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Kultur Jack Whites neue Solo-CD
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19:55 20.04.2012
Von Marina Kormbaki
Jack White bleibt sich treu: Alle 13 Songs auf „Blunderbuss“ hat er analog eingespielt – alles andere wäre „nicht ehrlich“. XL Recordings
Jack White bleibt sich treu: Alle 13 Songs auf „Blunderbuss“ hat er analog eingespielt – alles andere wäre „nicht ehrlich“. Quelle: XL Recordings
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Der Mensch müht sich vergebens, das Wetter zu beherrschen, nur Jack White ist da schon weiter. Er habe ein Aufnahmegerät unter der Regenrinne seines Hauses anbringen lassen, erzählte er kürzlich einem Reporter; eines, das mit einem Lautsprecher in seinem Schlafzimmer verbunden ist, sodass er vor dem Einschlafen den Regen da draußen ein- und ausknipsen kann. Whites Regenrepertoire reicht von sanftem Prasseln bis hin zu reißendem Tosen, und dass der Regenmann von Nashville, Tennessee, bloß die Illusion von Schauer erzeugen kann, tut nichts zur Sache: Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Phantasie ist in Whites Welt fließend.

Drei Väter habe er, hat White mal behauptet: einen leiblichen, Gott und Bob Dylan. Und so wie Dylan hat auch White ein eher kreatives Verhältnis zu seiner eigenen Biografie. Jahrelang gaukelte er aller Welt vor, er und Meg White seien nicht bloß Kollegen im Bluesrockduo The White Stripes - sie seien auch Geschwister. Bis ein Blogger neben einer Heiratsurkunde auch Scheidungspapiere der beiden aufspürte. Von einer echten Täuschung konnte aber nicht die Rede sein. Illusion und Irritation waren fester Bestandteil des audiovisuellen Gesamtkunstwerks The White Stripes. Entsprechend vielseitig einsetzbar waren die Songs: Die 2003er-Single „Seven Nation Army“ eignet sich mit ihrer aufstampfenden Basslinie gleichermaßen gut für Fankurvenchöre, Abi-sowie Entlassungsfeiern und, seit 2011, als Protestsong der ägyptischen Jugend.

Die White Stripes sind längst Geschichte, aber Jack White war in den vergangenen Jahren nicht untätig. Er hat eine eigene, seinem analog-antiquierten Musikgeschmack verpflichtete Plattenfirma gegründet, Third Man Records. Er hat zwei sehr gute Garagenrock-Alben mit seinen Nebenbei-Bands The Raconteurs und The Dead Weather eingespielt. Er hat mit den Soulsängerinnen Alicia Keys und Norah Jones zusammengearbeitet, mit der Rockabilly-Ikone Wanda Jackson, seinem Komikerkumpel Conan O’Brien und vielen mehr. Nur allein hat er nichts gemacht. Warum bloß? „Ein Soloalbum wäre zu naheliegend gewesen“, sagte der 36-Jährige in einem Interview. Und Naheliegendes behage ihm nicht. Eigentlich. Als aber RZA, Rapper des Hip-Hop-Kollektivs Wu-Tang Clan, im Sommer vergangenen Jahres nicht zu einer vereinbarten Aufnahmesession in Whites Studio erschien, nutzte White die unverhofft freie Zeit und werkelte an eigenen Songs. Es war, so erzählt er es jedenfalls, der Anfang seines ersten Soloalbums „Blunderbuss“.

„Blunderbuss“ spiegelt alles wider, was White bisher gemacht hat, und bietet einiges mehr. Die Platte bündelt den keifenden Rumpelrock der White Stripes („Sixteen Saltines“), sie verbreitet die verruchte Düsternis der Dead-Weather-Songs mit Alison Mosshart („Freedom at 21“), sie führt auch in den Western Saloon der Raconteurs, wo das Klavier whiskeytrunken plinkert („Hip (Eponymous) Poor Boy“). Und dann ist da die bittere Ballade „Love Interruption“: ein Offenbarungseid, aufrichtig und schutzlos. Begleitet vom wärmenden Vibrato eines E-Pianos adressiert White einen Anforderungskatalog an die Liebe: Sanft soll sie ihn überkommen und mit einem Messer in ihm wüten, seine Finger warm umschließen und sie im Türrahmen einklemmen. Einer von vielen großen Momenten auf „Blunderbuss“, zu Deutsch „Donnerbüchse“: So wie einst jede noch so feine Schweißnaht auf den Gleisen bebengleiche Folgen im Inneren der ungedämmten Eisenbahnwagen hatte, so steckt auch Whites Platte voller aufrüttelnder, bewegender Musikalität - auch abseits der zurzeit viel befahrenen Bluesrockstrecke. Etwa im auf Geigen gleitenden „On and On and On“, dessen gewiefter Aufbau Whites Hang zu Strukturstrenge verrät.

Die Tour zum Soloalbum wird White bald auch nach Deutschland führen, wobei von Solotour nicht die Rede sein kann: White wird mit gleich zwei Bands unterwegs sein, einer männlichen und einer weiblichen. Jede Band hat ihre eigene Setlist, sie sollen einander nie spielen hören, um ihren eigenen Sound zu bewahren - White wird streng darauf achtgeben. Er mag die Dinge eben nicht dem Zufall überlassen. Das Wetter nicht und die Musik schon gar nicht.

20.04.2012
Stefan Stosch 20.04.2012
20.04.2012