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Kultur Jenseits der Extreme: Neues Buch von Politikwissenschaftler Herfried Münkler
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08:00 29.11.2010
Die kompakte Mitte bedrängt sich beim Landtagswahlkampf 2008 auf der linken Seite der Schautafel – derzeit gelingt es nur den Linken, ihr in größerem Umfang Stimmen abzujagen.
Die kompakte Mitte bedrängt sich beim Landtagswahlkampf 2008 auf der linken Seite der Schautafel – derzeit gelingt es nur den Linken, ihr in größerem Umfang Stimmen abzujagen. Quelle: Rainer Surrey
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Fast alle großen Parteien der Bundesrepublik stellen sich in die Mitte – aber nicht alle an dieselbe Stelle. Da gibt es die neue und die alte Mitte, die politische und die soziale Mitte, die linke und die rechte Mitte und, je nach Sicht, die wahre oder falsche. Der Meinungskampf zwischen den vier Parteien, die sich hier den Platz streitig machen, wird vom Publikum vulgo: den Wählern zuweilen als bloßer Krampf wahrgenommen. Was damit zu tun hat, dass hier Profile bei relativ kleinen Unterschieden modelliert werden müssen – was gelegentlich zu grotesken Übertreibungen von Differenzen führt.

Dass fast alle politischen Kräfte, die Unionsparteien, die SPD, die FDP und die Grünen, in dieses imaginäre politische Zentrum streben, liegt auch daran, dass die Deutschen Konflikte gar nicht besonders schätzen und es gern harmonisch haben. Warum das so ist, gehört zu den vielen Aspekten, denen sich der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler in seiner ideengeschichtlich fundierten Untersuchung „Mitte und Maß“ widmet.

Die hohe Wertschätzung der Mitte hat im Nachkriegsdeutschland einen einleuchtenden Grund: der Untergang der Weimarer Republik, die von linken und rechten Extremisten bedrängt wurde und in der sich keine stabile, republiktreue politische Mitte bilden konnte. Das hatte nicht nur politisch-soziale, sondern auch tiefe kulturelle Wurzeln. Schon früh, besonders explizit bei Nietzsche, stand die Mitte im Verdacht des Mittelmaßes. In den Zwanzigern führte Carl Schmitt, der eindrucksvollste Kopf der intellektuellen Rechten, den Kampf gegen die Mitte als Angriff auf den Liberalismus und warf dem Parlamentarismus eine Unfähigkeit zur Entscheidung vor.

Die Auseinandersetzung mit den Extremen erleichtert der Mitte ihre Selbstverortung, die immer sehr abhängig ist von den historischen Umständen. Das zu erläutern, durchstreift Münkler die Begriffsgeschichte der Mitte. Diesen „Kampf um die richtige Ordnung“ (so der Untertitel) beschreibt er an den Konzepten antiker Autoren von Solon bis Aristoteles und Cicero, er mustert auch Überlegungen zu den Verfassungen von Machiavelli, Kant und Hegel. Die Suche nach dem rechten Maß, nach einer Ordnung, die Vernunft und Frieden bewahrt, ist eine durchaus anspruchsvolle politische Aufgabe – nichts für mittelmäßige Politiker.

Münklers Blick richtet sich auch auf außenpolitische Aspekte des Themas. Während das alte China, das sich selbst als „Reich der Mitte“ sah, damit das Gefühl und die Erwartung von Stabilität verband, löste die Mittellage des Deutschen Reiches nach 1870 hysterische Phantasien über die Gefahr einer Einkreisung aus. Und damit war auch die Idee des Präventivkrieges, mit dem man dem Angriff der anderen zuvorkommen wollte, weit verbreitet. Deutschland war in dieser Rolle und geopolitischen Situation ein ständiger Unruheherd. Diese Rolle, diese unsichere Lage, hatte mit dem Kalten Krieg sein Ende gefunden.

Ein gegenläufiger Prozess garantierte die Stabilität der deutschen Nachkriegsdemokratie: Sie verlor außenpolitisch die Mitte und gewann sie im Innern. Es entstand das, was der Soziologe Helmut Schelsky in den 1950iger-Jahren „die nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ nannte. Es war der Entwicklung der Industriegesellschaft zu verdanken, dass das Gesellschaftsbild einer „Zwiebel“ ähnelte, weil sich die Einkommen einander annäherten. So war der Aufstieg der (Fach-)Arbeiterschaft möglich, die sich auch selbst zur Mittelschicht zählte, weil sie das Gefühl der Statussicherheit entwickelte. Insofern hatte dieses Mittelschichtenmodell auch, so Münkler, mit dem Sozialstaat zu tun.

Allerdings wurde die Mitte nicht nur sozial, sondern auch kulturell immer vielgestaltiger – weniger bürgerlich, aber liberaler. Neben traditionellen Werten (Ordnung, Fleiß) setzten sich mit der Entwicklung der Konsumgesellschaft auch hedonistische Werte durch, es bildeten sich damit auch unterschiedliche soziokulturelle Milieus aus.

Seit den 1980iger-Jahren, gerade auch in der Phase der Globalisierung, zeigte die soziale Mitte Spaltungstendenzen. Es gibt ganz oben und in der oberen Mitte Gewinner, in der unteren Mitte Verlierer der Wohlstandsentwicklung. Wobei hier besonders Erwartungsenttäuschungen eine sehr große Rolle spielen, weil im unteren Bereich die Statussicherheit schwer gelitten hat. Wer, wie die Neoliberalen, das als Sieg der Flexibilität interpretieren, übersieht, dass die Mitte selber ein ausgewogenes Verhältnis von Stabilität und Elastizität anstrebt und so gesellschaftliche Veränderungen erleichtert und abstützt. Wird die soziale Mitte geschwächt, sind die Parteien der politischen Mitte zunehmend Zerreißproben zwischen widersprüchlichen Erwartungen ihrer bisherigen Stammklientel ausgesetzt. Die Nachrichten zeigen es.

Herfried Münkler: „Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung.“ Rowohlt Berlin. 301 Seiten, 19,95 Euro.

Karl-Ludwig Baader