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17:31 11.06.2015
Die Zelle von Julius Klingebiel. Der Raum ist seit 2012 denkmalgeschützt. Quelle: dpa
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Göttingen

Als er 1939 in eine Nervenklinik eingewiesen wurde, stuften die Ärzte Julius Klingebiel als geistesgestört und gemeingefährlich ein. Der Schlosser aus Hannover hatte seine Frau und seinen Stiefsohn bedroht. Die Mediziner diagnostizierten eine paranoide Schizophrenie - in der NS-Zeit war dies so etwas wie ein Todesurteil. Der 35-Jährige wurde zwangssterilisiert und entkam nur knapp den Tötungsprogrammen der Nazis - möglicherweise wurde er geschützt oder einfach nur vergessen.

Klingebiel überlebte im "Verwahrungshaus" in Göttingen und verwandelte seine Zelle dort in ein faszinierendes Gesamtkunstwerk. Die Wände bemalte er zwischen 1951 und 1963 mit unzähligen Tieren, Figuren, Landschaften und Ornamenten. Im vergangenen November durfte erstmals ein Kamerateam in der Originalzelle 117 drehen. In dem Haus sind heute noch psychisch kranke Straftäter untergebracht. Das Doku-Drama mit dem Titel "Ausbruch in die Kunst" ist am Sonntag (11.30 Uhr) im NDR Fernsehen zu sehen.

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Der ehemalige Direktor der Psychiatrie in Wunstorf, Andreas Spengler, kommt in dem 45-minütigen Film zu Wort. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, den 1965 gestorbenen Klingebiel als Vertreter der sogenannten Outsider Art (Außenseiter-Kunst) zu würdigen und sein einzigartiges Werk zu erhalten. Im Film führt Spengler den Direktor des Sprengel Museums Hannover, Reinhard Spieler, in die bemalte Zelle mit dem vergitterten Fenster. "Es ist total faszinierend, ein eigener Kosmos", sagt der Museumschef und schaut sich staunend um.

Voraussichtlich Ende dieses Jahres werden die letzten Maßregelvollzugspatienten das Göttinger Gebäude verlassen. Was danach mit der seit 2012 denkmalgeschützten Zelle passiert, ist noch unklar. Es gibt Stimmen dafür, sie im renommierten Sprengel Museum aufzubauen. Dagegen hat die Stadt Göttingen bereits vorsorglich Einspruch bei Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil eingelegt. Eigentümer des Raumkunstwerks ist das Land Niedersachsen.

Klingebiel sei nicht nur Opfer der Nationalsozialisten geworden, sondern auch der Regierungen danach, betont die Autorin des NDR-Films, Antje Schmidt. Er sei ohne richterlichen Beschluss eingesperrt worden, und auch nach dem Ende der Nazi-Diktatur habe niemand seine Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie infrage gestellt.

Anfangs soll der Insasse von Zelle 117 seine Farben aus Kohle-Resten, Zahnpasta, Holz und Steinen gemischt haben. Später unterstützten Ärzte und Pfleger den Künstler. Unter Aufsicht durfte er sogar mit einer Rasierklinge feine Linien an den Wänden ziehen. Die Malerei brachte dem psychisch Kranken Anerkennung. Professoren besuchten ihn und ließen sich von ihm sein Werk erläutern.

Mit Hilfe der Malerei habe Julius Klingebiel die Gefängnismauern überschritten, sagt die Filmemacherin Antje Schmidt. "Die innere Not kann einem Menschen offensichtlich Kraft geben, Denkstrukturen und Konventionen zu überwinden." Daraus könne große Kunst entstehen.

dpa

Fernsehtipp

Das Doku-Drama "Ausbruch in die Kunst. Die Zelle des Julius Klingebiel" ist am Sonntag um 11.30 Uhr auf NDR zu sehen. 

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