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Kultur Gartenschau mit doppelten Böden
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11:35 05.07.2014
Kunst-Beet: Pablo Hirndorfs „Wildflower“.
Kunst-Beet: Pablo Hirndorfs „Wildflower“. Quelle: Smit
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Ricklingen

Die Baumgruppe wuchs über Nacht. Im Park des Edelhofes in Ricklingen fügt sich das schulterhohe, dicht gewachsene Tannenrund unauffällig in die Landschaftsarchitektur ein. Zumindest sehen die Bäume irgendwie aus wie Tannen. Und riechen auch irgendwie so. Das Irgendwie ist eines der großen Themen der jungen Künstlerin Michaela Hanemann, die hier auf Einladung der hannoverschen Kuratorin Dagmar Brand mit klappbaren Plastikweihnachtsbäumen Natur simuliert.
Hanemanns Auslotungen der Grenzen von Natürlichkeit sind bewusst vage Annäherungen. Der Tannenduft entpuppt sich als Aroma für Saunagänger. Hanemann täuscht nur so viel vor wie gerade notwendig. Noch perfider geht sie in Ricklingen bei ihrer Installation „Himmel auf Erden“ vor. Das Vergissmeinnicht-Feld verspricht künstliche Ewigkeit und führt sogar Bienen hinters Licht: Es ist mit Parfüm und Zuckerwasser besprüht, bietet also echte Nahrung. Eine oberflächliche Bedürfnisbefriedigung, die den Zweck der Fortpflanzung verloren hat. Die Blaue Blume erfüllt nur manche Sehnsüchte.

Zum dritten Mal zeigt Dagmar Brand im Park des Edelhofes künstlerische Interventionen zu einem Schwerpunktthema der Gartenregion Hannover. Mit „Grün macht fit“ fragt die Region ein Jahr lang nach den Zusammenhängen von Natur, Gesundheit und Genuss. „Zwischen Heilkraut und Wildkraut“ grenzt Brand das Feld für die Künstler ein. Dabei überrascht sie mit acht künstlerischen Positionen, die in der überschaubaren hannoverschen Szene noch nicht ausgereizt sind. Es sind zumeist subtile Auseinandersetzungen; die kleine Gartenschau hat doppelte Böden. Obwohl nicht alle Positionen zu Ende gedacht sind, ist der Spaziergang vor allem dort fruchtbar, wo es darum geht, sich einzulassen, Glauben und Zweifel abzuwägen. Diese Faktoren prägen seit jeher die Diskussionen um natürliche Heilverfahren, die mit einem ausschließlich rationalen Blick kaum zu fassen sind.

Um Potenziale und Berührungsängste geht es auch bei der Installation, die Antonia Jacobsen mit bloßen Händen in ein mannshohes Brennnesselfeld gerodet hat: ein schmaler Weg, der unser lebenslang gespaltenes Verhältnis zu den Kräften der Natur effektiv illustriert. An seinem Ende findet derjenige einen idyllischen Rückzugsort, der seine Kindheitsängste überwindet. Inmitten von Heilpflanzen, die von vielen als lästiges Unkraut wahrgenommen werden. Auch Marion Gülzows „Knopfblütler“ spielen mit Polaritäten – Kunstblümchen von nostalgischer Schönheit. Sie lägen freilich schwer im Magen und spiegeln so wiederum die Natur, in der Schönes oft gefährlich sein kann und Nützliches oft unscheinbar. Zwölf Heilkräuter wachsen angeblich auf der Parkfläche, die beim Betreten meist schlicht als Wiese wahrgenommen wird. Auf den zweiten Blick ist sie voll von Geschichten, möglichen Experimenten und Erfahrungen.

Spielerisch neugierig nähert sich Edin Bajric diesem Ort. Sein durch Folienabdeckungen entstandenes Löwenzahnornament ist ein ergebnisoffener Prozess: Welche Pflanzen werden ohne Licht absterben, welche sich behaupten? Wie lange braucht die Natur, um die Narbe zu heilen? Rolf Sextros Zelt mit „Scharlatanerie Waren“ fasst und hält die „Kunst-Beete“ schließlich gut zusammen. Er zeigt eine Wunderkammer, ein Sammelsurium behaupteter Heilkräfte von der Salmiakpastille bis hin zum selbst gesammelten, halluzinogenen Mutterkorn. In der Heilkunst hängt eben vieles von den Perspektiven ab. Sextro lässt sich einen Monat lang auf Gespräche mit seinen Gästen ein. Ein wenig erinnert das an die selbst gezimmerte Bude von Lucy in Charles M. Schulz‘ Peanuts-Comics: Der Doktor ist anwesend. Und er ist Künstler.

Thomas Kaestle

Zwischen Heilkraut und Wildkraut

Eröffnung: Sonnabend um 18 Uhr. Bis zum 1. August donnerstags bis sonnabends jeweils 16 bis 19 Uhr, sonntags 12 bis 17 Uhr. Führungen sonntags um 12 Uhr.

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