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Kultur John Lennon - was ist von seinem Mythos geblieben?
Mehr Welt Kultur John Lennon - was ist von seinem Mythos geblieben?
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16:26 10.05.2019
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„Lennon lebt“ steht dort, wo die Beatles am Beginn ihrer Karriere 292 Konzerte spielten. Der Cavern Club in Liverpool musste schon vor vielen Jahren der U-Bahn weichen, aber die Skulptur des Künstlers Arthur Dooley an einer Hauswand schräg gegenüber erinnert weiter an den Konzertkeller. Sie ist eine Beatles- und John-Lennon-Sehenswürdigkeit – so wie der berühmteste Zebrastreifen der Welt in der Londoner Abbey Road und das noble Dakota Building in New York, von wo aus die Lennon-Witwe Yoko Ono noch heute auf den Central Park blickt. Am 8. Dezember jährt sich Lennons Todestag zum 30. Mal. Ungezählte sentimentale Lichter werden dann die berühmten Lennon-Orte erhellen. Es wird der Höhepunkt einer gigantischen Verkaufsveranstaltung sein.

Unsterbliche Popidole haben viele Facebook-Freunde: Michael Jackson hat knapp 25 Millionen, Kurt Cobain und seine Band Nirvana haben sechs Millionen und die Beatles elf Millionen. John Lennon allein kommt auf 1 194 240 Freunde. Der rüstige Paul McCartney hat nicht mal halb so viele. Diese „offiziellen“ Facebook-Auftritte werden meist von der Musikindustrie gepflegt, es gibt Musikvideos und Preisausschreiben – und irgendwann landet man immer im Onlineshop. Leichter als im sozialen Netzwerk kommt man an 1 194 240 potenzielle, vorwiegend junge Kunden nicht heran.

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Für den postmortalen Umsatz ist Lennon der perfekte Popstar. Bei ihm fallen Geburtstag, Todestag und Weihnachtsgeschäft immer zusammen. In dieser Saison, in der er 70 geworden wäre, ist der komplette Lennon-Katalog neu aufgelegt worden. Wieder mal klanglich restauriert. Seine acht Soloalben sind einzeln erhältlich oder komplett. Dazu gibt es zwei unterschiedliche Hitpakete und seine letzte, vor seinem Tod erschienene Platte „Double Fantasy“ mit neuem, nackten Sound: „Stripped down.“ Yoko Ono, so hat das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ ermittelt, hat in den vergangenen zwölf Monaten 17 Millionen Dollar mit dem Lennon-Erbe gemacht.

Lennons Werk ist seit seinem Tod viel Gewalt angetan worden. Nike warb mit seinen Liedern „Revolution“ und „Instant Karma“. Auch Citroën darf den Songschreiber zitieren: „Macht etwas Eigenes, beginnt etwas Neues, lebt euer Leben jetzt“, sagt Lennon in einem Spot für einen Kleinwagen. Lennon ging es seinerzeit – sichtlich genervt, weil immer wieder auf die Beatles angesprochen – um Kunst und Selbstfindung. Dem Konzern geht es um Kommerz, und er wirbt ausgerechnet mit einer Leitfigur der Linken. Yoko Ono gibt sich missionarisch: Sie will, so ihre immergleiche Rechtfertigung, Lennon im öffentlichen Bewusstsein halten und nachfolgenden Generationen empfehlen. Als würde man ein Musikgenie ohne Werbevertrag vergessen.

John Lennon Special Edition

Dem Stiftehersteller Montblanc hat sie erlaubt, eine „John Lennon Special Edition“ pünktlich zum Fest herauszugeben: Füller für 680 bis 20 000 Euro, bestückt mit kleinen Klunkern und Peace-Zeichen. Grotesk wird die Lennon-Fledderei, wenn die Plattenfirma EMI für die neue Hitsammlung „Power to the People“ ein Lennon-Foto fälscht. Auf dem Original hält er eine Zigarette in der rechten Hand, auf dem – nun offenbar nicht mehr jugendgefährdenden – Cover nicht. Nur seltsam leere Finger. Es kann nur einen Grund für die fehlende Kippe geben: Die EU hat rauchende Weltverbesserer verboten.

Nach 30 Jahren Weihnachtsgeschäft ist von Lennons Lebenswerk, so scheint es, nur noch eine liebe Laubsägearbeit übrig; früher haben die Leute mal Beatles-Alben verbrannt. Weil Lennon, der Provokateur, seine Band „more popular than Jesus“ fand.

Lennon war das Walross, bestand eine Zeit lang nur aus Haaren und Brille, verbrachte Tage im Bett, um gegen den Krieg in Vietnam zu protestieren, suchte eigentlich immer bloß inneren Frieden, hatte Ärger mit dem FBI wegen der Drogen und der Black Panther, und er erfand den Bono.

