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Kultur Jetzt! feiert Comeback: Musik aus dem „Dorf am Ende der Welt“
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15:00 22.09.2019
Michael Girke, Sänger der Band Jetzt! Quelle: Frank Wierke/Jetzt!

Michael Girke ist zurück. Er hat einmal, vor mehr als 30 Jahren, eine neue Art von deutschsprachiger Popmusik mit entwickelt. Seine Band Jetzt! passte nicht in die zunächst rebellische, bald aber immer oberflächlichere NDW. Sie klang anders, dringlich, skeptisch, klischeefrei. Eine richtige LP nahm Girke damals nicht auf. Jetzt! wurden fast vergessen.

Wir sind dort verabredet, wo alles begann. Girke zeigt sein „krummes, schiefes Herford“. Früher nannte er die Stadt, in der er aufwuchs „Das Dorf am Ende der Welt“, heute findet er dort „Das, was man Heimat nennt“. Wir besichtigen die alte Brücke über den Fluss Aa, die er in „Kommst du mit in den Alltag?“ besang, einem Lied über die desillusionierende Phase des Erwachsenwerdens, in der man seine jugendliche Vorstellung von Liebe und Freiheit verliert. „Nieder mit den Umständen, es lebe die Zärtlichkeit!“

Die Brücke war der Treffpunkt einiger Außenseiter, die sich doppelt falsch vorkamen. Sie wollten weder in Büros oder Fabriken landen, so wie ihre Eltern, noch Teil ihrer eigenen Generation sein, die sie als unpolitisch empfanden. „Ich will Spaß, ich geb’ Gas“ war nicht ihr Ding. Sie wollten anders sein, und sie wollten raus aus der ostwestfälischen Enge. Aber wohin? „Du warst noch nie da, wo deine Träume spielen. Du weißt zwar nicht, wo das ist, doch du weißt, hier ist es nicht.“

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Soundtrack der Hamburger Schule

Über die Brücke fahren noch immer Züge. In der früheren Gaststätte an der Bergertorstraße 10, in der Girke 1985 mit Gleichgesinnten das Kassetten-Label Fast Weltweit gründete, befindet sich heute ein Versicherungsbüro. Im Bei George trafen sich allerlei Nachtschwärmer, britische Soldaten, Prostituierte – und die jungen Popmusikfans.

Zur Fast-Weltweit-Szene gehörten auch der Herforder Frank Spilker und Jochen Distelmeyer aus Bielefeld-Brake. Die beiden zogen bald nach Hamburg und prägten von dort aus mit ihren Bands Die Sterne und Blumfeld sowie Tocotronic, einer weiteren wichtigen Gruppe, den neuen Sound, den man Hamburger Schule nannte.

Girke war nicht nach Hamburg gegangen. Er studierte Literaturwissenschaften und Politologie in Berlin, wollte dort die „Fast-Weltweit-Filiale“ sein, hörte aber mehr und mehr Klassik. „Das, was man Popmusik nennt, die relative Vorhersehbarkeit der Harmonien, hat mich immer weniger befriedigt“, sagt er. Irgendwann kehrte er nach Herford zurück, wo er bis heute lebt und als Autor, Dozent und Kurator arbeitet. Vor zwei Jahren veröffentlichten die Schatzsucher der Hamburger Plattenfirma Tapete Records seine alten Songs auf dem Sampler „Jetzt! – Liebe in großen Städten (1984–1988)“. Schnell war die Platte ausverkauft. Von diesem Erfolg ermutigt nahm der heute 57-Jährige sein erstes reguläres Album auf: „Wie es war“.

Die lange Suche nach dem eigenen Weg

Girke trägt keine Fluchtgedanken mehr in sich, sondern singt über das Dableiben und Durchhalten – und über das schwierige Verhältnis zu seinem vor vielen Jahren gestorbenen Vater. „Ist Familie eine Wunde, die im Tiefsten nie heilt?“, fragt er in „Der Mann, den ich nicht fassen kann“. Nie wusste er, welche Version seines Vater nach Haus kam, oft war es jemand, „der trunken eine Welt zerstört“. Viele Söhne in seiner Generation haben Väter, die den Krieg als Kind noch miterlebt und ihre Dämonen weitergereicht haben. Ja, sagt Girke, die Wunde Familie heile nie. Als Kind eines Kriegskindes weiß er: „Die Arbeit daran, ein Verhältnis zu schaffen, das man balancieren, aushalten, mit dem man einigermaßen leben kann, hört nie auf.“

Ein Ergebnis dieses Prozesses, dieses ewigen Ringens mit den Umständen, scheint sein Album zu sein. Die Aufrichtigkeit, mit der die Suche nach einem eigenen Weg und nach einem Zuhause besingt, Scheitern inklusive, ist etwas ganz Besonderes. Letztendlich ist es die Liebe, die eine heilende Wirkung haben kann. „Und mir fehlt unsere Liebe, sie hat es besiegt, all das Düstere, das in mich kriecht.“

Die schönste Zeile dieser Sound-of-Herford-Platte ist eine wahre Erkenntnis: „Und wer im Dunkeln weint, merkt, er muss es selbst sein: das Licht.“

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Von Mathias Begalke/RND

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