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Kultur „Kunst der Gegenwart“ zeigt Girardet
Mehr Welt Kultur „Kunst der Gegenwart“ zeigt Girardet
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06:15 02.07.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Mit dem hannoverschen Medienkünstler Christoph Girardet beschäftigt sich Band 67 der Reihe „Kunst der Gegenwart aus Niedersachsen“ Quelle: Ralf Decker
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Hannover

Auf der letzten Seite dieses an wundersamen Werken reichen Buches ist ein besonders wundersames Werk abgedruckt. Auf dem Bild sind 288 Fotos zu sehen, die jeweils zwei Hände zeigen. Die Hände tasten etwas. Es sind Hände von Blinden, die Blindenschrift lesen. Die Fotos selbst sind wie in Brailleschrift angeordnet. Würde man sie entziffern, hätte man den Titel des Bildes: „If I don’t see I am blind, I am blind. But if I see I am blind, I see.“ Die Vielzahl der Fotos erzeugt Interferenzen, es entsteht ein flimmerndes Muster von Fingern, ein erstaunlich lebhaftes Bild von Blindheit. Der in Hannover lebende und arbeitende Medienkünstler Christoph Girardet (Jahrgang 1966) hat das Werk zusammen mit seinem Kollegen Matthias Müller geschaffen. Das Bild illustriert sehr schön die Arbeitsweise von Girardet: das Sammeln von Filmbildern, die verblüffende Reihung, die Präsentation von Populärkultur in anderen Zusammenhängen. Und: die daraus resultierende Verunsicherung.

Dieses Werk ist der Schlusspunkt, nein, das Ausrufezeichen am Ende eines frisch erschienenen Buches, das die Arbeit von Christoph Girardet präsentiert. Ulrich Krempel, der Direktor des Sprengel Museums, gehört mit Isabelle Schwarz zum Redaktionsteam des Buches; den luziden Text zur Kunst von Christoph Girardet hat Jens Hinrichsen, Redakteur der Kunstzeitschrift „Monopol“ und Autor für verschiedene Tageszeitungen, geschrieben. Michael Wolfson hat die Texte ins Englische übersetzt.

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Das Buch ist als Band 67 der Reihe „Kunst der Gegenwart aus Niedersachsen“ erschienen - eine verdienstvolle Reihe, die vor fast 40 Jahren vom damaligen HAZ-Feuilletonchef Rudolf Lange ins Leben gerufen wurde. Illustre Künstler wurden in der Reihe schon vorgestellt, neben anderen auch Carl Buchheister,Grethe Jürgens, Franz Radziwill, Felix Nußbaum, Christiane Möbus, Heinrich Riebesehl und Timm Ulrichs.

Die Monografien sind immer auch eine Verbeugung vor den Künstlern des Landes. Mit einem Band in dieser Reihe werden Künstler geehrt und gerühmt. Wem ein Band gewidmet ist, der gehört zu den wichtigen Künstlern des Landes. Viele Jahre hat sich der im vergangenen Jahr verstorbene Kunstkritiker Ludwig Zerull als Redakteur und auch als Autor für die Reihe engagiert. Von 1996 bis 2009 hat die Lottostiftung die Reihe „Kunst der Gegenwart aus Niedersachsen“ unterstützt. Dann wurde ein Großteil der Kulturförderaktivitäten der Lottostiftung von der Stiftung Niedersachsen übernommen - und die hat sich nach einer etwas längeren Orientierungsphase für die Weiterführung der Reihe entschieden. Das Girardet-Buch ist der erste Band der Reihe, den die Stiftung Niedersachsen herausgibt. Weitere Bücher sollen folgen. Der nächste Band soll sich der in Köln lebenden, aber in Celle geborenen (und in Braunschweig ausgebildeten) Künstlerin Silke Schatz widmen, danach ist ein Band über Frank Rosenthal geplant.

Die Kosten jedes Buches (im Fall Girardet waren das 30.000 Euro) trägt die Stiftung Niedersachsen, in der man sich auch Gedanken über eine bessere Vermarktung der Reihe macht. Geplant ist eine Internetseite, mit der die Künstler der Reihe auch im Netz präsentiert werden. Werbung für die Reihe macht auch das Sprengel Museum. Zwischen den großen Museen der Welt existiert ein reger Tauschverkehr von Katalogen und anderen Publikationen - und so wird das Buch über Christoph Girardet demnächst auch in den Kunstmuseen von London, Paris,Madrid und Rom zu finden sein.

Man kann es natürlich auch in Hannover erwerben. Der Preis ist moderat: Der großformatige Band mit vielen Farbbildern kostet nur 19,80 Euro.

28.06.2012
Marina Kormbaki 27.06.2012
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