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Kultur Jamie Cullum im Kuppelsaal Hannover
Mehr Welt Kultur Jamie Cullum im Kuppelsaal Hannover
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22:03 05.11.2010
Jamie Cullum spielt im hannoverschen Kuppelsaal.
Jamie Cullum spielt im hannoverschen Kuppelsaal. Quelle: Frank Wilde
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Was für eine Mischung! Jamie Cullum sieht aus wie eine Kreuzung aus Klaus Kinski und dem jungen Harry Potter, und genauso spielt er auch: magisch und manisch. Seit gut fünf Jahren elektrisiert der 31-jährige Brite seine Fans, die immer zahlreicher werden, obwohl der Pianist und Sänger doch eigentlich durch alle Raster fällt: Bekannt geworden ist Cullum vor kaum zehn Jahren als Jazzmusiker, heute klingt seine Musik immer mehr nach Pop. Normalerweise geht das nicht gut. Strenge Jazzfreunde geißeln dann das Abgleiten ins Kommerzielle, Popfans wittern hinter jedem Solo eine langatmige Improvisation. Jamie aber lieben alle. So füllte er nun bei seinem Hannover-Debüt mit Leichtigkeit den Kuppelsaal – und dürfte beim nächsten Mal in einen noch größeren Raum auftreten müssen, denn wer jetzt da war, wird dann wahrscheinlich wiederkommen.

Cullum löst das ein, was andere immer nur versprechen: Er verschmilzt alle möglichen Stile und schafft so ernsthaft einen eigenen. Dabei ist der Brite ein auffälliger Typ, dessen Äußeres und Verhalten sich durchaus zum Markenzeichen eignen: Der klein gewachsene Mann mit den dunklen Strubbelhaaren trägt stets einen dünnen Schlips zum schmal geschnittenen Jackett und legt beides im Laufe eines Konzertes ab, um im bunten T-Shirt über die Bühne zu toben und ab und an vom Flügel zu springen. Doch so kraftvoll Cullum auf der Bühne auch wirkt – seine Musik ist noch kräftiger. Ein Musiker wie David Garrett würde im Frack und ordentlich gescheitelt seine Faszination fast vollständig verlieren – Cullum ist in jeder Erscheinungsform eine Sensation.

Dabei beginnt der Abend in Hannover denkbar harmlos: Nach dem vom Publikum freundlich aufgenommenen Vorprogramm der glitzernden Soulsängerin Nabiha spielen Cullum und seine vierköpfige Band zunächst ein klassisches Jazzstück: Thema, Improvisation, noch eine Improvisation, dann noch eine, wieder das Thema, Schluss. Wer den Musiker nicht kennt, muss jetzt ins Grübeln kommen: Im Jazz-Club klingt das nicht viel anders – warum sind all die Leute hier? Dann legt die Band los. Der Saxofonist und der Trompeter vertauschen ihre Instrumente mit Gitarren und Congas, und Cullum stimmt die Stücke an, mit denen er auch in den Charts vertreten war: „I’m all over it“, „Next Year Baby“ und sein Rihanna-Cover „Don’t stop the Music“. Bass und Schlagzeug legen ein dichtes rhythmisches Geflecht unter die Melodien, Cullum selbst greift wie wahnsinnig in die Tasten und verdichtet alles zu einem regelrechten musikalischen Energiestrom. Das Trio des schwedischen Pianisten Esbjörn Svensson hat seine Stücke ähnlich verarbeitet. Cullum kann seine Musik aber noch weiter öffnen und so auch Massen bewegen. Er bringt das Publikum zum (dreistimmigen!) Gesang und schließlich, was bei einem Konzert im Kuppelsaal eher selten zu sehen ist, zum Tanzen. Am Ende mischen sich die Musiker dann unter das Publikum: Vom Rang aus spielen sie noch einmal reinen Jazz: Ellingtons „Caravan“. Vergleichbare Begeisterung hat dieses Stück vermutlich nur während der Swing-Ära erhalten. Das war vor 80 Jahren. Bei Cullum klingt es wie von heute.

Stefan Arndt