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Kultur Julia Schochs Roman „Mit der Geschwindigkeit des Sommers“
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23:03 09.06.2009
Uniformiertes Leben: Julia Schoch schildert den DDR-Alltag in einer von der NVA geprägten Kleinstadt. Quelle: Archiv

Es sind graue Betonrechtecke, die durch einen kleinen Spalt voller Unkraut voneinander getrennt liegen. Daher der Rhythmus. Unzählige Soldaten sind in den achtziger Jahren darüber hinweggefahren oder -gegangen. Es war der immer gleiche Weg, auf dem sie vom Bahnhof aus durch die Innenstadt zur Kaserne draußen vor die Stadttore zogen. Bam-Bam, Bam-Bam.

Die Stadt zu den Platten heißt Eggesin, ein kleiner Ort am Rande Polens, südlich des Stettiner Haffs gelegen. Seit der Nachkriegszeit wurde hier einer der größten Armeestützpunkte der DDR aufgebaut, dem das Dorf überhaupt erst den Stadtstatus verdankt. Die Bewohnerzahl von etwa 3000 Menschen verdreifachte sich bis Ende der achtziger Jahre, dann begann der Abbau der Kasernen. Der ehemalige größte Garnisonsort der DDR ist mittlerweile nur noch eine betuliche Kleinstadt mit Kopfsteinpflaster und Heimatmuseum. Innerhalb von 15 Jahren hat sich die Einwohnerzahl wieder halbiert, viele sind weggezogen. Ich war einer von ihnen.

Mein Vater kam nach Eggesin, um dort für die NVA zu arbeiten. Meine Mutter folgte ihm, und wir Kinder fanden uns bald auf der Ernst-Thälmann-Schule wieder und lernten fleißig die Gebote auf dem Ausweis der Jungpioniere auswendig. Es war eine eigenartige Zeit, in der junge Soldaten immer wieder unsere älteren Mitschülerinnen ansprachen, in der wir Kinder Verstecken in Kellern mit dicken Bunkertüren spielten und im Winter von sogenannten Panzerbergen rodelten.

Wie eigenartig vermittelt der Roman „Mit der Geschwindigkeit des Sommers“ der Autorin Julia Schoch, in dem sie diesem ortsspezifischen Gefühl Ende der achtziger Jahre nachspürt — auch wenn sie darauf verzichtet, den Ort der Handlung überhaupt zu benennen.

Schoch zeichnet detailliert ganze Straßen nach, beschreibt die spielerischen Beziehungen zwischen jungen Frauen und Soldaten genauso präzise wie die Melancholie der älteren Frauen, die ihren Armee-Männern mitten in die vorpommersche Pampa folgten und nun ihren Alltag in uniformen Plattenbausiedlungen verbringen mussten. Der Roman liest sich vordergründig wie eine tragische Liebesgeschichte, offenbart aber vielmehr den DDR-Alltag in der Provinz.

Julia Schoch lässt eine Erzählerin über das Schicksal ihrer Schwester berichten, die konsequent namenlos bleibt. Die Schwester hat sich das Leben genommen, und die Erzählerin begibt sich auf die Suche nach einem Motiv. Aufgewachsen sind die Geschwister in eben der trostlosen Oststadt. Doch während die Erzählerin nach der Wende schnell hinaus in die Welt zog, blieb die Schwester dort, heiratete, bekam zwei Kinder. Ihr einziger Lichtblick in einem durchkonstruierten Leben in der Postwendezeit wird ein ehemaliger Soldat, eben einer dieser Jugendsünden Ende der achtziger Jahre, den sie plötzlich wiedertrifft. Sie beginnen eine Affäre, die die Schwester doch schnell wieder beenden möchte.

Die verhängnisvolle Liebesgeschichte, von der Schoch erzählt, liest sich wie eine Ausbruchsgeschichte. Nach dem Ende der DDR scheint die Wiederbegegnung mit dem Soldaten wie eine zweite Befreiung aus einem vorbestimmten Leben zu sein. Doch die Protagonistin ist dem Ausbruch nicht gewachsen, sie flüchtet in den Tod.

Die Potsdamer Autorin kleidet diese gescheiterte Befreiung in eine unterkühlte, nüchterne, fast steife Erzählsprache, die sich der sperrigen, leidenschaftslosen Gegend anzupassen scheint. Schoch schreibt so knapp und trist wie sich die Militärlandschaft mitten im dünn besiedelten Mecklenburg-Vorpommern anfühlte. Es ist ein desillusionierter Blick in einen vergessenen Ort der Geschichte, der das Buch so lesenswert macht. Und vor allem dürften sich einige in diesem Blick wiederfinden. Mehrere Zehntausend Soldaten sind in Eggesin zur NVA gegangen. Unzählige Ehefrauen und Kinder folgten ihnen.

Schoch selbst, 1974 geboren, ist die Tochter eines dort ehemals stationierten NVA-Offiziers. Heute leben nur noch knapp 5000 Menschen in Eggesin. An den größten Militärstützpunkt der DDR erinnert nur noch ein Militärmuseum — und der Weg mit den Betonplatten.

Unser Autor hat von 1985 bis 1995 in Eggesin gelebt. Sein Vater war dort Offizier der NVA.





Julia Schoch:
 „Mit der 
Geschwindigkeit 
des Sommers“. 
Piper. 
149 Seiten, 
14,95 Euro.

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