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Kultur Jan-Peter Bremer wird ausgezeichnet
Mehr Welt Kultur Jan-Peter Bremer wird ausgezeichnet
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20:27 11.09.2012
Früher mit Nicolas Born beim Abendessen, nun Born-Preisträger: Jan-Peter Bremer.
Früher mit Nicolas Born beim Abendessen, nun Born-Preisträger: Jan-Peter Bremer. Quelle: Reinhardt
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Berlin

„Wenn Heimat bedroht ist, klammert man sich daran“, sagt Jan-Peter Bremer. Der Autor, der am Mittwoch mit dem Nicolas-Born-Preis des Landes Niedersachsen ausgezeichnet wird, hat das am eigenen Leib erfahren. Der Boden in seiner Berliner Altbauwohnung senkte sich plötzlich ab, Risse bildeten sich in der Wand. Der neue Eigentümer des Hauses am Kreuzberger Mehringdamm, Nicolas Berggruen, wollte aus dem Häuserensemble ein Hotel machen, Bremer fürchtete um seine Wohnung. Schließlich durfte er bleiben, musste aber für die Zeit der Sanierung in eine Übergangswohnung ziehen.

Dort begann er, seinen Roman „Der amerikanische Investor“ (Berlin Verlag) zu schreiben, für den er mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wurde. Er beschreibt darin, wie ein Schriftsteller in eine existenzielle Krise stürzt, als seine marode Altbauwohnung zu zerbröckeln droht. Über seinen neuen Vermieter heißt es, er lebe nur im Flugzeug und esse gern Schokolade. Hier stand Berggruen Pate, der später den Kaufhauskonzern Karstadt übernahm. Den Roman, der die Folgen von Gentrifizierung an einem konkreten Schicksal festmacht, hat Bremer „seiner Straße“ gewidmet. Kritisch beobachtet er die Entwicklung seines Viertels: „Wenn man aus dem Haus tritt, hat man manchmal das Gefühl, sich in einen Demonstrationszug aus Touristen einzureihen.“

Im Friesenhemd und mit Piratenklunkern an der Hand begrüßt der Autor seine Gäste schon im Treppenhaus, Mischlingshündin Helga läuft ihm voraus. Bremer, Spross einer Künstlerfamilie, wurde 1965 in Berlin-Charlottenburg geboren und wuchs im niedersächsischen Lüchow-Dannenberg auf. Auf Fotos sieht er mit Schal, Ohrringen und schrillem Jackett manchmal aus wie ein Mitglied der Rolling Stones in jüngeren Jahren.

Der Verlust der trauten Umgebung kehrt als Thema in Bremers Werk wieder. In „Still Leben“ (2006) beschwört ein Briefschreiber so lange die Bergidylle, bis dem Leser klar wird, dass in der einsamen Hütte tatsächlich das nackte Grauen herrscht. Die Risse im Fundament der Existenz ziehen sich durch das Leben all seiner Gestalten. Es sind Einzelfiguren, deren Leben auf geheimnisvolle Weise bedroht wird. Wie in Kafkas Texten schleichen sich bei Bremer Irritationen in den Alltag ein, Absurditäten entwickeln eigene Gesetze. In „Einer, der einzog, das Leben zu ordnen“ (1991) stellt der Protagonist einen Diener zum Aufräumen ein. Der nistet sich ein wie die Gerichtsboten in Kafkas „Prozess“, verbannt den Hausbewohner in die Küche. Die Grundkonstellation von „Der Fürst spricht“ (1996) erinnert an Kafkas „Schloss“: An die Stelle des Landvermessers tritt ein Verwalter, der zu einem Schloss berufen wird. Selbst den untergründigen Humor teilt Bremer mit Kafka: Der Schriftsteller aus „Der amerikanische Investor“ sucht verzweifelt nach einem genialen Satz, der ihm entfallen ist. Als er sich an einen weniger originellen Satz erinnert, reagiert er so: „Hart fühlte er den Ruck, der ihm durch den Körper fuhr. Kerzengerade saß er jetzt am Tisch. Dann sank er erleichtert wieder in sich zusammen. Das war nicht der Satz, nach dem er suchte.“

Nachdem Bremer mit „Feuersalamander“ (2000) einen Roman über einen von Schreibhemmungen geplagten Schriftsteller vorlegte, holte ihn selbst die Krise ein. Sechs Jahre brauchte er für sein nächstes Buch. „Ich habe meinen Texten nicht mehr geglaubt, sehr an mir gezweifelt.“ An schweren Tagen hilft ihm Hündin Helga. „Man kann ihr alles vorlesen, und wenn ich mal keine Idee habe, macht sie mir keine Vorwürfe.“ Hunde kommen in fast allen Büchern Bremers vor, in dem Kinderbuch „Mit spitzen Ohren“ etwa belauscht ein Schriftsteller die Telefonate seiner Hündin.

Bremer schreibt oft in einem Atelier im Wedding. Während er mit dem Fahrrad dorthin fährt, ordnet er seine Gedanken. Manchmal geht er von einem einzelnen Satz aus, zu dem er dann die passende Figur sucht. In „Der Fürst spricht“ lautet der so: „Ein Schloss ist größer als ein Haus, ich kann mir nicht vorstellen, in einem Haus zu leben, ich brauche die Weite des Schlosses.“ Tatsächlich wuchs Bremer im Schloss Gümse auf, einem ehemaligen Raubrittergut in Lüchow-Danneberg. Sein Vater Uwe Bremer, ein Maler und Grafiker, hatte die Familie in die Künstlerkolonie geführt.

Auch der Schriftsteller Nicolas Born, nach dem der mit 15.000 Euro dotierte Literaturpreis benannt ist, kam oft zum Abendessen. Bremer erinnert sich an einen „wilden Typ“, der unheimlich viel essen konnte. Und auch an seine Bestürzung, als Born 1979 mit nur 41 Jahren starb. Aus dieser Zeit sind Bremer ausufernde Feste der noch jungen Eltern im Gedächtnis geblieben, spannende Streitgespräche der Intellektuellen, aber auch ländliche Einsamkeit. „Ich passte nicht richtig in diese Dorfbevölkerung hinein, meine Mitschüler hatten alle eher einen bäuerlichen Hintergrund.“

Mit 25 Jahren ging Bremer zurück in seine Geburtsstadt Berlin. Seitdem ist er einige Male umgezogen, einzelne Wohnungen waren ihm nie wichtig. Bis ein Investor namens Berggruen kam und Risse in der Wand auftauchten.

Die Nicolas-Born-Preise überreicht Kulturministerin Johanna Wanka morgen in Braunschweig. Der Debütpreis (10.000 Euro) geht an Jan Brandt für seinen Roman „Gegen die Welt“. Er handelt von einem Jungen, der in den achtziger Jahren in der niedersächsischen Provinz aufwächst.

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