- und Halbtonschritte, sondern in 43 Mikrointervalle und erfand eben jenes Instrumentarium dafür, das jetzt in Herrenhausen zu erleben war.

Danny Yung hingegen, 1943 in Shanghai geboren und seit den Siebzigerjahren in Hongkong lebend, gilt als eine der wichtigsten Figuren der politischen Theateravantgarde im ostasiatischen Raum. In einer Zeit, in der der Einfluss der populären westlichen Kultur in China immer mächtiger wird und Teile der eigenen Kultur des Landes darüber - wie Yung in einem Künstlergespräch in Herrenhausen erläuterte - völlig zu verschwinden drohen, greift er jahrhundertealte Traditionen wieder auf, interpretiert sie neu. Danny Yungs „Flee by Night“, ein zentrales Werk im Schaffen des Künstlers, war überdies zum ersten Mal in Europa zu erleben.

Auftakt war ein Paukenschlag

Dass es der scheidenden Intendantin Elisabeth Schweeger gleich zu Beginn der Kunstfestspiele gelungen ist, zwei so wichtige ästhetische Positionen nach Hannover zu holen, ist bemerkenswert. Dieser Auftakt war ein Paukenschlag. Einer zudem, der kaum gegensätzlicher, kontrastreicher, hätte ausfallen können. „Flee by Night“ erzählt ohne Worte einen der ältesten klassischen Erzähltexte Chinas, die Geschichte des Helden Lin Chong, neu. Lin Chong verliert durch Intrigen des Hofstaates Arbeit und Familie und flieht schließlich ins Exil.

Inwieweit Yung hier tatsächlich das Bewegungsrepertoire der Kun-Oper dekodiert, können westliche Zuschauer natürlich nicht beurteilen. Was sich allerdings mitteilt, sind die überzeitlichen Emotionen: Wut, Trauer, Angst, Verzweiflung - von zwei der wichtigsten Repräsentanten des Kunju-Theaters der Gegenwart, Ke Jun und Yang Yang, mit meisterhaftem Ausdrucks- und Mienenspiel dargestellt. Eindrucksvoll ist es auch, zu verfolgen, wie sich einzelne Bewegungsmuster durch die gesamte Inszenierung ziehen und dabei immer wieder verwandeln, eine bestimmte Neigung des Kopfes oder ein Zittern. Das ist minimalistisch gedacht und zugleich ungewöhnlich ausdrucksstark. Großer Applaus.

Die Grenzen des Tonalen

Harry Partchs Musik dagegen gewinnt ihre künstlerische Kraft nicht nur aus dem rhythmischen Sog, den sie entfaltet, sondern auch aus ihrer Sprödigkeit, Sperrigkeit. Mal klingt sie eigentümlich blechern, oszilliert (un-)harmonisch zwischen Mikrotönen hin und her - und erweitert so hörbar die Grenzen des Tonalen. Dann wieder erweckt sie fast bildliche Assoziationen: Das Rattern von Zügen verbindet sich mit US-amerikanischen Arbeiterliedern zu einer ganz eigentümlichen klanglichen Welt.

Faszinierend ist es auch zu hören, wie die Gegenwartskomponisten Caspar Johannes Walter und Carola Bauckholt in „Enharmonic“ und „Voices for Harry Partch“ den Klangkosmos des Amerikaners erweitern. Unter Zuhilfenahme eines traditionellen Kammermusikensembles leuchtet Walter das Innenleben der Harmonien von Harry Partch aus, schafft aufregende Klangskulpturen, die auf neuen, ungewöhnlichen Akkorden beruhen.

Carola Bauckholt dagegen entwickelt in ihrem in Herrenhausen uraufgeführten Stück die Tonräume der Instrumente von Harry Partch weiter, indem sie sie ebenso klug wie originell entschlackt und für ihre eigenen Klang- und Sprachräume öffnet. Aus dem melodiösen, kölschen Sprechgesang eines Kindes beispielsweise wird manchmal witzige, dann wieder melancholische Lautmalerei. Wunderschön.

Am Dienstag bei den Kunstfestspielen: Florian Hoelscher mit Marco Stroppas „Miniature Estrose“, 20 Uhr, Orangerie.

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