Lennon war kein Rebell von der Größe Martin Luther Kings. Denn der Bürgerrechtler formulierte unangenehme Dinge auch in Zeiten, in denen er bedrängt wurde. Er war auch kein tatkräftiger Ideologe wie Studentenführer Rudi Dutschke, der einer auf dem Marxismus beruhenden Utopie von einer besseren Welt nachjagte. Aber er war der Prototyp des prominenten Musikers, der sich für gewisse idealistische Ziele einsetzt. So wie später Bob Geldof mit Band Aid und Live Aid oder Chris Martin von Coldplay heute, der sich für fairen Welthandel stark macht. Wenn U2-Sänger Bono dem Papst seine Sonnenbrille schenkt oder mit dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan in Istanbul einen symbolischen, die Kontinente und Kulturen verbindenden Spaziergang über die Bosporus-Brücke von Europa nach Asien macht, dann auch deshalb, weil er seine Lennon-Lektion gelernt hat.

Nach den rebellischen Sixties mit Beatlemania und Flower Power waren die Menschen mutiger. Häuser wurden besetzt und die Grünen gegründet, gegen das Wettrüsten und die DDR protestiert, die Mauer fiel. Heute gibt es Wohngemeinschaften, unabhängige Jugendzentren, Hausmänner, Klimaschützer und Castor-Gegner in allen Gesellschaftsschichten. Mit „Imagine“ hat Lennon, der Friedensaktivist, allen Gleichgesinnten 1971 eine gut gemeinte Hymne geschrieben. „You may say I’m a dreamer, but I’m not the only one“. Imagine, es gäbe keine Religionen, keine Grenzen, keine Gier … Naiv klang das schon damals, und mit jedem Krieg mehr, aber spätestens am 11. September ist „Imagine“ zur Hymne aller Hoffnungslosen geworden. Lennons Utopie lässt die Wirklichkeit noch schlimmer erscheinen.

Die neue, spukhafte Version von Antony and the Johnsons ist nur noch ein Selbstgespräch. Antony singt „mir“ statt „uns“. Ein Kunstgriff: „No hell below me, above me only sky.“ Irgendwo bellt noch ein Hund. Sonst ist niemand mehr da. Lennons Vision hat kapituliert.

Wenn er noch irgendwo „lebt“, dann am John-Lennon-Gymnasium in Berlin-Mitte. In der Pausenhalle hängen im Kunstunterricht getuschte Bilder: Lennon in New York, John mit Yoko. Es gibt eine Lennon-Sozial-AG, die kürzlich bei einer Typisierungsaktion 98 mögliche Stammzellenspender fand. Der monatliche Rundbrief an die Eltern heißt „Yellow Submarine“. In Projekten gehen die Schüler der Frage nach, was ihre Handys mit dem Krieg im Kongo zu tun haben oder erarbeiten ein alternatives Kyoto-Protokoll.

„Vielleicht wäre er heute ein Klimakämpfer“, sagt Schulleiter Jochen Pfeifer. Der 56-Jährige, der aus Frankfurt am Main stammt, war 1992 schon Lehrer an der Schule, als Schüler, Eltern und das Kollegium über den neuen Namen abstimmten. Nach der Diktatur sehnte man sich im Ostteil der Stadt nach Demokratie. Die Schule nahm sich die Freiheit, einen modernen und umstrittenen Namen zu wählen. „Scheiß-Hippie-Schule“, schimpften sogar einige der eigenen Schüler. Heute gibt es doppelt so viele Bewerber wie Plätze.

„Mathematik hat auch bei uns nichts mit John Lennon zu tun“, erklärt Pfeifer. Die heutigen Schüler hätten andere Idole, er wundere sich, dass es immer noch welche gibt, die die Beatles hören, fügt er hinzu und, dass Lennon „ziemlich haltlos durchs Leben gestolpert“ sei. Aber sein Streben nach Frieden, seine Weltoffenheit und Experimentierfreudigkeit seien doch „universelle, positive Bildungsideale“.

Für einen mit Trillerpfeife und Technobeats ausgestatteten Demonstranten in Gorleben mag Lennon keine Bedeutung haben. Für einen Gymnasiasten in Berlin kann er durchaus ein Vorbild sein. Der Schulname ist „ein bisschen Denkmal“, so der Direktor, aber vor allem ein Versprechen an die Schüler. Die sollen laut Schulprogramm nicht nur die Hochschulreife erreichen, sondern auch ermutigt werden, ihren eigenen Weg zu gehen. So wie Lennon, der Selbstsucher.

Dessen Suche nach der eigenen menschlichen und künstlerischen Identität war mit Ungereimtheiten und Schmerzen, verkorkster Kindheit und kaltem Entzug verbunden. Das darf man nicht verschweigen. Das gehört ebenso zu Lennons komplexer Persönlichkeit wie seine raffinierten, sensiblen Melodien. Den No- where Man dagegen für ein Plattencover mit Photoshop in einen Nichtraucher zu verbiegen, ist wie ein nachträglicher Pistolenschuss.

Mathias Begalke

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